Freitag, 20. März 2020

Ungleichzeitigkeit.


Diktaturen können sich so ganz anders anfühlen.

Eine meiner besten Freundinnen wurde 1918 in Wien geboren.
Als Hitler 1938 dort die Macht übernahm, war sie Studentin und bereits in einer Gruppe, die untergetauchte jüdische Professoren mit Lebensmitteln versorgte. Sie hasste Hitler, sah klar voraus in welchem Desaster das enden würde. Sie lebte bis 1945 einerseits in ständiger Furcht, brachte andererseits enormen Mut auf, um Regimegegnern zu helfen.
Eine meiner Tanten war nur drei Jahre jünger, erlebte ihre Kindheit in einem Hamburger Vorort. Die Machtübernahme Hitlers begann für sie 1933, als sie 11 Jahre alt war in völlig unpolitischen und eher sorglosen Verhältnissen.
Sie war ohnehin Spätentwicklerin und ein burschikoses Mädchen, das mit großer Begeisterung die BDM-Stationen durchlief und sich den vielen Wanderungen, Lagerfeuern und Zelttouren pudelwohl fühlte.
Es war etwas weit vom Schuss, von der Verdrängung jüdischer Geschäftsleute bekam sie kaum etwas mit und 1942, mit 20 Jahren, war sie vollkommen entsetzt, als ein ehemaliger Schulfreund auf Fronturlaub plötzlich sagte, der Krieg ginge sowieso verloren.
Sie war entsetzt, daß er an dem Führer zweifeln konnte.
Dabei lebte sie noch nicht mal in einer Nazi-Familie. Ihre eigenen Eltern verachteten Hitler, aber sprachen darüber nicht mit ihr. Sie lebte in einer Glücksblase.
Einmal begegnete ihrer Jungmädel-Schar bei einer Wanderung im Alstertal einer Gruppe weiblicher KZ-Häftlinge aus Neuengamme, die zu einem Arbeitseinsatz getrieben wurden. Sie war entsetzt, weil die so elend aussahen. Die ausgemergelten Frauen taten ihr unendlich leid, aber sie stellte deswegen keineswegs das System in Frage. Offenbar mussten die ja etwas furchtbar Schlimmes getan haben, um diese Strafe zu verdienen. So ihre Vermutung. Daß der Führer irgendetwas Unrechtes tun könnte kam ihr gar nicht in den Sinn.

Sie erzählte mir die Begebenheit später immer wieder, weil sie a posteriori ihre eigene Naivität gar nicht fassen konnte.
Als sie zum Ende des Krieges langsam begriff was die Nazis wirklich waren, beschloss sie nie wieder in ihrem Leben so dumm zu sein.
Und sie hielt sich daran, blieb bis zum Alter von 90 Jahren politisch sehr linksliberal, atheistisch und bürgerrechtlich engagiert.

Meine Wiener Freundin hingegen war nach 1945 so traumatisiert, daß sie fortan die Finger von Politik ließ und sich ganz den schöngeistigen Dingen hingab. Sie wurde eine exzellente Literaturkennerin, Opern- und Theaterliebhaberin.

Sie beide lernten sich erst mit über 70 Jahren kennen, tickten politisch zwar sehr ähnlich, aber ich staunte immer, daß diese beiden wachen, intelligenten Frauen, die beide ihre Jugend im Nationalsozialismus erlebten und fast gleich alt waren, vollkommen unterschiedliche Erfahrungen gemacht hatten.
Ich war eins dieser kontemplativen Blagen, die sich schon als Teenager fasziniert jedes Detail aus dem Krieg und der NS-Zeit erzählen ließen – aber schon bei diesen beiden Schilderungen gab es so gut wie nichts Deckungsgleiches.
Sie schienen aus anderen Universen zu stammen.

Der Gedanke, daß Diktaturen weniger einheitliche Zentralherrschaften sind als es im Geschichtsunterricht gelehrt wurde, kam mir wieder im „Wendejahr 1989“, als man in Lea Roshs legendären „Freitagnacht“-Talkshows das erste mal Leute wie Wolfgang Thierse, Regina Hildebrandt, Bärbel Bohley, Manfred Stolpe, Friedrich Schorlemmer und Co kennenlernte.
Selbst in der vergleichsweise kleinen DDR herrschte regionale Willkür.
Die damals aus kirchlichen SED-kritischen Gruppen zum „Neuen Forum“ und „Bündnis 90“-Jung-Politiker hatten völlig andere Erfahrungen gemacht.
Die promovierte Biologin Hildebrandt (1941-2001) war immer eine laute SED-Kritikerin, dachte gar nicht daran zur FDJ oder sonstigen Regime-freundlichen Organisationen zu gehen. Sie machte da einfach nicht mit, war aber enorm in ihrem Ostberliner Kirchenchor engagiert. Die Hauptstadt-SED nahm das offenbar hin. Man konnte im gewissen Rahmen eine SED-ferne Existenz mit den entsprechenden Freiheiten führen.
Dennoch konnte Hildebrandt Abitur machen und ihr Wunschfach studieren.
Wolf Biermann, nur gut vier Jahre älter als Hildebrandt und ebenfalls in Ost-Berlin lebend – sogar als Sohn einer überzeugten Kommunistin – hatte keine dieser Freiheiten. Ihn stufte die Stasi als gefährlich ein und veranstaltete eine gewaltige Totalüberwachung aller Personen, mit denen er auch nur entfernt Kontakt hatte.
Während also die Berliner Biologin Hildebrandt laut und unbehelligt im Kirchenchor sang, wurde quasi nur ein paar Straßen weiter der Sänger Biermann zum Staatsfeind gemacht und bekanntlich 1976 mitsamt seiner Partnerin Eva-Maria Hagen und kurz darauf auch ihrer Tochter Nina Hagen aus dem Land geworfen.
Auch die Bürgerrechtler aus der berühmten Leipziger Nikolaikirche konnten nur über Hildebrandts Erfahrungen mit dem SED-Regime staunen. Die örtliche Partei griff ganz anders durch bei engagierten Christen.
Wer nicht in die FDJ ging und sich von der Kirche lossagte, konnte nicht Abitur machen und studieren.
Sahra Wagenknecht stammt aus Jena, wuchs aber ebenfalls in Ostberlin auf. Sie war in der FDJ, machte 1988 auf der EOS „Albert Einstein“ in Berlin-Marzahn Abitur, war aber bei der vormilitärischen Ausbildung für Schüler nicht staatstreu genug. Daraufhin wurde sie als „nicht genügend aufgeschlossen fürs Kollektiv“ eingestuft, durfte natürlich nicht studieren und dazu verdonnert Sekretärin zu werden.

Vor zwei Tagen kam eine Bekannte von mir aus dem Skiurlaub in Österreich zurück nach Hamburg. Sie und ihre Kinder sind in freiwilliger Quarantäne in ihrer glücklicherweise großen Wohnung in „den Walddörfern“, aber knapp an Lebensmitteln, weil sie lange nicht zu Hause waren.
Um niemand anzustecken, versuchte sie bei REWE online eine Grundausstattung für die Familie zu bestellen, sammelte den virtuellen Warenkorb voll, klickte anschließend auf „Liefertermin auswählen“ und erhielt den nächsten Termin in drei Wochen.
Drei Wochen ohne Lebensmittel sind zu lang. Was also tun, wenn man als Österreich-Rückkehrer als Virenschleuder gilt, die Wohnung nicht verlassen soll, aber erst Mitte April Lebensmittel geliefert bekommen kann?
Als wir heute Abend telefonierten, staunte sie nicht schlecht wie es mir unterdessen ergangen war.
Ich habe ebenfalls seit einer Woche meine Wohnung nicht verlassen. Weniger weil ich nicht darf, sondern weil diverse Termine ausfielen und ich nicht musste. Zum Wochenende wurden auch meine Lebensmittel etwas knapp. Gestern, Donnerstag loggte ich mich ebenfalls bei Rewe.de ein.
Ich hätte zwar auch in den Laden fahren können, dachte aber, die Belegschaft wäre entlastet, wenn einer weniger in dem Gemuse rumsteht.
Online gab es einen Hinweis, daß ausnahmsweise einige Artikel nur in Mengenbeschränkung ausgegeben werden könnten.
Ich klickte großzügig in den Warenkorb, wurde aber nicht eingeschränkt.
Lieferzeitpunkt: Wie immer, gleich am nächsten Tag. Heute Abend, etwa 30 Minuten nach dem angegebenen Zeitfenster traf die Lieferung ein. Der junge Mann, der alles anschleppte hatte mich aber schon eine Stunde vorher angerufen und sich tausendmal entschuldigt, daß er ausnahmsweise nicht pünktlich sein könne. Ein extrem angenehmer, höflicher und sympathischer Zeitgenosse, der sich erneut entschuldigte, weil leider die gesalzene Butter, die ich bestellt hatte nicht da war und er mir stattdessen von derselben Marke die gesalzene Balance-Version eingepackt hätte.
Vormittags war ich bei meinem Gemüsehöker. Auch dort volle Regale, ausgesprochen freundliche Menschen und geduldig in dem neuerdings angeratenen Abstand wartenden Kunden.
Alle waren sich einig nun zusammen zu halten und sich nicht das Leben schwer zu machen.
Natürlich habe ich auch die Videos von den Irren in Deutschland gesehen, die sich in Discountern um Klopapier prügeln und in heillose Panik geraten, weil sie meinen bald verhungern zu müssen.
Meiner aus Österreich zurückgekommen Bekannten geht es ähnlich und ich kann es ihr nicht verdenken. Mit kleinen Kindern eingesperrt, nichts zu essen und auch noch finanzielle Sorgen, weil der kleine Laden, den sie mit ihrem Mann betreibt nun geschlossen bleiben muss und keinen Umsatz macht.
Etwa sieben Kilometer Luftlinie südlich von ihr, in meiner Nachbarschaft, sieht die Welt ganz anders aus.

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