Mittwoch, 23. Februar 2022

Die moralische christliche Keule.

Anders als es postkommunistische Herrscher, wie zum Beispiel der tschetschenische Machthaber Ramsan Kadyrow behaupten, gab es schon vor dem Mauerfall Schwule in Osteuropa.

[…] In einem Interview mit dem US-Sender HBO, in dem es auch um die Verfolgung Homosexueller in der Republik geht, bezeichnete Tschetscheniens Präsident diese als "Teufel". "Sie stehen zum Verkauf. Sie sind keine Menschen. Gott soll sie für das verdammen, was sie uns vorwerfen. Sie werden sich vor dem Allmächtigen dafür verantworten müssen." Dabei gibt es laut Kadyrow in Tschetschenien eigentlich gar keine Homosexuellen. Auf die Frage des HBO-Reporters, was er zur Verfolgung und Folter schwuler Männer sagte, lachte Kadyrow und sagte dann: "Das ist Schwachsinn. Wir haben hier keine dieser Leute. Wir haben keine Schwulen. Wenn es welche gibt, bringt sie nach Kanada. Gott sei gepriesen. Bringt sie sehr weit weg von uns, sodass wir sie nicht hier zu Hause haben. Um unser Blut zu reinigen: Wenn es hier irgendwelche gibt, nehmt sie." Dabei strich er sich über seinen langen, blonden Bart.  […]

(NTV, 17.08.2017)

Nachdem aber der böse Kommunismus vergangen ist, werden Schwule systematisch gefoltert und umgebracht. Als Gott zwischendurch mal nicht so einen direkten Einfluss auf die Regierungen hatte, weil diese sich zu Warschauer Pakt-Zeiten eher an Marx, Engels und Lenin, als an der Bibel orientierten, verlor sich das Interesse an Männersex. Sich zu lieben, war im gottlosen Kommunismus noch nicht mal ausdrücklich verboten!

In vorkommunistischen, also faschistischen Zeiten, gab es noch einheitlich schwulenfeindliche Regeln, weil sich die christlichen Kirchen traditionell hervorragend mit Nazis, Faschisten und sonstigen rechtsradikalen Diktatoren arrangieren.

[….]  Im Rahmen seiner Dissertation hat der Kieler Historiker Dr. Helge-Fabien Hertz 729 schleswig-holsteinische Pastoren auf ihre Haltung zum Nationalsozialismus untersucht. Ein Ergebnis: Die Mehrzahl der Pastoren sympathisierte mit der NS-Ideologie und unterstützte sie.  Dass Pastoren zwischen 1933 und 1945 dennoch ganz unterschiedlich agiert haben, zeigen drei Beispiele. "Es gibt viele schockierende Beispiele", sagt Helge-Fabien Hertz von der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Er berichtet von Pastoren, die schon vor 1933 aktiv an Saalschlachten und blutigen Straßenkämpfen beteiligt waren oder bei NSDAP-Veranstaltungen "Saalschutz" betrieben haben. [….]  Wilhelm Karl Christian Diekow war Deutscher Christ, in der Nazizeit Pastor in Petersdorf und Trittau. [….]  Zum Beispiel in einer Predigt von 1934. Da heißt es unter anderem: "Wenn sich die Hoffnung auf eine bessere Zukunft unseres Volkes erfüllen soll, müssen wir, liebe Gemeinde, unserem völkischen Glauben auch entsprechende Taten folgen lassen." Oder: "Es bleibt der Verantwortung, Aufrichtigkeit und Liebe eines jeden einzelnen überlassen, ob er mit Adolf Hitler den Wiederaufstieg oder durch Verweigerung der Arbeit und passiven Widerstand den Untergang des deutschen Volkes will." Mit solchen Sätzen habe Pastor Diekow seine Gemeinde aus voller Überzeugung aufgefordert, am sogenannten Aufbauwerk Adolfs Hitlers aktiv mitzuarbeiten, so Hertz. Auch predigt Diekow damals eindeutig antijudaistisch und antisemitisch: "Wenn sich ein Volk wie das jüdische entschlossen von Christus, der vollkommenen Liebe, abwendet, spricht es über sich selbst das Todesurteil." [….]  "Dennoch spricht Diekow dem sogenannten jüdischen Volk hier explizit seine Existenzberechtigung ab", sagt Hertz. "Er begründet mit dem althergebrachten Vorwurf des Abfalls von Jesus." [….]  Diekow verbreitete judenfeindliche Stereotypen und schwor seine Gemeinde in Predigt und Konfirmanden-Unterricht explizit auf Adolf Hitler, das NS-Regime und die NS-Volksgemeinschaft ein. [….]

(NDR, 21.02.2022)

Während die Pfaffen nach 1945 in Westeuropa ungeniert weiter Macht und Terror, insbesondere gegen Kinder und Schwule ausübten, hatten sie in Osteuropa erst mal Sendepause.

Gesellschaftlich hoch angesehen waren Partnerschaften und Männern allerdings noch lange nicht, wie man unter anderem in Hertha Müllers großartigen und zu Recht mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Werk „Atemschaukel“ nachlesen kann. Ja, auch im kommunistischen Rumänien gab es Homosexualität.

Ich komme gerade zufällig auf das Thema, weil es auch in Tomasz Jedrowskis "Im Sommer sind wir schwerelos" thematisiert wird. Die Story spielt um 1980 in Breslau, Warschau und an einem masurischen See. Die Auseinandersetzung zwischen dem kommunistischen Regime und der streng katholischen Solidarność-Bewegung bahnt sich an. Das "normale Leben" im damaligen Warschauer Pakt stellt eins meiner Lieblings-Topoi in der Literatur dar.  Dieses Changieren zwischen dem Gefühl der Unfreiheit, daß man auch mal in den Westen reisen will und amerikanische Musik hört einerseits und andererseits waren die Erfahrungen mit "dem Westen Hitlerdeutschland" so abschreckend, daß auch echte Dankbarkeit gegenüber der Sowjetunion bestand. Die soziale Sicherheit ist keine Petitesse. Eine der Romanfiguren von Tomasz Jedrowski stammt aus einfachsten Verhältnissen und kann nur dank des Kommunismus‘ studieren. Als seine Mutter schwer erkrankt,  wird sie für drei Monate auf eine Genesungskur geschickt. Kostenlos. Ohne sich um ihren Arbeitsplatz zu sorgen.

Wir wissen wie die Geschichte weiterging. Alle Warschauer-Pakt-Staaten streiften den Kommunismus ab, weil sie nach Demokratie gierten.  Sie führten eine kapitalistische Wirtschaft ein und im Eiltempo wurden der katholischen, beziehungsweise der orthodoxen Kirche, alle im Kommunismus entzogenen Privilegien wieder zuerkannt.  Es ist weniger paradox, als es für westliche Beobachter klingt, daß gerade die Staaten mit dem stärksten Einfluss der Kirchen  - Polen, Ungarn und Russland – die ab 1990 aufpoppende Demokratie wieder abstreifen. Die drei Nationen haben bereits die unabhängige Justiz und die Pressefreiheit beerdigt, verwandeln sich immer mehr in eine Autokratie.  Der Weg ist in Russland am weitesten fortgeschritten; Putin ist de facto nicht mehr durch Wahlen von der Regierung zu entfernen. Das galt vor 20 Jahren noch nicht, als er durchaus Gegenkandidaten fürchten musste. Aber dann schloß er ein festes Bündnis mit der russischen Kirche, gab den Popen viel Geld und die von ihnen gewünschten homofeindlichen Gesetze, konnte sich aber im Gegenzug darauf verlassen, daß auf allen Kanzeln stets für die Wahl Putins getrommelt wird.

Ich weiß nicht, ob Viktor Orbáns rechtspopulistische Fidesz noch abwählbar ist. Oder ob sich der ehemalige Solidarność-Aktivist und Vorsitzende der rechtspopulistischen katholischen Prawo i Sprawiedliwość (PiS) Jarosław Kaczyński noch demokratisch von der Macht vertreiben ließe.

Beide Herren machen es wie Putin und führen ähnlich wie Trumps stramm christliche Republikaner einen verbissenen Kampf gegen alles, das ihnen „Queer“ erscheint.

Homosexuelle Liebe war in den 1980ern in Osteuropa nicht gern gesehen, aber nicht kriminalisiert wie im Westen.

[….] Die Fidesz-Rhetorik lässt leicht vergessen, dass Ungarn eine grosse Tradition der Toleranz gegenüber sexuellen Minderheiten hat: Bereits 1961 entkriminalisierte das Land homosexuelle Beziehungen unter Erwachsenen, 2009 wurden registrierte Partnerschaften für gleichgeschlechtliche Paare eingeführt. Der religiöse Konservatismus, der etwa das gesellschaftliche Klima in Polen prägt, ist vielen Ungarn fremd. Im Gegensatz etwa zum Nachbarland Serbien verliefen auch die Gay-Pride-Paraden in den letzten Jahren friedlich.   [….]

(NZZ, 18.06.2021)

Dank des Christentums ist homosexuelles Leben in Osteuropa der 2020er Jahre wieder lebensgefährlich. Die Bischöfe reden schließlich wieder entscheidend mit.

[….]  Erzbischof Stanisław Gądecki, seit 2014 Chef der katholischen Bischofskonferenz in Polen, appelliert in einem Brief an seinen deutschen Amtskollegen Georg Bätzing, keine Reformen durchzuführen. Unter anderem warnt der 72-Jährige davor, wissenschaftliche Erkenntnisse anzuerkennen und "die Lehre der Kirche über die Sünde homosexueller Handlungen zu ändern". Das Schreiben wurde am Dienstag unter anderem auf kath.net veröffentlicht.  Gądecki beklagte die "Versuchung, sich zu 'modernisieren'", die "insbesondere den Bereich der sexuellen Identität" betreffe. "Dabei wird jedoch vergessen, dass sich der Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse oft ändert, manchmal sogar dramatisch, z. B. aufgrund von Paradigmenwechseln", so der Erzbischof von Posen weiter. [….]

(Queer.de 22.2.22)

In weiten Teilen Europas geht die katholische Kirche in einem Bündnis mit Rechtsradikalen gegen die Menschenrechte vor.

[….] In Ungarn wurde im letzten Jahr homosexuellen Paaren das Adoptionsrecht entzogen und am 14. Juni wurde ein Gesetz verabschiedet, das die Diskussion über geschlechtliche Vielfalt in Schulen, Medien und öffentlichen Räumen verbietet. Hier werden Menschenrechte eingeschränkt und zentrale Werte der EU, wie Toleranz und Gleichbehandlung, untergraben.  Auch in Georgien kam es am Montag zu Gewaltexzessen gegenüber Homosexuellen und Journalisten, nachdem die Patriarchen der Orthodoxen Kirche und konservative Politiker zu Demonstrationen gegen die erste geplante Pride Parade in Tiflis aufgerufen hatten. Diese wurde daraufhin abgesagt. Wenn aber, wie gerade in Italien, mit einem Anti-Diskriminierungsgesetz Hass gegen Schwule, Lesben, Trans- und Bisexuelle unter Strafe gestellt werden soll, ruft das den Vatikan auf den Plan, der aus lauter „Sorge“ in die italienische Gesetzgebung eingreifen will. Dabei soll das sogenannte Zan-Gesetz (benannt nach seinem sozialdemokratischen Initiator Alessandro Zan) LGBTQ-Menschen nur die gleichen Rechte einräumen, wie sie auch für andere Minderheiten gelten. Aufrufe zur Gewalt aus religiösen oder rassistischen Motiven sind schon heute strafbar, nun soll das auch für diskriminierende Verhaltensweisen gegenüber Menschen gelten, die nicht dem traditionellen Geschlechterrollenbild entsprechen. Für den Vatikan ist das zu viel der Toleranz. Ebenso wie Rechtspopulisten befürchtet er einen „Angriff auf die Meinungsfreiheit“, wenn in Zukunft Homosexuelle als gleichberechtigt angesehen werden.  [….]

(Die Humanisten, 10.07.2021)

Da wünscht man sich dann doch die kommunistische Diktatur zurück.

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