Donnerstag, 7. Januar 2016

Krank

Gerade war ich beim Arzt. Beim Orthopäden in so einem neuen hochmodernen Facharztzentrum.
Normalerweise handhabe ich physische Beschwerden so, daß ich sie konsequent ignoriere bis es irgendwann von allein wieder weggeht.
Gestern ließ es sich aber nicht mehr aufschieben.
Und gerade orthopädische Praxen sind verrufen für extrem lange Wartezeiten.
Es kennt auch niemand einen guten Orthopäden.
Zu den Knochen-Ärzten gehe ich schon deswegen so ungern, weil ich Privatpatient bin und da werden einem fast immer IGeL-Leistungen* empfohlen, deren Notwendigkeit man als Laie so schlecht beurteilen kann.

*Wie ich schon gelegentlich erwähnte, bestimmt in der Gesundheitspolitik weniger das Gesundheitsministerium als vielmehr der „Gemeinsame Bundesausschuss“, in dem alle Lobbyisten zunächst einmal bestimmen was ihren finanziellen Interessen dient.
Individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL) müssen nach den Richtlinien des § 92 SGB V nicht von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt werden.
Aber welcher Patient, der wirklich krank ist oder Schmerzen hat, würde nicht aus eigener Tasche Behandlungen zahlen, wenn der Halbgott in Weiß einem glaubhaft suggeriert, daß nur diese ihm Linderung verschaffen?

Angesichts der horrenden monatlichen Zahlungen, die ich für meine Zwangs-PKV zahle, übernimmt meine Kasse IGeL-Leistungen.
Was zunächst erst mal gut klingt, bedeutet aber in der Praxis, daß ich erstens ein großes Risiko von überflüssigen aber teuren Behandlungsempfehlungen trage und zweitens, daß dadurch meine monatlichen Beiträge noch mehr steigen.

Nun also nach sehr langer Zeit ein neuer Orthopäde.
Zunächst einmal waren sie von meinen prähistorischen Ledereinlagen begeistert, die ich mitgebracht hatte. Aus dem Jahr 2000. Die sähen aber noch unglaublich gut aus.
(Daß die 15 Jahre nur im Schrank lagen und ich die nie in einen Schuh gepackt hatte, erwähnte ich nicht extra.)

Aber nun gäbe es ja viel bessere Einlagen. Die aus Kunststoff für 129,- und die doppelt so teure dünne Lederversion.  Ich müsse auf jeden Fall Beide Paare nehmen, damit ich sie je nach Schuh einsetzen könne. Knappe 500 Euro weg.
Dazu Stoßwellentherapie (drei Mal ~ rund 300 Euro) und ein MRT (>1000 Euro) zum Ausschluss von möglichen Haarfrakturen sei auch angeraten.

Im orthopädischen Sanitätsgeschäft nebenan stellte die freundliche Dame bei der „Anprobe“ fest, daß mein linker Fuß 1,5 mm kürzer als der Rechte ist!
Donnerschlag! Was für ein Drama.

Offensichtlich wird inzwischen jede kleinste Abweichung vom anatomischen Idealmaß als behandlungsbedürftig angesehen.
Dabei werden viele bereits festgestellt haben, wenn sie sich auf der Straße umsahen, daß nicht alle Menschen exakt gleich aussehen.
Wir sind keine Klone. Es gibt Abweichungen im Knochenbau.

Noch absurder wird es bei Blutbildern, die bei jeder geringfügigen Normabweichung sofort eine Therapie dagegen anmahnen.

Überraschung, Überraschung. Auch Blutzuckerspiegel, Cholesterinwerte und Blutdruck sind nicht bei jedem Menschen gleich. Viele Werte verändern sich auch auf ganz natürliche Weise durch den Alterungsprozess.
Glücklicherweise haben ältere Männer eben nicht mehr den Testosteronwert wie ein 18-Jähriger.

Jede vierte Frau über 50 wird heutzutage als Osteoporose-anfällig diagnostiziert und muß sehr teure Medikamente zur Erhöhung der Knochendichte nehmen.

Millionen Menschen in Deutschland nehmen täglich Blutverdünner ein – Marcumar, Coumadin, ASS, Xarelto und Co. Das klingt zunächst einmal gut, weil man das Risiko von Schlaganfällen natürlich gern senken will.
Aber ohne Blutgerinnung zu leben, weil man täglich eine kleine Dosis Rattengift einnimmt, erhöht andererseits das Risiko einer Hirnblutung und ist ein Alptraum für Chirurgen, die diese Menschen nicht operieren können.

Über sieben Millionen Menschen werden in Deutschland medikamentös wegen Diabetes behandelt.
Muss das wirklich sein? Oder können ältere Menschen vielleicht auch genauso gut mit einem etwas höheren Zuckerwert als er im Medizinlehrbuch steht, leben?

Studien werden immer unsauberer gelesen. Man verwechselt statistische Zusammenhänge mit ursächlichen Zusammenhängen.

Mindestens 84 Prozent der erwachsenen Bürger, so eine Studie aus Norwegen, haben demnach ein Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Immer häufiger behandeln Mediziner heute kein wirkliches Leiden mehr, sondern versuchen, die statistische Wahrscheinlichkeit einer späteren Krankheit zu verringern. Dabei sind viele Messwertüberschreitungen kaum relevant. So erschienen zu Triglyceriden, C-reaktivem Protein, Fibrinogen und sieben weiteren Biomarkern aus dem Blut jeweils mehr als 6000 Studien. Wissenschaftler haben die Zahlen gesichtet und fällen ein vernichtendes Urteil: All diese Biomarker hätten nur „eine eingeschränkte oder gar keine Aussagekraft über Herz-Kreislauf-Krankheiten“.
Dennoch werden massenhaft Medikamente verschrieben, um die Blutwerte zu verändern. Die Verordnungen von bestimmten lipidsenkenden Mitteln (Statinen) etwa haben sich in den vergangenen zehn Jahren in Deutschland mehr als verdoppelt; jeden Tag nehmen fünf Millionen Bürger sie ein.
(Jörg Blech, SPIEGEL, 01/16 s.101)

Noch problematischer ist es im psychotherapeutischen Bereich.
Wer kann da schon so genau sagen, was die Norm ist und was als behandlungsbedürftig einzuschätzen ist?

Darf die Trauer nach dem Tod eines geliebten Menschen zwei Jahre oder nur zwei Wochen dauern? Ab wann ist zu viel essen pathologisch? Und brauchen extrem reizbare Kinder, die sich mitunter zurückziehen, eine psychiatrische Diagnose?
Was noch normal und was schon krank ist, stufen Ärzte nach einem Klassifikationssystem psychiatrischer Leiden ein, das derzeit rundum erneuert wird. Wie der SPIEGEL berichtet, ist jetzt eine Debatte entbrannt um die Inhalte der fünften Auflage des "Diagnostischen und Statistischen Manuals Psychischer Störungen" (DSM-5), das im Mai veröffentlicht werden soll. Gesundheitsexperten warnen, normale Verhaltensweisen könnten zu seelischen Störungen erklärt werden. Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach sagt: "Das DSM-5 treibt die weltweite Psychiatrisierung von außergewöhnlichen Verhaltensweisen voran. Psychiater und pharmazeutische Firmen produzieren mehr Kranke, um mehr Geld zu verdienen."
(Der SPIEGEL 21.01.2013)

Und was mache ich jetzt mit meinem linken Fuß?
Der ist ja immerhin über einen Millimeter kürzer als der andere.

Ob ich es überlebe, wenn ich das nicht behandeln lasse?

Keine Kommentare:

Kommentar posten