Mittwoch, 25. Oktober 2017

Jammerei

Was machen die da gegenüber bloß den ganzen Tag? Seit zwei Monaten geht das so; jeden Morgen um sieben rollen LKWs mit Sand, anschließend wird gebuddelt und am Ende des Tages sieht man wieder einen fünf Meter hohen Sandberg an einer anderen Stelle des Geländes.
Am Bauzaun klärt die Stadt auf; der betreute öffentliche Spielplatz wird saniert. In diesem Fall mit EUR 170.000,-.
Bei anderen Hamburger Kinderspielplätzen nimmt die Stadt Hamburg sogar noch mehr Geld in die Hand.

Vor drei Jahren listete allein der Bezirk Hamburg-Nord folgende Spielplatz-Sanierungskosten auf:

Immenhöven (40.000 Euro nötig) und Timmerloh (350.000 Euro) in Langenhorn, Alsterberg (200.000 Euro) und Alsterberg/Höhentwiete (150.000 Euro) in Alsterdorf, Iseplatz (120.000 Euro) und Frickestraße (165.00 Euro) in Eppendorf, Graumannsweg (210.000 Euro) in Hohenfelde, Ratsmühlendamm (150.000 Euro) und Wellingsbütteler Landstraße (300.000 Euro) in Ohlsdorf, Probsteier Straße (350.000 Euro), Tiroler Straße (155.000) und Oberschlesische Straße (70.000 Euro) in Dulsberg, Höltystraße (155.000 Euro) auf der Uhlenhorst.

Waren Spielplätze früher nicht mal eine Fläche Sand mit ein paar Rutschen und Schaukeln?
Wie kann sowas denn 350.000 Euro kosten?

Nachdem ich allerdings sehe, wie der Bezirk diese Projekte umsetzt, daß also über Monate Sandberge von links nach rechts geschaufelt werden, wundere ich mich schon weniger.
Tatsächlich arbeitet Olaf Scholz immer noch den Sanierungsstau ab, der sich aus 10 Jahren völliger Untätigkeit der CDU-Regierung (2001-2011) ergeben hatte.
Ole von Beust hatte den Wohnungsbau komplett eingestellt, kein Geld mehr für Straßen und Grünflächen ausgegeben.
Rot, bzw Rot-Grün riss das Steuer um 180° herum. Nun wird geklotzt.
Daher leben wir jetzt in einer gigantischen Dauerbaustelle. Überall schießen neue Gebäude in die Höhe, Straßen werden asphaltiert, überall werden Leihräderstationen und Radwege eingerichtet. Spielplätze und Parks werden wieder hübsch gemacht und Hamburg boomt. Sogar die „Elphi“ ist fertig.
Um 30.000 Menschen jährlich wächst Hamburgs Bevölkerungszahl gegenwärtig.
Olaf Scholz scheint einiges richtig zu machen, denn ökonomisch geht es den Hanseaten laut des brandaktuellen „Vermögensbarometers 2017“ besser als allen anderen Bundesländern.

[….]  Hamburger Wirtschaft brummt: Mit einem Bruttoinlandsprodukt (BIP) von rund 61.000 Euro pro Einwohner wird der bundesweite Durchschnitt sogar um 64 Prozent übertroffen! Deutlich dahinter auf den Plätzen: Bremen und Hessen.

Die höchsten Löhne und Gehälter: Die Bruttolöhne in Hamburg liegen ebenfalls deutlich über dem Schnitt: Verdient der Durchschnittsdeutsche im Jahr 41.000 Euro, so bringt es der Hamburger in der gleichen Zeit auf 48.000 Euro!

Die höchste Kaufkraft: Dementsprechend können die Hamburger auch deutlich mehr konsumieren als die Menschen in anderen Bundesländern: 24.000 Euro stehen zur Verfügung, zehn Prozent mehr als der Bundesschnitt.

Die meisten Aktionäre: Weil die Hamburger so reich sind, legen sie ihr Vermögen gerne an der Börse an. Überdurchschnittlich viele Hanseaten investieren in Aktien und Gold! [….]

Mich nervt der Baulärm natürlich.
Jeder ist genervt von den ewigen Baustellen, Umleitungen und dadurch resultierenden Staus.
Aber der Senat ist in einer No-Win-Situation.
Täte er nichts und es würden gar keine Wohnungen gebaut, die Straßen verwandelten sich wieder in Schlaglochpisten wie zu CDU-Zeiten, wäre es den Wählern auch nicht recht.
Also lieber Augen zu und durch.

Zu meckern haben die Konservativen immer noch genug. Das muss ja auch extrem frustrieren, wie Scholz all das gelingt, woran der von ihnen hochgeschriebene Beust-Schill-Senat scheiterte.
Sogar die Kriminalität sank unter Scholz auf den niedrigsten Stand seit zwei Jahrzehnten.
Der Abla-Chef persönlich blies gestern zum Angriff.

[….]  Hamburg fehlen Kinder
[….]  Ja, die Stadt tut viel für Familien. Aber am Ende zählen oft nur die Immobilienpreise. Was jetzt getan werden muss.
Wenn Sie bei einem Gespräch mit Freunden, Verwandten oder Kollegen für eine Überraschung sorgen wollen, müssen Sie nur diese Frage stellen: "Was glaubt ihr, in wie vielen Hamburger Haushalten Kinder leben?" Die Antworten sind in der Regel nicht nur falsch, sondern liegen weit von der richtigen Zahl entfernt. Und wenn Sie diese dann nennen – "es sind 18 Prozent" – werden die Befragten so etwas sagen wie: "Das glaube ich nicht." Oder: "Das kann doch nicht wahr sein."
Ist es aber, und wir werden uns wohl daran gewöhnen müssen, dass es so bleibt. Hamburg ist zwar in den vergangenen Jahren deutlich familienfreundlicher geworden. In keinem anderen Bundesland sind Kita-Plätze (zumindest die ersten fünf Stunden) kostenlos, in keinem anderen Bundesland ist der Ausbau der Ganztagsschulen so stark vorangeschritten.
Aber diese vorausschauenden Maßnahmen, die der Senat um Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) schon bei dessen erster Wahl angekündigt hatte, reichen offenbar nicht, um aus Hamburg eine Familienstadt zu machen. [….]  Wer die Entwicklung der vergangenen knapp 50 Jahre hoch- und die Verteuerungen bei Immobilien mit einrechnet, kommt zu einem eindeutigen Ergebnis: Hamburg ist und wird noch stärker eine Stadt für Alleinlebende sein, für Menschen, die nicht viel (Wohn-)Raum benötigen, dafür aber Wert auf kulturelle und andere anspruchsvolle Freizeitmöglichkeiten legen. [….]  Die Lebensläufe vieler Hamburger dürften künftig wie folgt aussehen: Als Student zieht man in die Stadt, begnügt sich hier mit einem WG-Zimmer oder einer Einzimmerwohnung. Mit der Familie zieht man raus, ins zum Glück meist sehr schöne Umland. Um schließlich, wenn die Kinder aus dem Haus sind und der oben genannte Platzbedarf wieder sinkt, zurückzukommen. […]

Es droht offenbar der Untergang des Abendlandes; denn Hamburg entwickele sich zur Single-Stadt; so raunen Haiders Untergebene.

[….] Zwei Millionen Menschen werden 2035 in Hamburg leben. Das hat das Institut der deutschen Wirtschaft jüngst prognostiziert. Doch wie wird die Bevölkerung dann aussehen? Werden noch viele Familien in der Stadt leben? Oder wird Hamburg fast nur noch aus Singlehaushalten bestehen?
Fest steht: Die Zahl der Haushalte, in denen nur eine Person lebt, ist rasant gestiegen. War dies 1970 laut Statistikamt Nord noch bei lediglich 35 Prozent aller Hamburger Haushalte der Fall, lag der Anteil 1980 schon bei 41 Prozent, zehn Jahre später bei 46 Prozent – und heute bei 54 Prozent. Das heißt, dass mehr als jeder zweite Haushalt ein Singlehaushalt ist. Rechnet man den Anteil der Alleinlebenden um, heißt das: Mehr als 500.000 Hamburger leben bereits allein. Folgt man einer Prognose des Statistischen Bundesamtes für Stadtstaaten wie Hamburg, so wird es im Jahr 2035 bereits 640.000 Hamburger geben, die alleine leben. [….]

Gegenüber des Spielplatzes steht der große Häuserkomplex, in dem ich wohne. Ein ganzer Straßenzug, der einem Vermieter gehört. Alles kleine Wohnungen. Alles Singles oder Paare. Kein einziges Kind.
Da nützen der beste Luxusspielplatz und flächendeckend kostenfreie Kitas nichts.

Der Platz wird dennoch bespielt, weil eine Armada Helikopter-Eltern hier jeden Morgen mit ihren SUVs einfällt und mit einer offenbar sadistischen Freude ihrem kleinen MAXIMILIAN-ALEXANDER oder ihrer SOPHIA-BERNADETTE hinterher grölt. Es könnte ja sein, daß einer der Anwohner noch schläft. Mütter sind heute nicht mehr Mütter gegenüber ihren eigenen Kindern, sondern offenbar hauptsächlich damit beschäftigt anderen unter die Nase zu reiben, daß sie diese in der Geschichte der Menschheit noch nie vorgekommene Großtat Elternschaft wagen.

In Hamburg gibt es viele reiche Menschen; siehe oben. Diese residieren auch bei explodierenden Immobilienpreisen in Villen an der Alster oder den 300 qm-Penthäusern in Eppendorf.
Es spricht nichts dagegen unter solchen Umständen Kinder zu bekommen.
Aber selbst hier gibt es Städter, die nicht zwei oder drei Millionen Euro aus der Portokasse für eine Wohnung auf den Tisch legen können.
Also zieht man entweder etwas weiter weg aus der Stadtmitte, oder man schränkt sich mit dem Platz ein; bewohnt sehr kleine Apartments.
In der Konsequenz kommt es zu den von Haider beklagten Pendelbewegungen; jüngere Leute, Singles, Studenten wohnen in kleinen Innenstadtwohnungen, verlassen diese aber, wenn sie beginnen sich zu vermehren, weil man sich mehr Quadratmeter eher in Farmsen oder Niendorf leisten kann. Dort bleibt man dann 20 Jahre, bis die Blagen die Schule hinter sich haben und zieht sobald man wieder zu zweit oder allein ist, zurück in die Innenstadt. In eine viel kleinere, aber auch praktischere und zentralere Wohnung.

Anders als Haider beklage ich diesen Zustand nicht, sondern halte das für glückliche Fügung.

Erstens fürchte ich mich nicht vor dem Aussterben der Hamburger, wenn unsere Stadt jährlich um 30.000 Menschen wächst.

Zweitens möchte ich Herrn „Hamburg-fehlen-die-Kinder“-Haider daran erinnern, daß unter anderem seine eigene Zeitung dieses Jahr stolze Rekordgeburtenzahlen vermeldete.

[….] Geburten-Rekord. So viele Geburten in Hamburg wie nie zuvor [….] Das neue Jahr beginnt mit tollen Meldezahlen aus dem alten Jahr: Bei 25.063 Geburten kamen 2016 in den Hamburger Geburtskliniken und dem Geburtshaus 25.602 Kinder zur Welt. Damit ist erneut ein Rekordwert zu verzeichnen. [….] Die Zahl von 25.063 Geburten ist der höchste Wert seit dem Jahr 2000 (18.707 Geburten), seit die Statistik in vergleichbarer Weise durch die Gesundheitsbehörde geführt wird. […..]

Drittens halte ich Singles in kleinen engen Wohnungen und Familien mit schreienden Säuglingen für natürliche Feinde.
Kinder machen ohnehin Lärm, aber die auf ihre Smartphone starrenden Latte-Macchiato-Mütter verstärken diesen Effekt auch noch, indem sie ihre Blagen zu aufdringlichen Kreischmaschinen erziehen.

Und ja, in der Innenstadt gibt es auch sowas wie Bordelle und Spielhallen, die von Papas Trieben leben und von modernen Übermüttern mit Hasskampagnen überzogen werden.
Wenn Gegenden mit vielen Kindern und urbane Single-Areale räumlich getrennt werden ist das eine zu begrüßende Entwicklung.

Viertens ist es auch dem Wohl der Kinder förderlich, wenn sie in Gegenden aufwachsen, die viel Grün, Garten, geräumige Wohnverhältnisse und jede Menge anderer Kinder bieten.

Fünftens betrachte ich das Single-Dasein als Luxus. Hamburger Singlehaushalte bilden inzwischen eine Mehrheit, weil wir es uns leisten können und nicht aus Kostengründen gezwungen sind wie vor 100 oder 200 Jahren zu sechst in einem Zimmer ohne fließendes Wasser zu hocken.
Mensch verbraucht mehr Ressourcen, wenn jeder einen eigenen Haushalt führt.
Das ist ökonomisch gut, ökologisch schlecht.
Aber unter dem rein ökologischen Aspekt würden wir besser Großfamilien mit mehreren hundert Köpfen wie die kanadischen Hutterer leben. Ohne persönlichen Besitz, dafür mit einheitlicher Kleidung und normiertem Verhalten.

Glücklicherweise haben wir aber die Freiheit uns für das Single-Dasein zu entscheiden, wenn wir uns nicht so stark an andere anpassen wollen. Es ist nur zu begrüßen, daß Geschiedene und Alleinerziehende nicht mehr wie in den 1950ern und 1960ern so stigmatisiert sind, daß man ihnen die Kinder wegnimmt und in kirchliche Heime steckt, wo sie dann versklavt, verprügelt und vergewaltigt werden.
Es ist für alle Beteiligten von Vorteil, daß eine Ehefrau, die von ihrem Mann misshandelt wird nicht mehr aus purer Not und Alternativlosigkeit für immer bei ihm bleiben muss, sondern sich scheiden lassen kann.
Mit anderen zusammen zu leben ist ethisch betrachtet grundsätzlich genauso gut oder schlecht wie allein zu hausen.
Schlimm ist aber gegen seinen Willen mit einer anderen Person zusammen leben zu müssen.
Je mehr diese gesellschaftlichen und ökonomischen Zwänge entfallen, desto mehr Menschen können auch allein leben. Dadurch werden sie selbstständiger und können sich viel mehr entfalten.
Das sind positive Eigenschaften.
Alleinsein und Einsamkeit werden nie sauber unterschieden.
Letzteres ist aber ein anderes Problem, das nur individuell „gelöst“ werden kann.
Der Staat ist dafür nicht zuständig.

Also sehr geehrter Herr Chefredakteur, jammern Sie nicht, sondern begrüßen Sie die erfreuliche Entwicklung Hamburgs zur Single-Stadt.

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