Samstag, 3. März 2018

Trumpismus kriecht in alle Hirne

Das ist wie so vieles eine Folge der inzestuösen Informationsblasen, in denen wir jetzt alle leben.
Wir sind es gewöhnt, daß man uns zustimmt, verachtet diejenigen, die ganz anders denken und erwartet von anderen nach unseren Regeln zu spielen. Tun sie das nicht, werden sie ignoriert, blockiert, denunziert, gemeldet oder auch bekämpft.
In meiner Facebookwelt gefällt jedem die Musik, die ich mag.
Die Freundschaftsanfrage des Typs mit der Gabalier-Vorliebe und den Helene-Fischer-Songs würdige ich erst gar keiner Überlegung.
Das Internet macht es möglich; trotz Globalisierung und rasant fortschreitender Diversität wird das direkte Umfeld immer homogener.
Insbesondere werden aber die Meinungen in diesen Mikrowelten immer homogener, weil erstens das Gatekeeping des klassischen Journalismus an Bedeutung verliert, zweitens die Anonymität des Internets alle Hemmungen fallen lässt und drittens der Zerfall der Gesellschaft lauter kleine Echokammern hervorbringt, in denen man sich ständig überbietet.
Seit Parkland lese ich wieder in alle drei Minuten von der ungeheuren Macht der NRA, den drei Millionen Dollar, mit denen sie den lokalen Senator Marco Rubio kaufte, oder auch den dreißig Millionen, die sie in die Trumpkampagne investierte. Mit dem Erfolg, daß sich Trump stets als größter Waffenfreund überhaupt präsentierte und bei jedem Auftritt pathetisch prahlte wie sehr er das Second Amendment liebe.
Im Trump-Mikrokosmos existieren keine NRA-Kritiker. Die tödlichste Lobbyorganisation der Welt mit ihren fünf Millionen Mitgliedern erscheint tatsächlich übermächtig und unüberwindbar. GOP-Politiker werden nicht wiedergewählt, wenn sie es wagen den völlig grotesken Wayne LaPierre zu kritisieren.
Zöge man die Blende nur ein kleines bißchen weiter auf, bemerkte man, daß in Amerika 330 Millionen Menschen wohnen, von denen gerade mal 1,5% NRA-Mitglieder sind.
Wenn in der zuletzt von einem der üblichen US-Schoolshootings betroffenen Stoneman Douglas Highschool nicht zufällig ein paar extrem eloquente, medientaugliche und kluge Schüler wären, würde man im Raumschiff Washington weiterhin glauben, die 1,5% der NRAler wären die große Mehrheit der Amerikaner.
Emma Gonzales gegen Dana Loesch, David Hogg gegen die Verschwörer und Ryan Deitsch, der sagte was er von seinem Gouverneur hält, nämlich nichts, sind erstaunlich effektiv.


Solche Infoblasen-Überlappungen sind selten.
Mächtige NRAler, die sich mit unzufriedenen Teenagern rumärgern müssen sind unüblich.
Man begibt sich nicht ins „Feindeslager“, bleibt in seiner Comfort Zone.

Mopo-Kolumnist Harald Stutte schrieb gestern in seinem Leitartikel etwas, das sicher von der riesigen Mehrheit der Deutschen, die sich über Russlands Präsidenten echauffieren, unterschrieben würde: Putin spielt nicht nach unseren Regeln, ist nicht zuverlässig, also dürfen wir mit ihm (Putin ist inzwischen zum Synonym für die Russen, den Kreml und Russland geworden) nicht paktieren.

[….] Ja, eine Partnerschaft mit Russland ist wünschenswert und auf lange Sicht existenziell wichtig. Bedingung dafür ist Fair Play – von beiden Seiten. Putin wirbt nicht um Partnerschaft. Anders als die Sowjets bietet er keine gesellschaftliche Alternative an. […]
(Mopo, 02.03.2018)

Klingt irgendwie nett. Natürlich möchte man Partnerschaften, bei denen Fair Play gilt.
Aber Stutte ist, wieder einmal, auf dem Holzweg. Denn Fair Play spielt in der Realpolitik keine Rolle. Es ist keine Diplomatie nur mit den netten fairen Leuten zu sprechen, mit denen man ohnehin übereinstimmt.
Diplomatie ist es einen Modus Vivendi mit denen zu finden, mit denen man radikale Meinungsunterschiede hat. Mit den Arschlöchern zu kommunizieren, mit den Feinden zu verhandeln, mit den Staaten zu verhandeln, die einen hintergehen und unfair behandeln.

Wir können uns im Gegensatz zu dem was Stutte glaubt, nämlich nicht aussuchen wer das größte Land der Erde regiert.

Stutte ist dem gleichförmige-Blasen-Gift erlegen. Wir spielen nicht mit denen, die wir nicht mögen.

"In der internationalen Politik geht es nie um Demokratie oder Menschenrechte. Es geht um die Interessen von Staaten. Merken Sie sich das, egal, was man Ihnen im Geschichtsunterricht erzählt."
(Egon Bahr am 3. Dezember 2013)

Die GWB-Administration, von der man vor Trump dachte, sie wäre für immer die schlechteste US-Regierung aller Zeiten, begriff diese Basics auch nicht.
Die USA unter Bush-Junior stellen die Gespräche mit dem Iran, mit dem Irak, mit Nordkorea ein. Als am 12.09.2001 Teheran seine umfassende offizielle und geheimdienstliche Hilfe anbot um die WTC-Täter zu fassen, lehnte Washington barsch ab. Von „denen“ wollte sich die im Stolz so verletzte Nation nicht helfen lassen.
Rumsfeld und Cheney teilten die Welt in Freunde und Gegner. Mit den Gegnern sprachen sie nicht mehr.
Ein katastrophaler Fehler, der die Welt in Flammen setzte.
Das diametrale Gegenteil wäre richtig gewesen – man hätte die diplomatischen Kanäle zu den Kritikern der US-Politik weit öffnen und nicht schließen müssen.

Deniz Yücel ist frei, weil Gabriel und Schröder mit den Typen in Ankara gesprochen haben, mit denen keiner sprechen will und deren Politik man zu 100% ablehnt.
Diplomatie ist es, sich nicht kaufen zu lassen, keine schmutzigen Deals einzugehen und dennoch etwas zu erreichen. Schröder ging mit Merkels Rückendeckung nach Ankara und lehnte Erdogans Forderung nach Auslieferung geflohener türkischer Offiziere ab. Aber er ging eben doch die diplomatischen Schritte, die mit Yücels Freilassung bewirkten.

[….] Es ist Zeit, an­ge­sichts ei­ner Po­li­tik mi­li­tä­ri­scher Dro­hun­gen und wirt­schaft­li­cher Sank­tio­nen die fried­li­che Kon­flikt­be­wäl­ti­gung mit­hil­fe der Di­plo­ma­tie zu lo­ben.
Wie schnell heu­te die Freu­de über die Frei­las­sung von Deniz Yücel bei ei­ni­gen ver­hallt: Noch am Tag sei­ner glück­li­chen Heim­rei­se stel­len sie den di­plo­ma­ti­schen Er­folg un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht. Es ist ge­ra­de­zu er­bärm­lich, wie die „Tee­stun­de“ von Gos­lar dif­fa­miert wird, die­ser Ver­such Ga­bri­els, mit ei­ner Ges­te der Gast­freund­schaft ge­gen­über sei­nem tür­ki­schen Kol­le­gen Mev­lüt Çavuşoğlu das Eis zu bre­chen. Ei­nen Au­ßen­mi­nis­ter, der sich nur mit de­nen trifft, die glei­cher An­sicht sind, kann man sich spa­ren.
Wel­che Wege war Brandt ge­gan­gen, um den Ost-West­Kon­flikt zu ent­span­nen? 1970 fuhr er nach Mos­kau zu Leo­nid Bre­schnew, ei­nem Dik­ta­tor, der den Pra­ger Früh­ling hat­te nie­der­schla­gen las­sen. In sei­ner No­bel­preis­re­de er­klär­te Brandt spä­ter, es ge­hö­re zu den Här­ten im Le­ben ei­nes Re­gie­rungs­chefs, „dass er nicht im­mer al­les sa­gen darf, was er denkt; dass er, um des Frie­dens wil­len, sei­nen Ge­füh­len nicht im­mer frei­en Lauf las­sen kann“.
Im Wes­ten hat die Uni­on die Ost­po­li­tik an­ge­fein­det. Für uns im Os­ten war sie die ein­zi­ge rea­le Hoff­nung auf Ände­rung, auch wenn es manch­mal Schmer­zen be­rei­te­te, wenn DDR-Macht­ha­ber die west­li­che Be­suchs­di­plo­ma­tie als Zu­ge­ständ­nis im Sys­tem­wett­lauf deu­te­ten.
Eine Bun­des­re­gie­rung be­kommt nichts, ohne da­für et­was zu bie­ten, we­der da­mals noch heu­te. Schon die DDR kann­te de­ren Fi­nanz­kraft. Sie er­hielt meist Geld da­für, Häft­lin­ge in den Wes­ten zu ent­las­sen. Und sie durf­te auf eine sym­bo­li­sche Auf­wer­tung ih­rer Re­gen­ten hof­fen. Kon­flik­te wur­den so ent­schärft, man nennt es auch Re­al­po­li­tik. Hät­te der Wes­ten mehr er­reicht, wenn er laut von Re­gime-Chan­ge ge­tönt hät­te?
Eine Re­gie­rung hat kei­nen Rechts­an­spruch auf Ver­trau­en. Aber es gibt auch kei­nen Grund, Di­plo­ma­tie un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht zu stel­len. Brandt warn­te vor den „Ver­ba­lis­ten“, die auf Stand­punk­ten be­harr­ten, aber nichts er­reich­ten. Po­li­tik dür­fe nicht mit Ju­ris­te­rei ver­wech­selt wer­den. Der Kreml sei kein Amts­ge­richt.
Die­ser Satz gilt auch heu­te für den Kreml, lei­der auch für An­ka­ra und wo­mög­lich bald für Bu­da­pest und War­schau. Ob Sank­tio­nen der De­mo­kra­tie zum Durch­bruch ver­hel­fen? [….]
(Stefan Berg, DER SPIEGEL, Heft 08/2018)

Trumps Hau-Drauf-Rhetorik gefällt seiner Base, hilft aber politisch nicht weiter.
Wir müssen uns stattdessen mit denen arrangieren, die wir nicht mögen.