Montag, 23. März 2020

Wozu eigentlich sparen?

Wie die meisten meiner Schulfreunde hatte ich auch mit 16 mein eigenes Sparbuch auf der Bank.
Während einige schon regelmäßig neben der Schule Geld verdienten, beliefen sich meine Einkünfte weitgehend auf Taschengeld, das ich allerdings auch üblicherweise verprasste, sobald ich es bekommen hatte.
Das Sparbuch war eher für die außergewöhnlichen Eingänge, wenn man zu Weihnachten oder dem Geburtstag etwas bekommen hatte.
Mit den damals üblichen zehn Prozent Zinsen war dieses kleine blaue Büchlein eine tolle Sache. Insbesondere als ich mit 19, als ich schon studierte, für mich vollkommen überraschend eine fünfstellige Summe auf einen Schlag bekam, weil mein Mutter kurz nach meiner Geburt eine Ausbildungsversicherung abgeschlossen hatte, die über 18 Jahre lief und auch die ganze Zeit entsprechend verzinst wurde. Erstaunlicherweise hatte sie mir nie etwas davon gesagt und so staunte ich nicht schlecht, als aus heiterem Himmel mein Konto so angenehm aufgefüllt wurde. Inzwischen hatte ich zwar auch einen Job an der Uni und verdiente wie die meisten Studenten hier und da noch ein paar Mark dazu, aber die Sparbuchzinsen von diesem Versicherungsgeld waren außerordentlich hilfreich in meinem Alltag.

Woher die Zinsen eigentlich kamen; wer das Geld erwirtschaftete, das mir in den Schoß fiel, interessierte mich damals nicht.
Es war eine diese einfach nicht existenten Fragestellungen, von denen man sich heute nicht mehr vorstellen kann, wieso vor einem halben Jahrhundert niemand darüber nachdachte:

Haben Millionen Tonnen Kerosin, die in der Atmosphäre verbrannt werden, irgendwelche Folgen?
Ist es eigentlich unbedenklich, daß Juden, Amerikaner und Muslime ihren Söhnen einen Teil des Penis abschneiden?
Hört der Zinssegen auf dem Sparbuch eines Tages auf?
Gibt es eine dringende Notwendigkeit Scham- und Achselbehaarung penibel zu rasieren?
Können Kühe und Schafe das Klima kaputtfurzen?
Macht es irgendeinen Sinn, wenn jeder immer ein Telefon dabei hat und 24/7 erreichbar ist?

Inzwischen ist die Welt eine andere geworden.
Jeder 13-Jährige zupft sich akribisch die Haare vom Skrotum, tippt ununterbrochen auf seinem Klugtelefon herum, trennt Müll und weiß vermutlich nicht einmal was ein Sparbuch ist.

Nun heißt es Kapitalismus kaputt.
Wer heute eine große Versicherungssumme ausgezahlt bekommt und damit zur Bank geht, bekommt einen Hieb mit dem Nudelholz auf den Hinterkopf.
Wenn der nette Herr aus der Sparkasse überhaupt das Geld nimmt, ist es möglich, daß man zur Strafe zahlen muss.
Die günstigere Alternative ist es ein Bankschließfach für knapp 100 Euro im Jahr zu mieten, sein Geld in großen Scheinen dahinein zu legen und abzuwarten bis es weginflationiert wird.

Alles was Merkel und Schäuble in der 2008er Krise von der „schwäbischen Hausfrau“ erzählten; die wissenden Mahnungen der Porsche- und Jet-Besitzer Merz und Lindner an die Niedrigverdiener, das Geld müsse erst mal erwirtschaftet werden, sind zu hohlen Phrasen geworden.

Schulden sind etwas Gutes. Sie bringen die Wirtschaft in Schwung. Wenn Herr Scholz sich ein paar Hundert Milliarden leiht, bekommt die Börse vor Glück einen Eisprung. Endlich haben wenigstens ein paar Milliarden der weltweit umherschwirrenden Billionen ein Zuhause gefunden.

Sparen um des Sparens Willen ist geradezu kriminell.
Schon gibt es Befürchtungen, daß Milton Friedmanns Helikoptergeld, welches ausgerechnet die antisozialistische Trump-Administration möglicherweise auszahlt, gar nicht den gewünschten konjunkturbelebenden Effekt hat.
Ökonomen wollten mit so einer Maßnahme die Gefahr einer Depression abwenden. In einer Depression sinkt die Nachfrage unter das Angebot, so daß das Angebot aktiv verkleinert wird. Wirtschaftswissenschaftler fürchten dieses Szenario wie kein anderes, weil damit eine brutale Abwärtsspirale in Gang kommt.
Hätte jeder Verbraucher 1.000 Dollar extra, würde sie direkt in den Konsum gehen und somit die Nachfrage deutlich stärken, so daß wiederum die arbeitsplatzintensiven Produktionen und Dienstleistungen angekurbelt würden.
So denken sich das die schlauen Ökonomen in der Theorie.
Aber was ist eigentlich in Corona-Zeiten, wenn alle zu Hause sitzen und ihr Geld gar nicht ausgeben können, weil Reisen, Restaurantbesuche, Theatererlebnisse und Champagner-intensiver Spaß im Bordell verboten sind?

Das Geld muss raus, die schwarze Null muss weg.
Partiell wird das auch von konservativen Politikern vorausgesetzt.
Ich habe noch nie gehört, daß die Bürger aufgefordert wurden bei der heißgeliebten Autoindustrie zu sparen.

Bitte keine Mercedes-Limousinen und BMWs mehr kaufen, weil die zu teuer sind?
Keine PS-Starken Motoren mehr? Bitte keinen Schnickschnack in der Ausstattung. Hat Oondi Scheuer schon jemals damit gedroht teure Spielereien wie Regensensoren, elektrische Fensterheber, beheizte Sitze, Parkassistenten oder Alufelgen zu verbieten, weil wir als „schwäbische Hausfrauen“ sparen sollten und nicht mehr als unbedingt notwendig für die Autos ausgeben sollten?
Verlangt irgendein Auto-Lobbyist nur noch billige und zuverlässige Dacias und Ladas zu kaufen, weil die nur ein Zehntel des Anschaffungspreises kosten und nicht so wartungsintensiv sind?

Nein, das wird nicht gefordert, weil die Automobilindustrie Arbeitsplätze, Wirtschaftswachstum und Steuereinnahmen bringt.
Je mehr Geld für Autos rausgehauen wird, desto besser.
Es ärgert Lobbyisten wie Matthias Wissmann und Hildegard Müller sehr, daß man den Deutschen keine Mindestmotorleistung von 200 kW vorschreiben kann, weil diese blöde Greta immer vom Klima redet.

Während aber Luxusautos tatsächlich sinnlos sind, weil ein Lada genauso den Zweck erfüllt von A nach B zu fahren wie ein Bentley, gibt es bessere Wege dem Luxus zu frönen.
Kauft Euch eine wunderbare mechanischen Armbanduhr für einen fünf- oder sechsstelligen Betrag. Sie ist zwar auch sinnlos, weil jedes Klugtelefon ebenfalls die Zeit anzeigt, aber ihre Schönheit tut im Gegensatz zu Autos niemand weh. Es ist reine Mechanik, die nicht die Umwelt zerstört und hochwertige Arbeitsplätze schafft. Eine Patek oder Rolex produziert auch keinen Abfall und ist ewig haltbar. Die können noch die Urenkel tragen.

Noch besser als eine Uhr und sehr viel besser als ein BMW wäre es viel Geld in die Gesundheit zu investieren.
Ein sehr teures Gesundheitssystem ist gut!
Das ist ein nachhaltiger, sinnvoller und notwendiger Wirtschaftszweig, der sehr viel gut bezahlte Arbeitsplätze generiert und den Menschen hilft.
Es gibt keinen Grund alle Profite den Pharmakonzernen und Medizintechnikherstellern zu überlassen. Diese verschieben die Milliarden in Steueroasen. Der arme reiche Bernd Broermann hat mit seinen Hamburger Asklepioskrankenhäusern, die er vom Beust-Senat auf Kosten der Allgemeinheit geschenkt bekam, so viele Milliarden verdient, daß er gar nicht mehr weiß wohin damit und wahllos anfängt Luxushotels aufzukaufen.
Aber pumpt das Geld in die Gehälter, in neue Intensivplätze, in Pflege und Betreuung, in Patientensicherheit und Hygienemaßnahmen, in Ausbildung und Forschung.

[….] „Es ist unverantwortlich, angesichts der Covid-19-Krise an den Fallpauschalen zur Finanzierung der Krankenhäuser festzuhalten. Die Fallpauschalen sind hauptverantwortlich für die jetzige Misere in den Kliniken. Pflegenotstand, Personalmangel, wenig Bevorratung sowie fehlende Betten- und Laborkapazitäten sind Ergebnis des Kostendrucks, dem die Krankenhäuser seit über 15 Jahren ausgesetzt sind“, erklärt Harald Weinberg, krankenhauspolitische Sprecher der Fraktion DIE LINKE, zum heute vom Bundeskabinett beschlossenen Covid-19-Krankenhausentlastungsgesetz. Weinberg weiter:
 „Gesundheitsminister Spahn bricht sein Versprechen gegenüber den Krankenhäusern, dass kein Haus durch Covid-19 ins Defizit rutschen werde. Statt den Kliniken jetzt Sicherheit zu geben, dass sie sich ohne finanzielles Risiko der Epidemie stellen können, lässt Spahn wirtschaftliche Fehlanreize bestehen. Jedes einzelne Krankenhaus muss nun selbst betriebswirtschaftlich abwägen, ob sich Engagement gegen Corona lohnt oder nicht – das ist wahnwitzig.
Der logische Schritt wäre ein echter ‚Schutzschirm‘, also die Zusage, den Krankenhäusern befristet für die Zeit der Epidemie ihre gesamten Kosten zu erstatten. Dafür müssten die Fallpauschalen ausgesetzt und die Kosten am Ende spitz abgerechnet werden. Andernfalls wird es bei den Krankenhäusern Krisengewinner und Krisenverlierer geben. Das ist in einer Zeit, in der größtmögliche gesellschaftliche Solidarität notwendig ist, das vollkommen falsche Signal.“ […..]

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