Mittwoch, 7. März 2018

Kein Linksruck, nirgends.

Merkel hat die CDU in 18 Jahren in die Mitte gerückt; nach links gar? Hat sie von der SPD ununterscheidbar gemacht?
Und nun kommt mit AKK auch noch eine sozialkatholische Frau als Programm-Generalin dazu?
Armer schwuler Spahn, der so gern multikultiphob tönt. Ist er nun falsch in der Union? Wird er rausgedrängt? Muss er sich eine neue politische Heimat suchen?

Nichts von alledem ist wahr.

Die CDU-Chefin und Bundeskanzlerin redet öffentlich nicht mehr so hasserfüllt über „Kanaken“ und „Schwuppen“ wie es CDU-Vertreter vor einem halben Jahrhundert taten, als Frauen noch nicht ohne die Zustimmung des Ehemannes ein Konto eröffnen durften, als Kinder zum Quälen und Vergewaltigen in kirchliche Folterheime gesteckt wurden, weil sie unehelich geboren waren.

Als Männer ihre Ehefrauen straffrei vergewaltigen durften und jeder Homosexuelle in den Knast kam.
Die Welt hat sich weitergedreht, auch wenn sich Kirchen und die C-Parteien noch so sehr dagegen sträubten.
Es ist erst kurze Zeit her, daß Mehrheiten in der CDU vehement abenteuerlich rückwärtsgewandte Positionen vertraten, mit denen sie jetzt unwählbar wären.


Menschenrechte, Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit, Pressefreiheit, Rechtsstaat, Frauenemanzipation, Folterverbot, Abschaffung der Sklaverei, Abschaffung der Todesstrafe, Freiheit der Kunst, Abschaffung der Prügelstrafe, Tierrechte, Ächtung von Antisemitismus, Schwulenrechte, Abschaffung des Verbots gemischtrassiger Ehen, Abschaffung des Verbots gemischtkonfessioneller Ehen, Verbot von Vergewaltigungen in der Ehe, etc pp - all das mußte gegen den erbitterten Widerstand der Kirchen erkämpft werden.

(….) Auch aktuelle Koalitionspolitiker stimmten noch 1997 gegen das Verbot von Vergewaltigung in der Ehe, weil sie offensichtlich der Ansicht waren, es wäre das natürliche Recht eines Mannes die Frau sexuell zu penetrieren, auch wenn sie sich dagegen wehre.
25 Jahre sperrten sich CDU und CSU erfolgreich gegen die Strafbarkeit von Ehefrauen-Vergewaltigung. Erst 17 Jahre nach einer entsprechenden UN-Konvention folgte das deutsche Parlament.

Am 15. Mai 1997 stimmten von den anwesenden 644 Abgeordneten 471 für den Gruppenantrag und 138 dagegen, 35 enthielten sich der Stimme.

Alle Abgeordneten der Linken, der Grünen und der SPD stimmten für Ulla Schmidts Gruppenantrag.

CDU/CSU
Brigitte Baumeister, Meinrad Belle, Dr. Joseph-Theodor Blank, Dr. Norbert  Blüm, Dr. Wolfgang Bötsch, Klaus Brähmig, Rudolf Braun (Auerbach), Georg Brunnhuber, Manfred Carstens (Emstek), Hubert  Deittert, Albert  Deß, Wilhelm Dietzel, Hansjürgen Doss, Maria Eichhorn, Wolfgang Engelmann, Heinz Dieter Eßmann, Anke Eymer, Klaus Francke (Hamburg), Dr. Gerhard Friedrich, Hans-Joachim Fuchtel, Norbert Geis, Dr. Reinhard Göhner, Dr. Wolfgang Götzer, Joachim Gres, Kurt-Dieter Grill, Wolfgang Gröbl, Manfred Grund, Carl-Detlev Freiherr von Hammerstein, Gottfried Haschke (Großhennersdorf), Gerda Hasselfeldt, Otto Hauser (Esslingen), Hansgeorg Hauser (Rednitzhembach), Klaus-Jürgen Hedrich, Helmut Heiderich, Detlef Helling, Ernst Hinsken, Josef Hollerith, Dr. Karl-Heinz Hornhues, Siegfried Hornung, Joachim Hörster, Georg Janovsky, Helmut Jawurek, Dr. Dionys Jobst, Dr.-Ing. Rainer Jork, Bartholomäus Kalb, Volker Kauder, Hans-Ulrich Köhler, (Hainspitz), Manfred Kolbe, Rudolf Kraus, Wolfgang Krause (Dessau), Reiner Krziskewitz, Dr. Hermann Kues, Dr. Karl A. Lamers (Heidelberg), Helmut Lamp, Dr. Paul Laufs, Karl-Josef Laumann, Dr. Klaus W. Lippold (Offenbach), Heinrich Lummer, Dr. Michael Luther, Erwin Marschewski, Dr. Martin Mayer (Siegertsbrunn), Dr. Michael Meister, Friedrich Merz, Elmar Müller (Kirchheim), Engelbert Nelle, Bernd Neumann (Bremen), Friedhelm Ost, Eduard Oswald, Dr. Peter Paziorek, Angelika Pfeiffer, Dr. Gero Pfennig, Dr. Winfried Pinger, Dr. Hermann Pohler, Dr. Bernd Protzner, Dieter Pützhofen, Hans Raidel, Dr. Peter Ramsauer, Peter Rauen, Otto Regenspurger, Klaus Dieter Reichardt (Mannheim), Hans-Peter Repnik, Roland Richter, Roland Richwien, Dr. Erich Riedl (München), Klaus Riegert, Franz Romer, Hannelore Rönsch (Wiesbaden), Dr. Klaus Rose, Kurt  J. Rossmanith, Adolf Roth (Gießen), Dr. Christian Ruck, Roland Sauer (Stuttgart) , Hartmut Schauerte, Karl-Heinz Scherhag, Gerhard Scheu, Norbert Schindler, Dietmar Schlee, Bernd Schmidbauer, Christian Schmidt (Fürth), Hans-Otto Schmiedeberg, Hans Peter Schmitz (Baesweiler), Michael von Schmude, Wolfgang Schulhoff, Dr. Dieter Schulte, (Schwäbisch Gmünd), Clemens Schwalbe, Wilhelm Josef Sebastian, Horst Seehofer, Heinz-Georg Seiffert, Johannes Selle, Jürgen Sikora, Johannes Singhammer, Wolfgang Steiger, Erika Steinbach, Dr. Wolfgang Freiherr von Stetten, Dr. Gerhard Stoltenberg, Max Straubinger, Matthäus Strebl, Michael Stübgen, Egon Susset, Michael Teiser, Dr. Klaus-Dieter Uelhoff, Gunnar Uldall, Dr. Theodor Waigel, Dr. Jürgen Warnke, Hans-Otto Wilhelm (Mainz), Dr. Fritz Wittmann, Dagmar Wöhrl, Peter Kurt Würzbach, Wolfgang Zeitlmann, Benno Zierer, Wolfgang Zöller.

Der zukünftige Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, der heutige Hoffnungsträger der konservativen C-Politiker sitzt in einem Boot mit Typen, die noch vor wenigen Jahren laut gegen das Schwulsein an sich pöbelten.

(….) Als zu Beginn der Rotgrünen Bundesregierungszeit die umgangssprachliche „Homoehe“ eingeführt wurde, gab es eine dieser Situation, die einen echten Singhammer erforderte, weil der übliche Geis nicht mehr ausreichte.
Im Bundestag gibt es unter 622 Abgeordneten im Grunde nur noch zwei ausgewiesene Homohasser, die das auch laut sagen - Johannes Singhammer und Norbert Geis; selbstredend beide CSU.

Bei aller Nächstenliebe aber darf in der Öffentlichkeit nicht der Eindruck entstehen, als sei diese Lebensform etwas ganz selbstverständliches, als sei es richtig, wenn junge Menschen sich für eine solche Lebensform entscheiden. Es ist daher an der Zeit, dass diese Lebensform endlich auch in der Öffentlichkeit als das bezeichnet wird, was sie ist: die Perversion der Sexualität. Die Aufdringlichkeit, mit der sich Homosexuelle öffentlich prostituieren, ist nur noch schwer zu ertragen. Sie lassen jede Scham vermissen. Der Verlust der sexuellen Scham aber ist immer ein Zeichen von Schwachsinn, wie es Freud formuliert hat. Deshalb muss in der Öffentlichkeit Widerspruch laut werden, damit der Schwachsinn nicht zur Mode wird.“
(Norbert Geis)

„Der Arbeiter am Fließband oder der Kumpel unter Tage muss sich krumm legen, damit die Rente der „Homo-Witwe“ mitfinanziert wird“

(Singhammers Warnung zur Homosexuellen-Gleichstellung bei der Rentenreform)

„In der Ehe und bei heterosexuellen Paaren liegt die Zukunft. Und nicht bei irgendwelchen Fehlentwicklungen.“
(Norbert Geis 2009)  (….)

Eine CDU-Vorsitzende, die so ein Weltbild weiterhin laut propagieren würde, wäre schön doof, weil die deutsche Wählerschaft insgesamt sensibler gegenüber sexueller Belästigung, Pädophilie und Homophobie wird.
Singhammer, Ramsauer, Geis oder Koch sind heute Urnengift.

Merkel redet daher öffentlich nicht mehr so abschätzig und diskriminierend über Minderheiten, wie es ihre Vorgänger Adenauer und Kohl noch taten.

Das bedeutet aber keinesfalls, daß sie bis hinein in unterste Parteigliederungen das Denken vorgeben könnte oder wollte. Im Gegenteil; Merkel tolerierte stets auch die ganz üblen braunen Ausfälle der notorisch rechts-rechtsradikalen CDU-Landesverbände in Hessen, Baden Württemberg und Sachsen.


[…..] Schloss Weikersheim in Baden-Württemberg vor zwei Wochen. Prominente CDU-Mitglieder singen die Nationalhymne – zusammen mit Rechtsradikalen. Einige der hier Versammelten sind beides in einer Person: CDU-Mitglied und rechtsradikal. Etwa Albrecht Jebens, Vorstandsmitglied der rechtsextremen "Gesellschaft für Freie Publizistik".

0-Ton Interviewerin: "Herr Jebens, eine Frage an Sie: Sie sind Mitglied der CDU?"
Dr. Albrecht Jebens (CDU): "Ja."

Interviewerin: "Und auf der anderen Seite sind Sie Funktionsträger in der rechtsextremen Gesellschaft für Freie Publizistik – wie geht das zusammen?"
Dr. Albrecht Jebens: "Ich bin ein freier Mensch."

Interviewerin: "Dann geht das zusammen?"
Dr. Albrecht Jebens: "Natürlich geht das zusammen."

Kommentar: Den Verfassungsschützern ist dieser Verein bestens bekannt – durch Hetze gegen Juden und Verharmlosung des Holocaust. In den Verfassungsschutzberichten gilt die Gesellschaft als "bedeutendste rechtsextremistische Kulturvereinigung"

0-Ton Helmut Rannacher (Verfassungsschutz Baden-Württemberg): "Ich hätte bei der Gesellschaft für Freie Publizistik gar keinen Zweifel, dass es sich hier um eine deutlich rechtsextremistische Organisation handelt. Wer dort auftritt, muss sich dies anrechnen lassen, und er muss es vor allem auch wissen, dass er sich eindeutig im rechtsextremistischen Milieu bewegt."

Kommentar: Das Vorstandsmitglied dieser rechtsextremistischen Organisation, CDU-Mann Albrecht Jebens, ist hier, bei der vornehmen Gesellschaft in Weikersheim, herzlich willkommen, umringt von prominenten Parteifreunden. Mit dabei der hessische Ministerpräsident Roland Koch – und auch ein Innenminister, der eigentlich Rechtsradikale bekämpfen sollte: Jörg Schönbohm. Doch der will von den Aktivitäten seines rechtsradikalen Parteifreundes nichts wissen. [….]

Merkel selbst begann ihre Karriere als CDU-Generalsekretärin mit einer stramm xenophoben Kampagne gegen Ausländer.


Wenn die Kanzlerin im Jahr 2018 nicht so klingt wie Roland Koch 2008, heißt das noch lange nicht, daß die CDU nicht immer noch dumpf rechtes, xenophobes, misogynes, homophobes, antisemitisches und islamophobes Gedankengut kultiviert.

Neun Jahre lang machte Sachsens Ministerpräsident Tillich stramm xenophobe Politik, paktierte erst mit der NDP und dann mit der AfD gegen alles, das irgendwie links oder nach Antifa klang.
Daß gerade Sachsen auf Investitionen aus dem Ausland und Touristen angewiesen ist, wollte die Sachsen-CDU nicht wahrhaben und wurde immer rechter.

(…..) Sächsische Minister sollten sich also aus vielerlei Gründen darum bemühen möglichst viele von den kostbaren Migranten in ihr unterausländerisches Bundesland zu holen.

Aber auch bei ihnen ist die Entklugung viel zu weit fortgeschritten. Sie bedienen lieber ultrarechte, latent völkische Ideologien.
Sachsens Innenminister Markus Ulbig (CDU) will jetzt spezielle Polizei-Sondereinheiten bilden, um gegen die kriminelle Asylantenflug vorzugehen. Ausgerechnet in dem Bundesland, in dem es mit am wenigsten Migranten überhaupt gibt.

Sachsens Innenminister Markus Ulbig macht Stimmung gegen Flüchtlinge. […] Schon ab Dezember sollen in Sachsen künftig spezielle Polizeieinheiten für straffällige Asylbewerber zuständig sein. „Wir beginnen mit dem Modell in Dresden und wollen sie dann im ganzen Land einsetzen“, sagte Innenminister Markus Ulbig (CDU) der Dresdner Morgenpost. […] „Es darf nicht sein, dass einer, der kein Recht auf Asyl hat und dann noch schwer straffällig geworden ist, durch das Zusammentreffen von Strafprozessordnung und Ausländerrecht am Ende mit einer Art Bleiberecht belohnt wird“, erklärte Ulbig. […] Der sächsische Flüchtlingsrat hält Ulbigs Äußerungen für gefährlich und falsch. Die Kriminalitätsrate sei selbst nach Angaben der sächsischen Polizei im Umfeld von Flüchtlingsunterkünften nicht gestiegen, so Sprecher Marko Schmidt. „Ulbig schürt Ängste“, sagte Schmidt der taz. Die Polizei sollte besser zunehmende rechtsmotivierte Übergriffe auf Asylbewerber aufklären.
Ulbig bediene die Argumentation der sogenannten „Patriotischen Europäer gegen Islamisierung des Abendlandes“ (Pegida), die seit Wochen in Dresden Stimmung gegen Asylbewerber machen, so Schmidt. Für den Montagabend hat die islamfeindliche Initiative bereits zum sechsten Mal zu einer Demonstration durch Dresden aufgerufen. […] Scharfe Kritik an Ulbigs Vorhaben kam am Montag von den sächsischen Linken. Der Fraktionsvorsitzende der Linken im Landtag, Rico Gebhardt, kritisierte Ulbigs Zungenschlag als befremdlich. Es handele sich um das Gegenteil von Willkomenskultur. „Es ziehen keine zugereisten marodierenden Banden durchs Land, sondern es müssen Asylbewerberheime rund um die Uhr vor befürchteten Übergriffen ,einheimischer' Täter geschützt werden“, so Gebhardt. […] Ulbig strebt derzeit eine Kandidatur als Oberbürgermeister von Dresden an. Die Wahl soll Anfang Juni 2015 stattfinden. Die oppositionellen Grünen vermuten darin auch das Motiv für Ulbigs Äußerungen: „Fremdenfeindlichen Einstellungen Vorschub zu leisten, gehört nicht zu den Aufgaben eines Innenministers. Und Oberbürgermeister-Wahlkampf auf niedrigstem Niveau genauso wenig“, sagte Petra Zais, migrationspolitische Sprecherin der Fraktion. […]
(taz, 24.11.14)

Herr Ulbig stellt damit die Moral seiner Partei wieder einmal zur Schau, verhält sich widerlich und menschenverachtend.
Aber eben auch saudumm.
Rechts ist viel Platz im CDU-Deutschland.

[…..] Eine AfD-Delegation bereist das Kriegsland Syrien. Gleich am ersten Tag des Besuchs trafen die Politiker den syrischen Großmufti. Der Geistliche hat in der Vergangenheit mit Selbstmordanschlägen in Europa gedroht. [….]

Offiziell beklagt sich die CDU in Person ihres menschenrechtspolitischen Sprechers die neueste Eskapade der AfD-Rechtsaußen im Bundestag.

[…..] Eine Gruppe von AfD-Bundestagsabgeordneten und nordrhein-westfälischen Landtagsabgeordneten hatte am Dienstag Fotos veröffentlicht, die sie unter anderem bei einem Treffen mit dem Assad-treuen Großmufti Ahmed Hassun zeigen. Die Reise soll die AfD-Forderung nach einer Rückkehr der in Deutschland lebenden syrischen Flüchtlinge unterstreichen.
Als "einfach widerlich" bezeichnete der menschenrechtspolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion die Reise. "Während Bomben und Giftgas von Diktator Assad eingesetzt werden" würden die AfD-Politiker "ohne Skrupel in die Kameras lächeln und sich mit der Täter-Clique treffen", sagte Michael Brand.
"Sie haben als Politiker aus Deutschland den guten Namen unseres Landes in den Dreck gezogen", heißt es weiter in der Mitteilung des CDU-Politikers. "Dabei noch in die Kameras zu lächeln, ist einfach ekelhaft." [….]

[….] Ist die AfD ein Fall für den Verfassungsschutz? SPD-Justizminister Heiko Maas wähnt Teile der Partei auf dem Weg dahin. [….]

Während sich Merkels Partei also oberflächlich von der braunen Pest absetzt, kooperiert sie an anderer Stelle ungeniert mit den rassistischen Hetzern.
Dieser Part der ultrarechten CDU kann auf Merkel zählen. Sie hatte immerhin den immer wieder mit hetzerischen Lügen gegen Ausländer agierenden CDU-Bundesinnenmister über Jahre gewähren lassen und schließlich die brutale Familien-zerstörende Flüchtlingspolitik der CSU übernommen.

[….]  Jörg Urban hat keine Zeit verloren: Am Wochenende erst hatte der Parteikonvent der AfD festgestellt, dass AfD-Funktionäre nun auch bei Veranstaltungen der islamfeindlichen Pegida-Bewegung auftreten dürfen. Schon am Montagabend stand Urban, seit Februar Vorsitzender der AfD Sachsen und Chef der Landtagsfraktion, in Dresden bei Pegida auf der Bühne. "Ich freue mich", erklärte Urban dort vor 1500 Pegida-Anhängern, "dass ich hier stehen darf, ohne dass ich befürchten muss, dass in meiner Partei wieder große Streitigkeiten ausbrechen." Von Anfang hätten Bewegung und Partei fast dieselben Standpunkte vertreten: "Pegida und die AfD sind dieselbe Bewegung." [….] Gleichzeitig verwischen auf Landesebene zunehmend die roten Linien, die die anderen Parteien einmal zur Distanzierung von der AfD gezogen hatten. "Der Konsens der Demokraten in der Abgrenzung zur AfD bröckelt in einigen Regionen", sagt [Politikwissenschaftler] Schroeder. "Ich würde da vor allem Sachsen-Anhalt und Thüringen nennen." Und vor allem: Die CDU. Da sei damit zu rechnen, dass die Partei in Zukunft öfter mit der AfD zusammenarbeiten werde, sagt Schroeder. Vorboten dafür hatte es zuletzt mehrmals gegeben.
So stimmte die AfD im September vergangenen Jahres in Thüringen gegen die Einrichtung eines Entschädigungsfonds für NSU-Opfer – genauso wie die CDU, die dort neben ihr auf der Oppositionsbank sitzt. Die CDU hätte gern im Landtag erörtert, ob nicht eine Initiative auf Bundesebene sinnvoller sei, sagte Fraktionssprecher Karl-Eckhard Hahn dieser Redaktion. Doch das sei nicht möglich gewesen. Im Übrigen richte sich die Fraktion nicht nach dem Stimmverhalten anderer. "Wer das eigene Abstimmverhalten von dem der AfD abhängig machte, betriebe deren Spiel", erklärte Hahn.
Wenige Monate später stimmte die Fraktion der CDU im Landtag von Potsdam für einen Antrag der AfD. Die SPD zeigte sich "entsetzt", die Linke sprach von einem Tabubruch. Andreas Kalbitz, Chef der AfD in Brandenburg, pflegte nach Recherchen des ARD-Magazins "Kontraste" Kontakte zur inzwischen verbotenen rechtsextremen "Heimattreuen Deutschen Jugend". [….]

Dienstag, 6. März 2018

Willkommen in der Realität

Tragisch (griechisch τραγικός) heißt nach Aristoteles ein Ereignis, das zugleich Mitleid (mit dem Betroffenen), eleos, und Furcht (um uns selbst), phobos, erweckt. Es kann allgemein „erschütternd“ bedeuten, in der Literatur bezeichnet es aber die Tragik und die Form Tragödie.

Ein tragisches Ereignis muss einerseits ein Leiden sein, weil es sonst nicht selbst Leid wecken könnte; aber es darf nicht die gerechte Strafe eines wirklichen Verbrechens sein, denn dies würden wir zwar bedauern, aber nicht bemitleiden. Anderseits muss es furchtbar sein, weil wir es sonst nicht fürchten würden, und es muss willkürlich verhängt sein. Nur das unverdiente Leiden ist wirklich tragisch, einen „Schicksalsschlag des Lebens gegen den Menschen“. [….]


Das klang nach einer wüsten Kriminalstory, die gestern über die Hamburger Sender verbreitet wurde.



Schießerei in einem Ahrensburger Altersheim. Tote und Verletzte. Schockierend, diese brutale Gewalt gegen Alte. Wer ballert bitte sehr im Seniorenstift?
Greift Al Kaida an?


Heute, nachdem ein paar mehr Details bekannt geworden waren, veränderte sich die Tonlage der Berichte.
Nun war es nicht mehr die dramatische Räuberpistole, sondern ein fürchterlich tragische Story.
Ein erweiterter Selbstmord aus Liebe. Eine Verzweiflungstat eines Hochbetagten?
Eine Kapitulation vor der Demenz? Ein Opfer der Geißel Alzheimer?

[….] Der Fall hatte viele MOPO-Leser erschüttert: Der 98-jährige Ehemann hatte deshalb das Feuer auf seine 91-jährige Frau eröffnet, weil er ihr weiteres Leiden ersparen wollte.  [….]

Wie schrecklich tragisch. Ein fast 100-Jähriger konnte seiner Frau nicht mehr helfen. Und so griff er aus Liebe zur Waffe?

[….] Demenz, eine furchtbare Krankheit – für Betroffene, aber auch für Angehörige, die damit fertigwerden müssen, dass ein geliebter Mensch immer mehr entgleitet in die Welt des Vergessens. Herbert K. (98) war entschlossen, seine Frau zu erlösen – und sich selbst auch. Am Sonntag besuchte er sie in ihrem Heim in Ahrensburg und schoss. Eine tödliche Verzweiflungstat, die den Blick auf ein großes gesellschaftliches Problem lenkt.
Zuerst feuerte Herbert K. (Name geändert) auf seine 91-jährige Frau. In der festen Überzeugung, dass sie tot ist, richtete er die Waffe dann gegen sich. Er war sofort tot. Sie jedoch – und das verleiht der Geschichte zusätzliche Tragik – überlebte. Ihre Lage ist kritisch. Sie wird es wohl nicht schaffen.
Herbert K. (Name geändert) hat seine Frau inständig geliebt, erzählt Christian Potthoff (67), der Geschäftsführer der Berliner Heimbetreiber-Firma „inter pares“. Jeden Tag ist er ins Heim gefahren, um sie zu besuchen. [….]

Die BILD versah ihre Berichterstattung mit Warnhinweisen ….


…da Suizide immer noch als extrem tragisch gelten und alles dafür getan wird Suizide zu verhindern.
Was wäre es für ein Drama, wenn Robert-Encke-artig selbstmörderische Nachahmungstäter erst auf den Geschmack gebracht würden.

Die Morgenpost gibt sich sogar noch mehr Mühe, druckt ein Interview mit einer Alzheimer-Expertin („So schlimm ist Demenz für Angehörige“!), die bahnbrechende Erkenntnisse von sich gibt:

[….]  In ihr Befinden spielen viele Gefühle mit hinein. Die Trauer, einen geliebten Menschen nicht mehr so wie früher zu haben. Dazu die Wut, ausgerechnet selbst betroffen zu sein. Wut, nicht mehr mit dem betroffenen Menschen sprechen zu können. Daraus kann sich eine große Verzweiflung entwickeln. [….] Einsamkeit kann zu einer Überforderung der Angehörigen beitragen.
[….] Ganz wichtig ist das Gefühl, nicht allein mit der Belastung dazustehen. Dabei hilft Austausch – mit Beratungsstellen, aber auch mit anderen Betroffenen. Wir können jedem empfehlen, sich Unterstützung zu holen. Denn häufig haben sich die Angehörigen kaum mehr selber im Blick, weil sie sich nur noch um ihre Liebsten kümmern. [….]

Eine perfide Form des Nachtretens.
Der dumme Opi aus Ahrensburg hat sich halt keine Hilfe geholt.
Und eine idiotische Form des Nachtretens, denn bei einem 98-Jährigen mit Demenzproblematik ist das Ende der Seereise erreicht – da können noch so viele Beratungsgespräche und Aufklärungsveranstaltungen von Vereinen nicht helfen.

Was ist bloß los mit den Menschen?
Offenbar scheinen Journalisten immer noch zu glauben, daß nicht alle Menschen sterben müssen.
Sterben ist nicht tragisch, sondern das Normalste und Elementarste, das es gibt.

Das Leben ist eine durch Geschlechtsverkehr übertragene Krankheit, die zu 100% tödlich endet.
Oder wie der Amerikaner sagt:

    „Life sucks – and then you die“

Wir sterben also alle und zwar auf jeden Fall.
Seltsamerweise bildet sich der kleine Homo Sapiens ein durch intensives Ignorieren und Verdrängen die absolute Sinnlosigkeit des eigenen Seins ausblenden zu können.

Niemand will an sein eigenes Ende denken.
Daß man endet ist klar, aber WIE man endet, ist außerordentlich vielfältig. So unterschiedlich, daß man dabei glatt vergessen könnte, daß man ja doch stirbt und demnach alles egal ist was man tut.

    Ich möchte im Schlaf sterben wie mein Großvater, nicht schreiend und heulend wie seine Beifahrer im Wagen.
    (Will Shriner)

Dank der wunderschönen Website WORLDOMETERS erfährt man das menschliche Sterben in Echtzeit.



Jemand, der 98 Jahre geworden ist und offenbar bis zum Schluss eine glückliche Ehe führte hat ziemlich viel Glück gehabt in seinem Leben.

Es ist nicht tragisch, sondern klug und umsichtig die Umstände zu analysieren und das Unvermeidliche selbst in die Hand zu nehmen, um das Elend abzukürzen.

Das tote Ehepaar in Ahrensburg (sie ist mittlerweile auch verstorben) sollte nicht als tragischer Fall betrachtet werden, sondern als Anklage an die schweren Religioten im deutschen Parlament, die entgegen des Wunsches der weit überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung selbstbestimmtes Sterben verweigern und in bösartiger Weise den Menschen dadurch vermeidbares Leid zufügen.

Es ist erbärmlich, daß in Deutschland ein 98-Jähriger gezwungen wird zur Waffe zu greifen, wenn er seine Frau liebt.
Verfügten Nahles, Griese, Thierse und all die CDUCSU-Christoban über einen Funken Anstand, würde man Menschen in so einer Notlage helfen und sie nicht kriminalisieren und im Stich lassen.

Man würde offen über den Fall sprechen und schließlich medizinisch assistieren, um einen sanften, schmerzfreien Tod auf Wunsch zu ermöglichen.

Hospize, Palliativpflege, Alzheimerberatung, Depressionstelefone muss es natürlich geben, aber Nahles und Co sind vollkommen geistesgestört, wenn sie glauben dadurch den Tod vermeiden zu können.
Irgendwann sterben wir doch alle – egal wie viel Käßmann betet und wie sehr Alzheimer-Vereine einem Mut zusprechen.

Mitfühlende Politiker würden sich dieser ultimativen Realität stellen und Möglichkeiten schaffen, daß man ruhig und würdevoll sterben kann und nicht gewungen wird sich mit 98 Jahren einen Revolver zu besorgen.

Weichenstellungen für die Zukunft

Vorbemerkung:

Hier läuft einiges noch nicht ganz rund; ich weiß nicht, ob ich das Tilidin oder das Kaspersky überdosiert habe. Morgen früh um 8.00 Uhr (so ein Mist; gerade hatte ich mich vom abartigen Krankenhaus-Tagesnacht-Rhythmus wieder auf meinen gewöhnlichen Vampir-Rhythmus zurückgeschlafen) invasiert hier ein Techniker von meinem neuen lokalen Telefon/Internet-Anbieter, bringt eine Luxus-Fritzbox mit und klemmt mich an ein Hochleistungs-Glasfaserkabel.
O2 verließ mich in meinem schweren Stunden der letzten Februartage, während ich Metallstreben ins Bein gehämmert bekam. Kein Mitleid, diese Typen.
Nun nerven sie aber umso hartnäckiger mit dem Begehren ihre beiden O2-Boxen zurück geschickt zu bekommen.
Mal ganz abgesehen davon, daß die meine postoperative Mobilität völlig falsch einschätzen, wenn sie mutmaßen, ich könnte jetzt wie ein Frettchen unterm Schreibtisch umherkriechen und all die Kabel entwirren, wäre es ganz schön gewesen diese kommunikativen Enthusiasmus in all den Wochen erlebt zu haben, als ich immer wieder offline war und man mir in der O2-Serviceline bedeutete doch bitte ein paar Tage später wieder anzurufen, wenn nicht gerade so viele Störungen anlägen.

Als Nicht-IT-Mensch kann ich immer wieder nur staunen, wieso diese Neuland-Dinge, also Exotisches wie Internet, WLAN oder Mobiltelefon, immer noch so ein Riesenproblem in Deutschland sind.
Müßte es nicht eine Möglichkeit geben, zumindest in Großstädten, online gehen zu können, ohne sich vorher aus Gram um die wochenlange Wartezeit alle Haare auszureißen?
Wäre es nicht technisch irgendwie möglich eine Internetverbindung bereist gestellt zu bekommen, ohne vorher Jahrelang Informatik studiert zu haben?
Wieso wird das immer schwieriger?
Als ich mein erstes Notebook bekam, klappte ich das Ding auf, daddelte ein Stündchen in dem Menu herum, lud ein gängiges Sicherheitsprogramm herunter und konnte alle Funktionen nutzen.
Mein aktuelles Notebook hingegen ging erst einmal an einen Spezialisten, der zwei Tage „Einstellungen“ vornahm, unter anderem ein sinnigeres Laufwerk einbaute, da das nagelneue Mitgelieferte viel zu lahm war. Dennoch waren einige Treiber nicht aufzutreiben. W10 ist sich zu fein für drei Jahre alte Laserdrucker.
DVDs brennen kann ich bis heute nicht und selbstredend passierte auch rein gar nichts, als ich die Daten-CD aus dem Krankenhaus mit meinen CT-Aufnahmen einlegte.
Klar, ich bin Laie und diese computertechnischen Dinge interessieren mich auch nicht genug, um mich stundenlang durch manuals zu wühlen.
Andererseits habe ich eine Naturwissenschaft studiert und halte mich daher auch nicht für den Prototyp eines weltfremden Künstlers.

That said, glaube ich, die SPD kann froh sein durch eine brutale Katharsis gegangen zu sein. Daß Opa Martin nicht die Zukunft sein kann, hätte Zickzack-Sigi schon im Januar 2017 klar sein müssen. Weshalb er einen noch älteren Mann ohne Regierungserfahrung zu seinem eigenen Nachfolger erkor, war mir damals schon ein Rätsel. Möglicherweise ein Anfall von JeremyCorbynitis?
Wenn ein alter Mann mit Zottelbart in England funktioniert, ein Mittsiebziger die US-Demokraten aufmischt, sollte das hier doch auch möglich sein?
Aber Herr Sanders ist ein erfahrener US-Senator, der das nationale politische Geschäft genau kennt. Auch Corbyn ist eher links, während Schulz Seeheimer ist.
Und alle drei haben die Wahlen verloren, sehen sich nun einem konservativeren Regierungschef gegenüber.

Als Schulz am Wahltag verkündete in die Opposition zu gehen und offensichtlich um seine Ämter fürchtend Nahles auf den Fraktionschefsessel setzte, damit er wenigstens SPD-Chef bliebe, graute mir schon davor wie alt er wohl im Jahr 2021 wirken würde, wenn Merkel vom heimischen Uckermärker Sofa aus ihren jüngeren und frischeren CDU-Nachfolger im TV-Duell ansähe.

Jemand wir Schulz mussten wir Sozis auch erst mal wieder loswerden und wie macht man das, ohne als königsmörderische Intriganten da zu stehen, die ihren 100%-Liebling meucheln?
Da kann man doch von Glück reden, oder je nach Ansicht auch einfach dankbar dafür sein, daß Schulz nicht nur wie bisher ungeschickt agierte, sondern sich zu einem derartigen Megatrotteltum steigerte, daß er sich selbst aus dem Spiel nehmen musste.
Besser tabula rasa am Anfang der Legislatur. Wer wird sich in im nächsten Bundestagswahlkampf noch an Schulz erinnern?
Peer Steinbrück, der in einer ähnlichen Zickzack-Sigi-Sturzgeburt als Kanzlerkandidat ins Rennen gespuckt wurde, war ein Intellektueller, ein Querdenker und ein Regierungspraktiker.
Immerhin verbesserte er das SPD-Wahlergebnis, litt aber stets darunter vom Nahleschem Willy-Brandt-Haus blockiert und ausgebremst zu werden. Er hatte nicht nur eine Gegnerin Merkel, sondern auch einen Parteichef Gabriel als Bremsklotz, der eifersüchtig auf Medienpräsenz schielte und eine Generalsekretärin, die voller Hingabe die Wahlkampagne gegen die Wand fuhr.

Immerhin, die SPD war lernfähig. Noch einen gefesselten Kanzlerkandidaten würde man nicht ins Rennen mit der in Partei und Regierung fest verankerten Merkel schicken.
So wurde der aus Brüssel nach Berlin drängende Schulz, der nach dem Verlust seines Postens als EU-Parlamentspräsident dringend eine neue Stelle suchte, eben nicht nur der nach vorn geschobene Pappkamerad, sondern auch gleichzeitig Chef des Willy-Brandt-Hauses.
All das wovon Steinbrück nur träumen konnte, hatte er. Als SPD-Parteichef, der zudem mit dem größten jemals dagewesenen Vertrauensvorschuss von 100% gewählt wurde, hätte er alle Beinfreiheiten der Welt gehabt.
Wer kann denn ahnen, daß sich so einer als derartig blöd herausstellt, daß er trotzdem inhaltlich gefesselt wurde, sich nicht traute das zu sagen, was er angeblich wollte. Er steckte in einem Wahlkampfkorsett? Man ließ ihn nicht tun, was er wollte?
Man setzte die falschen Themen? Ließ ihn nicht im NRW-Wahlkampf auftreten?
Wer „man“?
Schulz war der Chef vom Ganzen und hätte sich durchsetzen können.
Zum Glück ist der Mann Geschichte.

Ihm folgen eine Parteichef von der ich weniger als nichts erwarte; immerhin kann sie mich also nicht mehr enttäuschen, sondern höchstens positiv überraschen. Und es folgt mutmaßlich ein Vizekanzler, der als diametrales Gegenteil von Schulz mit reichlich Regierungserfahrung gesegnet ist und allerdings weiß sich in der Partei durchzusetzen.

Die CDU wurde in perfekter Merkel-Manier ruhiggestellt.
Merkel machte der Partei weiß, eine 55-Jährige konservative Provinz-Katholikin stünde für die neue Generation in der CDU, vermied einen Aufstand der Jungen, indem sie deren Liebling, einen egomanen Pharmalobbyisten zum Gesundheitsminister machte.
Darüber wurde ganz vergessen wer eigentlich Kanzlerin und Parteivorsitzende ist – nämlich die Frau, die schon seit 18 Jahren der Boss ist und die es so gut versteht sich frei von irgendwelchen inhaltlichen Fesseln selbst die Macht zu sichern.

Die FDP ist auf lange Zeit durch Christian Lindners Feigheit blamiert.
Zweifellos wird er sich im Bundestag ordentlich aufblasen und der nächsten Groko allerlei vorhalte machen. Aber das wird leicht zu kontern sein mit dem Hinweis auf sein Novemberliches Mimimi-ich-will-nicht-mitregieren.

Die AfD wird sich wie alle deutschen Rechtsparteien im Parlament ungeheuerlich blamieren.

[…..] Wenn kei­ne Ka­me­ras lau­fen, ist die AfD oft schlecht vor­be­rei­tet oder schlicht ah­nungs­los. So be­rich­ten Mit­glie­der des Rechts­aus­schus­ses ge­nüss­lich, dass die AfD sich neu­lich ge­wei­gert habe, eine EU-Richt­li­nie zum Bin­nen­markt zur Kennt­nis zu neh­men. Die­ser rein tech­ni­sche Vor­gang ist eine Art Ein­gangs­stem­pel des Aus­schus­ses, trotz­dem sträub­ten sich die AfD-Mit­glie­der da­ge­gen.
Dem In­nen­aus­schuss lag kürz­lich ein An­trag der Rech­ten un­ter der Über­schrift „Um­fas­sen­de Grenz­kon­trol­len so­fort ein­füh­ren“ vor. Doch kaum stand ihr Vor­ha­ben auf der Ta­ges­ord­nung, ver­säum­ten es die AfD-Mit­glie­der, eine De­bat­te zu be­an­tra­gen. So konn­ten sie im Aus­schuss nicht ein­mal über ihr ei­ge­nes Pa­pier spre­chen.
Auch im Ple­num bla­mie­ren sich die AfD-Leu­te re­gel­mä­ßig mit Feh­lern oder kon­fu­sen Auf­trit­ten. Als der Bun­des­tag auf ih­ren Wunsch über Frau­en­rech­te dis­ku­tie­ren woll­te, war der ers­te AfD-Red­ner un­auf­find­bar. „Ich bit­te die AfD-Frak­ti­on zu klä­ren, ob ihr Red­ner re­det oder ob wir jetzt Mut zur Lü­cke ha­ben“, sag­te Vi­ze­prä­si­den­tin Pe­tra Pau. […..]
(DER SPIEGEL, 03.03.2018)

Die AfD-Fans wird das nicht stören, weil sie von der xenophoben Hetze und den miesen Diffamierungen der braunen Parlamentarier begeistert sein werden.

In die Sackgasse manövriert hat sich auch die CSU, die den alten Ministerpräsidenten loswerden wollte, weil sie ihn für absolut nicht mehr zeitgemäß hielt. Seehofer hatte sich in Bayern als Urnengift erwiesen, wurde für ein Regierungsamt als untauglich betrachtet.
Statt ihn aber wie frühere CSU-Größen mit einem gewaltigen Tritt in den Hintern aufs Abstellgleis zu schieben (Stoiber, Beckstein, Huber, Streibl) schickt sie den bald 70-Jährigen Nichtakademiker ohne juristische Kenntnisse als Verfassungs-Superminister nach Berlin, um dort Merkel zu piesacken.
Ausgediente Geronten, die es in München nicht mehr bringen, sind noch gut genug für Berlin?
Ein Posten für Seehofer bedeutet insbesondere auch einen Posten weniger für jüngere und fähigere Leute in der CSU.
Ein weiterer Minister wird Schummel-Scheuer, der ebenfalls frei von irgendwelcher Sachkenntnis ein Ministerium leiten wird.

Neue Generation oder – Gott bewahre – gar eine Frau, schickt die CSU nicht an Merkels Kabinettstisch.
Zukunft geht anders.

[….] Der neue Superinnenminister Horst Seehofer hätte ein Stück bundesdeutsche Frauengeschichte mitschreiben können. Stattdessen zeigt der CSU-Politiker sich als einer, der die Zukunft nicht verstanden hat.
Es hätte nur eine Frau der CSU gebraucht, und dem vierten Kabinett der ersten Kanzlerin der Bundesrepublik würden ebenso viele Frauen wie Männer angehören. Doch ein gleichberechtigtes Kabinett scheitert an dem Patriarchen der CSU: Horst Seehofer. Er will offenbar nicht erkennen, dass die Zukunft, auch die seiner Partei, weiblicher wird. So verpasst er es, eine potentielle künftige Spitzenkandidatin aufzubauen [….] Der Nochministerpräsident verkennt die Chance, die eine bayerische Bundesministerin der CSU gebracht hätte: Merkel, ihre neue Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer und ihre Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen zeigen, dass konservative Politik ohne Frauen in der CDU nicht mehr denkbar ist. Sie knüpfen Netzwerke, sie entscheiden mit, wie die Bundesrepublik der Zukunft aussieht. [….] Seehofer und seine Männer setzen Frauen nicht an zentrale Schaltstellen der Macht. Für die CSU ist das ein Fehler, der sich später rächen könnte. Dem notorischen "Boys Club" in Berlin steht eine immer größer und mächtiger werdende Riege an Frauen in der Politik gegenüber. [….]

Sonntag, 4. März 2018

Geht ja nicht anders….

Natürlich war Kevin Kühnerts Position die Sympathischere.
Die Twen-Generation, die gar keinen anderen Kanzler als Merkel kennt, will nicht auch noch aktiv mithelfen, daß die CDU-Frau auch noch die 16 Jahre vollmacht und weiterhin lähmender Stillstand im Kanzleramt herrscht, daß weiterhin nur an die ältere Generation gedacht wird, daß Deutschland nicht etwa nur an den Klimazielen scheitert, sondern es ermattet gar nicht erst versucht.
Wir lassen 6.000 Menschen an den Folgen von Autoabgasen krepieren, weil lobbyhörige Industrie-Epigonen von CDU und CSU ohnehin immer gegen den Bürger und für die PS-Lobby entscheiden.
Wir haben das lahmste Internet Europas, weil es Merkel und Seehofer gefiel einen IT-Deppen zum zuständigen Minister zu machen, der aus destruktiver Lust xenophob hetzte, statt seinen Job zu erledigen.
Wir betreiben eine seit 50 Jahren gescheiterte Strafrechtsdrogenpolitik, leisten uns ein drittklassiges in Bundesländer zersplittertes Schulsystem und zahlen als reichstes Land Europas so einen miesen Mindestlohn, daß die Personalsituation in vielen Wirtschaftszweigen ein einziges Trauerspiel ist.
Niemand kann diese CDUCSU-Gesichter in der Bundesregierung so satt haben wie ich.
Wie gern würde ich die alle in Rente schicken.
Bis hierhin bin ich voll auf Kühnerts No-Groko-Seite.
Aber leider beschränkt er sich auf das Ablehnen, Negieren und Diminuieren.
Dagegen sein ist immer so einfach.
Fest die Augen vor dem zu verschließen was dann käme….

        – also entweder eine konservativ-rechte Mehrheitskooperation aus AfDFDP-CDUCSU, die radikal minderheitenfeindlich und Industriefreundlich handeln würde, oder Neuwahlen, bei denen die SPD mit höchster Wahrscheinlichkeit so verkleinert würde, daß es erst recht zu einer schwarzbraunen Koalition käme (CDUCSU-FDP wäre mit Linders Truppe kaum von CDUCSU-AfD zu unterscheiden) –

…..kann nicht sozialdemokratische Politik sein, weil dann Millionen Schwächere in unserer Gesellschaft im Stich gelassen würden.


Aus innenpolitischen Erwägungen kommt ein Nein zur Groko anders als 2013 (da gab es nämlich mit Schwarzgrün eine Alternative) nicht in Frage.

Aus personalpolitischen Erwägungen kommt ein Nein zur Groko nicht in Frage, weil die SPD mit Maas, Scholz und Co sehr kompetente Minister stellen wird, die Deutschland voranbringen. Noch mehr Scheuers und Dobrindts können wir uns nicht leisten.

Aus außenpolitischen Erwägungen kommt ein Nein zur Groko anders als 2013 (also vor Brexit, Trump, Syrien und EU-Großkrise) nicht in Frage:

[…..] Eng damit verbunden ist die Botschaft, dass Europa wieder eine verlässliche Regierung hat in Deutschland. Das ist noch nicht die große Rettung für den Kontinent. Aber es ist unverzichtbar in Zeiten, in denen US-Präsident Donald Trump mit dem Wort Handelskrieg nicht mehr nur spielt, sondern ihn tatsächlich anfängt - und Russlands Präsident Wladimir Putin immer noch mehr neue Waffen und Raketen bauen lässt, um sich und seine Nation als vermeintliche Weltmacht zu feiern.
Kurz gesagt sind die Zeiten miserabel; sie sind so schlecht wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Da ist es nicht hinreichend, aber bitter nötig, dass Deutschland wieder mit einer Bundesregierung antritt, die für ein liberales und entschlossenes Europa kämpfen möchte. Wer auch nur ein paar Minuten seinen Blick auf die Lage der Welt richtet, wird jetzt erleichtert sein. Die SPD-Anhänger haben beim Blick auf die Welt um uns herum richtig gehandelt. […..]

Und die SPD?
Sie muss nicht unbedingt untergehen, wenn die Parteispitze ab jetzt klug agiert und klar kommuniziert.

Dagegen spricht, daß mit Andrea Nahles eine Frau an der Spitze von Fraktion und Partei stehen wird, die all das erwiesenermaßen gar nicht kann und als schlichte Denkerin mit Strategie und Konzeption hoffnungslos überfordert ist.

Dagegen spricht, daß nun schon wieder uralte immer wieder gescheiterte westdeutsche niedersächsische Seeheimer-Altkader als Ministerkandidaten genannt werden.
Hubertus Heil und Thomas Oppermann – ich fasse es nicht.

Dagegen spricht die vom Willy Brandt Haus mal wieder verwendete unerträgliche inhaltslose Floskel-Sprache.


„Erneuern“, „gemeinsam“, „mitmachen“, „einmischen“ – all die Triggervokabeln, die irgendjemand in einem drittklassigen Motivationsseminar gelernt hat, werden brav aneinander gereiht.
Wenn das praktisch funktionieren würde, wäre die SPD schon seit zehn Jahren so grunderneuert, daß wir jetzt an der 50%-Marke kratzen würden.

Nein, im WBH sitzen ganz offensichtlich zu viele Unfähige und mit Nahles wird das noch schlimmer werden.

Meine Hoffnungen liegen bei den Ministern. Maas, Barley und Scholz sind gute Leute und wenn es der Parteivorstand schaffen sollte die alten Wackelköppe links, bzw rechts liegen zu lassen und stattdessen kompetente und engagierte Leute zu berufen, kann das alles doch noch was werden.
Zu gerne hätte ich Karl Lauterbach als Minister gesehen, aber da ist nun Pharmalobbyist Spahn davor.

Da beide C-parteien keinen einzigen Ossi als Minister berufen haben, muss die SPD nun den Proporz erfüllen.
Möglich ist das.
Martin Dulig, Franziska Giffey und gerne auch einem Staatssekretär Patrick Dahlemann traue ich einiges zu.

Samstag, 3. März 2018

Trumpismus kriecht in alle Hirne

Das ist wie so vieles eine Folge der inzestuösen Informationsblasen, in denen wir jetzt alle leben.
Wir sind es gewöhnt, daß man uns zustimmt, verachtet diejenigen, die ganz anders denken und erwartet von anderen nach unseren Regeln zu spielen. Tun sie das nicht, werden sie ignoriert, blockiert, denunziert, gemeldet oder auch bekämpft.
In meiner Facebookwelt gefällt jedem die Musik, die ich mag.
Die Freundschaftsanfrage des Typs mit der Gabalier-Vorliebe und den Helene-Fischer-Songs würdige ich erst gar keiner Überlegung.
Das Internet macht es möglich; trotz Globalisierung und rasant fortschreitender Diversität wird das direkte Umfeld immer homogener.
Insbesondere werden aber die Meinungen in diesen Mikrowelten immer homogener, weil erstens das Gatekeeping des klassischen Journalismus an Bedeutung verliert, zweitens die Anonymität des Internets alle Hemmungen fallen lässt und drittens der Zerfall der Gesellschaft lauter kleine Echokammern hervorbringt, in denen man sich ständig überbietet.
Seit Parkland lese ich wieder in alle drei Minuten von der ungeheuren Macht der NRA, den drei Millionen Dollar, mit denen sie den lokalen Senator Marco Rubio kaufte, oder auch den dreißig Millionen, die sie in die Trumpkampagne investierte. Mit dem Erfolg, daß sich Trump stets als größter Waffenfreund überhaupt präsentierte und bei jedem Auftritt pathetisch prahlte wie sehr er das Second Amendment liebe.
Im Trump-Mikrokosmos existieren keine NRA-Kritiker. Die tödlichste Lobbyorganisation der Welt mit ihren fünf Millionen Mitgliedern erscheint tatsächlich übermächtig und unüberwindbar. GOP-Politiker werden nicht wiedergewählt, wenn sie es wagen den völlig grotesken Wayne LaPierre zu kritisieren.
Zöge man die Blende nur ein kleines bißchen weiter auf, bemerkte man, daß in Amerika 330 Millionen Menschen wohnen, von denen gerade mal 1,5% NRA-Mitglieder sind.
Wenn in der zuletzt von einem der üblichen US-Schoolshootings betroffenen Stoneman Douglas Highschool nicht zufällig ein paar extrem eloquente, medientaugliche und kluge Schüler wären, würde man im Raumschiff Washington weiterhin glauben, die 1,5% der NRAler wären die große Mehrheit der Amerikaner.
Emma Gonzales gegen Dana Loesch, David Hogg gegen die Verschwörer und Ryan Deitsch, der sagte was er von seinem Gouverneur hält, nämlich nichts, sind erstaunlich effektiv.


Solche Infoblasen-Überlappungen sind selten.
Mächtige NRAler, die sich mit unzufriedenen Teenagern rumärgern müssen sind unüblich.
Man begibt sich nicht ins „Feindeslager“, bleibt in seiner Comfort Zone.

Mopo-Kolumnist Harald Stutte schrieb gestern in seinem Leitartikel etwas, das sicher von der riesigen Mehrheit der Deutschen, die sich über Russlands Präsidenten echauffieren, unterschrieben würde: Putin spielt nicht nach unseren Regeln, ist nicht zuverlässig, also dürfen wir mit ihm (Putin ist inzwischen zum Synonym für die Russen, den Kreml und Russland geworden) nicht paktieren.

[….] Ja, eine Partnerschaft mit Russland ist wünschenswert und auf lange Sicht existenziell wichtig. Bedingung dafür ist Fair Play – von beiden Seiten. Putin wirbt nicht um Partnerschaft. Anders als die Sowjets bietet er keine gesellschaftliche Alternative an. […]
(Mopo, 02.03.2018)

Klingt irgendwie nett. Natürlich möchte man Partnerschaften, bei denen Fair Play gilt.
Aber Stutte ist, wieder einmal, auf dem Holzweg. Denn Fair Play spielt in der Realpolitik keine Rolle. Es ist keine Diplomatie nur mit den netten fairen Leuten zu sprechen, mit denen man ohnehin übereinstimmt.
Diplomatie ist es einen Modus Vivendi mit denen zu finden, mit denen man radikale Meinungsunterschiede hat. Mit den Arschlöchern zu kommunizieren, mit den Feinden zu verhandeln, mit den Staaten zu verhandeln, die einen hintergehen und unfair behandeln.

Wir können uns im Gegensatz zu dem was Stutte glaubt, nämlich nicht aussuchen wer das größte Land der Erde regiert.

Stutte ist dem gleichförmige-Blasen-Gift erlegen. Wir spielen nicht mit denen, die wir nicht mögen.

"In der internationalen Politik geht es nie um Demokratie oder Menschenrechte. Es geht um die Interessen von Staaten. Merken Sie sich das, egal, was man Ihnen im Geschichtsunterricht erzählt."
(Egon Bahr am 3. Dezember 2013)

Die GWB-Administration, von der man vor Trump dachte, sie wäre für immer die schlechteste US-Regierung aller Zeiten, begriff diese Basics auch nicht.
Die USA unter Bush-Junior stellen die Gespräche mit dem Iran, mit dem Irak, mit Nordkorea ein. Als am 12.09.2001 Teheran seine umfassende offizielle und geheimdienstliche Hilfe anbot um die WTC-Täter zu fassen, lehnte Washington barsch ab. Von „denen“ wollte sich die im Stolz so verletzte Nation nicht helfen lassen.
Rumsfeld und Cheney teilten die Welt in Freunde und Gegner. Mit den Gegnern sprachen sie nicht mehr.
Ein katastrophaler Fehler, der die Welt in Flammen setzte.
Das diametrale Gegenteil wäre richtig gewesen – man hätte die diplomatischen Kanäle zu den Kritikern der US-Politik weit öffnen und nicht schließen müssen.

Deniz Yücel ist frei, weil Gabriel und Schröder mit den Typen in Ankara gesprochen haben, mit denen keiner sprechen will und deren Politik man zu 100% ablehnt.
Diplomatie ist es, sich nicht kaufen zu lassen, keine schmutzigen Deals einzugehen und dennoch etwas zu erreichen. Schröder ging mit Merkels Rückendeckung nach Ankara und lehnte Erdogans Forderung nach Auslieferung geflohener türkischer Offiziere ab. Aber er ging eben doch die diplomatischen Schritte, die mit Yücels Freilassung bewirkten.

[….] Es ist Zeit, an­ge­sichts ei­ner Po­li­tik mi­li­tä­ri­scher Dro­hun­gen und wirt­schaft­li­cher Sank­tio­nen die fried­li­che Kon­flikt­be­wäl­ti­gung mit­hil­fe der Di­plo­ma­tie zu lo­ben.
Wie schnell heu­te die Freu­de über die Frei­las­sung von Deniz Yücel bei ei­ni­gen ver­hallt: Noch am Tag sei­ner glück­li­chen Heim­rei­se stel­len sie den di­plo­ma­ti­schen Er­folg un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht. Es ist ge­ra­de­zu er­bärm­lich, wie die „Tee­stun­de“ von Gos­lar dif­fa­miert wird, die­ser Ver­such Ga­bri­els, mit ei­ner Ges­te der Gast­freund­schaft ge­gen­über sei­nem tür­ki­schen Kol­le­gen Mev­lüt Çavuşoğlu das Eis zu bre­chen. Ei­nen Au­ßen­mi­nis­ter, der sich nur mit de­nen trifft, die glei­cher An­sicht sind, kann man sich spa­ren.
Wel­che Wege war Brandt ge­gan­gen, um den Ost-West­Kon­flikt zu ent­span­nen? 1970 fuhr er nach Mos­kau zu Leo­nid Bre­schnew, ei­nem Dik­ta­tor, der den Pra­ger Früh­ling hat­te nie­der­schla­gen las­sen. In sei­ner No­bel­preis­re­de er­klär­te Brandt spä­ter, es ge­hö­re zu den Här­ten im Le­ben ei­nes Re­gie­rungs­chefs, „dass er nicht im­mer al­les sa­gen darf, was er denkt; dass er, um des Frie­dens wil­len, sei­nen Ge­füh­len nicht im­mer frei­en Lauf las­sen kann“.
Im Wes­ten hat die Uni­on die Ost­po­li­tik an­ge­fein­det. Für uns im Os­ten war sie die ein­zi­ge rea­le Hoff­nung auf Ände­rung, auch wenn es manch­mal Schmer­zen be­rei­te­te, wenn DDR-Macht­ha­ber die west­li­che Be­suchs­di­plo­ma­tie als Zu­ge­ständ­nis im Sys­tem­wett­lauf deu­te­ten.
Eine Bun­des­re­gie­rung be­kommt nichts, ohne da­für et­was zu bie­ten, we­der da­mals noch heu­te. Schon die DDR kann­te de­ren Fi­nanz­kraft. Sie er­hielt meist Geld da­für, Häft­lin­ge in den Wes­ten zu ent­las­sen. Und sie durf­te auf eine sym­bo­li­sche Auf­wer­tung ih­rer Re­gen­ten hof­fen. Kon­flik­te wur­den so ent­schärft, man nennt es auch Re­al­po­li­tik. Hät­te der Wes­ten mehr er­reicht, wenn er laut von Re­gime-Chan­ge ge­tönt hät­te?
Eine Re­gie­rung hat kei­nen Rechts­an­spruch auf Ver­trau­en. Aber es gibt auch kei­nen Grund, Di­plo­ma­tie un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht zu stel­len. Brandt warn­te vor den „Ver­ba­lis­ten“, die auf Stand­punk­ten be­harr­ten, aber nichts er­reich­ten. Po­li­tik dür­fe nicht mit Ju­ris­te­rei ver­wech­selt wer­den. Der Kreml sei kein Amts­ge­richt.
Die­ser Satz gilt auch heu­te für den Kreml, lei­der auch für An­ka­ra und wo­mög­lich bald für Bu­da­pest und War­schau. Ob Sank­tio­nen der De­mo­kra­tie zum Durch­bruch ver­hel­fen? [….]
(Stefan Berg, DER SPIEGEL, Heft 08/2018)

Trumps Hau-Drauf-Rhetorik gefällt seiner Base, hilft aber politisch nicht weiter.
Wir müssen uns stattdessen mit denen arrangieren, die wir nicht mögen.

Freitag, 2. März 2018

Trump kann nichts, auch nicht Wirtschaft.

Der selbsternannte „Dealmaker“ mit dem dicken Hintern und dem orange-farbigen Mob auf der Birne, hat wie beinahe alles in der Politik auch die Businesswelt nie verstanden.
Er hält parasitäres Geschäftsgebaren für vorbildlich, weil das seiner zutiefst egomanen und destruktiven Persönlichkeit entspricht.
Ein guter Deal ist für Trump ein Vertrag, bei dem sein Geschäfts-Partner genötigt und betrogen wird.
Die Prinzipien vom beiderseitigen Nutzen, von der Nachhaltigkeit und dem Allgemeinwohl sind ihm völlig unbekannt.
Der erpresst Geschäftspartner, er droht mit Prozessen, er betrügt, lügt und er bezahlt nicht. Er lässt Handwerker auf ihren Rechnungen sitzen, hinterlässt verbrannte Erde.
Die New Yorker High Society, die vielen so viel reicheren Milliardäre der Börsenhauptstadt der Welt fanden Trump seit Jahrzehnten außerordentlich amüsant. Bei dem grotesken Protzer kommt Stimmung auf.
Aber niemand machte mit ihm Geschäfte, weil jeder weiß wie unseriös, unzuverlässig und niederträchtig Trump agiert.
In der großen weiten Wirtschaftswelt ist dennoch genug Platz für Trump. Er ist ein Milliardär der niederen Chargen, verfügt über keinerlei weltbewegendes Knowhow wie etwa Microsoft, Apple, Google, Amazon. Er produziert keine technischen Innovationen, keine Medikamente. Und Trump ist auch bei weitem nicht so reich wie etwa Gates oder Buffett oder Bloomberg oder Bezos.
Der Geschäftsmann Trump ist ökonomisch verkraftbar für die Welt, es gibt immer genügend Doofe, denen er seinen billig in China produzierten Tand andrehen kann.

Als Präsident müßte man allerdings die Gesamtwirtschaft im Auge haben. Wenn einer auf Kosten eines anderen einen lukrativen Deal macht, ist das kurzfristig gut für den einen und kurzfristig schlecht für den anderen.
Langfristig ist es aber für alle schlecht, da das Vertrauen zerstört wird und der eben Betrogene den Fehler nicht immer wieder machen wird.

Die deutsche Bundesregierung begreift das auch nicht so recht, wenn sie sich immer mit den Exportüberschüssen brüstet. Dabei ist eine Exportstärke nichts anderes als eine Importschwäche.
Wenn durch Exporte laufend sehr viele Milliarden ins Land gezogen werden, fehlen diese Gelder in anderen Ländern. So haben wir Griechenland mit auf dem Gewissen. Die Weltökonomie kann nicht existieren, wenn alle nur exportieren.

Noch blöder ist nur der Depp im Weißen Haus, der Handelskriege ganz toll findet. Man gewänne sie ganz leicht und lebe dann dauerhaft auf Kosten der anderen Nationen.



Er denkt eindimensional und kurzfristig.
Daher hob er auch Umweltschutzbestimmungen auf, erlaubte Ölbohrungen in Naturschutzgebieten.
Für Trump ist Wirtschaft nichts anderes als Ausbeutung. Daß man Länder, die Umwelt oder Ressourcen nicht endlos ausbeuten kann, begreift er nicht und sägt begeistert an dem Ast auf dem Amerika sitzt.

Die allgemeine politische und ökonomische Inkompetenz des Weiße Hauses ist so gewaltig, daß sich die EU erst gar nicht bemüht mit Trump ins Gespräch zu kommen.
Stattdessen versucht es Herr Juncker mit gezielten Tritten in die Genitalien der GOP-Strippenzieher im Kongress. Zölle auf Whiskey und Motorräder.
Vielleicht kann er sie so aufschrecken, daß sie Trumps Strafzollpolitik torpedieren.
Willkommen im globalen Kindergarten.

[….] Dabei ist die Reaktion der EU auf die neuen Handelsbarrieren gar nicht so drollig, wie es zunächst scheint. Betroffen wären möglicherweise auch Produkte aus den Wahlkreisen von Paul Ryan, republikanischer Sprecher des Repräsentantenhauses, und Mitch McConnell, Mehrheitsführer im Senat. McConnell vertritt Kentucky, Heimat großer Bourbon-Whiskey-Hersteller. Und Ryan ist auf Stimmen aus Wisconsin angewiesen, wo Harley-Davidson seinen Firmensitz hat.
Handelspolitische Cruise Missiles sozusagen, mit exakt programmierter Zielangabe zur Vermeidung größerer Kollateralschäden - die wird Trumps Idee, wie zuvor schon ähnliche Maßnahmen von George W. Bush, dank explodierender Stahlpreise im US-Arbeitsmarkt von ganz alleine entfalten. Beispielsweise wird, ganz ohne Zoll, das technisch hoffnungslos veraltete Alteisen aus Milwaukee noch teurer, als es ohnehin schon ist.
Es sind also im Handelshandgemenge die USA nicht so recht zu packen. Und wenn, dann vor allem symbolisch. Zwar ist es von hohem Unterhaltungswert, ausgerechnet Jack Daniel's und Harley-Davidson hierzulande teurer zu machen. Weltweit sind sowohl die Spirituose als auch das Motorrad im engeren Sinne sowieso nicht als Getränk oder als Fahrzeug unterwegs - sondern als traditionelle und ideelle Botschafter des "American Way Of Life". Darüber hinaus aber gehören die Flasche und das Moped zu den wenigen US-Produkten, die überhaupt noch im Ausland zirkulieren und dort auch angefasst werden können. [….]