Freitag, 8. Februar 2019

Die brauchen wir


Heute habe ich einen Freund besucht, dem in einem Haus zwei Wohnungen gehören.
Er bewohnt die Obere und vermietet die andere.
Sein Mieter ist leider eine Pestbeule. Der geht ständig mit einer Lupe durch die Bude und sucht nach Gründen die Miete zu kürzen.
Ein unangenehmer Typ, der latente Drohungen ausspricht. Er kenne einige Richter privat, würde die Wasserqualität begutachten lassen, den Mieterverein einschalten.
Die Absicht dahinter ist offenbar die Miete dauerhaft um 50% gekürzt zu halten – in der Annahme, daß sich mein Bekannter keine größeren Sanierungsarbeiten leisten kann.
Dabei ist der Quadratmeterpreis ohnehin weit unterhalb des Mietenspiegels.
Es gibt natürlich fiese Ausbeuter-Vermieter. Es gibt aber genauso abartige asoziale Mieter.
Um sich das nicht ewig weiter gefallen zu lassen, lieh sich mein Kumpel einen Haufen Geld, um unten das Bad einmal komplett zu entkernen und neu machen zu lassen.
Das war aber schon der Stand vor einem halben Jahr. Die Schwierigkeit war natürlich einen Sanitär-Unternehmer zu finden, der alle Gewerke für so einen Job zusammen bringt. Die großen Firmen winken ohnehin ab. Für ein einzelnes Bad heben die gar nicht erst den Hörer ab. Die Auftragsbücher sind bis zum Bersten gefüllt. Da gibt sich niemand die Mühe für lumpige 10.000,- oder 15.000,- einen Kostenvoranschlag zu erstellen. Im Handwerk gibt es nicht nur Vollbeschäftigung, sondern einen eklatanten Fachkräftemangel.
Vor 10, 20 Jahren lautete der allgemeine Rat in solchen Fällen „Nimm doch Polen!“ Polnische Handwerker haben einen guten Ruf und nehmen die Anfahrt in Kauf.
Aber „die Polen“ sind inzwischen auch EU, arbeiten legal und offiziell in Deutschland. Ich kenne einen polnischen Fliesenleger, den ich in dieser Angelegenheit anrief. Der legte gleich lachend auf; nein er könne beim besten Willen keine Aufträge mehr annehmen. Als ich ein zweites mal anrief, um zu fragen, ob er mir irgendeinen anderen (polnischen) Fliesenleger empfehlen könnte, blaffte er mich an „wüßte ich so einen, würde ich den sofort selbst einstellen“.
Möchte man schnell einen Termin, bleibt einem nur Schwarzarbeit.
Das lehne ich aber grundsätzlich ab und außerdem ist das für VERmieter ohnehin keine Option, weil die Handwerksrechnungen als Werbungskosten steuerlich angerechnet werden.
Man muss inzwischen seine Fühler viel weiter ausstrecken, um einen legalen und seriösen Handwerker zu finden.
Mein Kumpel geriet über Umwege an einen Ukrainischen Unternehmer, der aber offenbar schon länger hier lebt und gut deutsch spricht.
Der macht Bäder und schleppt alle Gewerke an. Am Montag ging es los. Die Jungs, die da nun herum werken, sind kurioserweise alle Russen.
Soweit ist es also nicht her mit der angeblichen Todfeindschaft zwischen Russen und Ukrainern.
Heute konnte ich erleben wie man sich mit jemand verständigt, der wirklich gar kein deutsch und englisch spricht.
Und ich spreche höchstens ein Dutzend russische Worte, die ich mal auf einem russischen Schiff aufschnappte.
Der kugelrunde russische Klempner, der klischeehaft auch noch „Ivan“ hieß, ist aber so ein lustiges Kerlchen, daß man ihn einfach mögen muss. Inzwischen haben fast alle anderen Bewohner des Hauses Freundschaft mit ihm geschlossen, versorgen Ivan mit Kaffee und Kuchen, während er überall tropfende Wasserhähne und leckende Klospülungen repariert. Geld akzeptiert er nicht. Offenbar ist er es gewöhnt bei einem Auftrag für eine bestimmte Wohnung gleich alle  Kleinigkeiten im ganzen Haus als Serviceleistung mit zu erledigen.

Mir ist die deutsche Arbeitsmarktpolitik immer noch ein Rätsel.
So ein Handwerker verdient 50 Euro die Stunde und hat einen abwechslungsreichen Job, bei dem er jeden Tag vor neuen Aufgaben steht, jeden Tag andere Menschen trifft.
Wieso zum Teufel ist das so unattraktiv, daß das Deutsche nicht mehr machen wollen?
Ist es nicht außerordentlich wünschenswert für eine Gesellschaft, wenn die Wirtschaftsleistung von Menschen erbracht wird, die tatsächlich mit den Händen etwas schaffen, das man anfassen kann und einen realen Wert darstellt?
Müßte das nicht zu einer gesunderen und krisenfesteren Wirtschaft führen als CumEx- und CumCum-Knopfdrücker à la Friedrich Merz, die mit virtuellen Finanzprodukten spekulieren und für Hedgefonds Devisen auf irgendwelchen Computergraphiken verschieben?
Das hatte doch schon Richard Gere 1990 in „Pretty Woman“ erkannt, er möchte nicht mehr um des Profites Willen Firmen zerschlagen, sondern lieber etwas bauen.


Die deutsche Jugend ist aber offenbar nicht mehr dafür zu erwärmen Tischler oder Maurer oder Elektriker oder Maler zu lernen.
Lieber „was mit Medien“ oder Marketing und dann schlecht oder gar nicht bezahlte Praktika bis man 50 Jahre und unvermittelbar ist.
Glücklicherweise sind wir nicht mehr auf die tumb-teutonischen Eingeborenen angewiesen.
Globalisierung welcome.

[…..] Jeder vierte Flüchtling in Hamburg ist Akademiker
[…..] Seit 2015 sind rund 55.000 Menschen als Flüchtlinge nach Hamburg gekommen. Rund 33.400 dieser Zugewanderten sind im erwerbsfähigen Alter. Laut einer Statistik der Bundesagentur für Arbeit gehen 11.100 Frauen und Männer einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nach, weitere 6400 haben andere Tätigkeiten. Insgesamt sind zwei Drittel der Geflüchteten in Arbeit oder Ausbildung. […..]

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