Montag, 12. September 2016

Vernünftige Irre.

Vor ein paar Tagen guckte ich nachts auf CNN Anderson Cooper, als er ohne Regieanweisung mitten im Satz unterbrochen wurde.
Dramatische BREAKING NEWS: Seismische Messstationen hatten ein Erdbeben der Stärke 5,3 in Nordkorea aufgezeichnet.
Aber war das überhaupt ein Erdbeben, oder hat Kim Jong Un nun doch eine Wasserstoffbombe gezündet?
Amerika war elektrisiert. Stünde nun ein Atomkrieg bevor?
Hat der Irre aus P'yŏngyang nicht auch Interkontinentalraketen, mit denen er die Sprengköpfe in alle Welt schicken kann?
War es das jetzt? Geht die Welt unter?

Ich war irgendwie mitgerissen von dem Gedanken und wartete gespannt auf die deutschen Reaktionen, die ich ab 5.30 Uhr im Frühstücksfernsehen präsentiert bekommen würde.
Als es soweit war, sah ich aber nur gut gelaunte und scherzende Moderatoren, lange Strecken über das Wetter, Berichte von den Paralympics und den US-Open-Tennisergebnissen.
Das „Erdbeben“ in Nordkorea wurde in nur zwei Sätzen während des Nachrichtenblocks erwähnt.

Man stelle sich vor, der Iran wäre nur halb so weit mit der Atomwaffentechnik wie Nordkorea. Dann wäre was los hier.
Wieso interessieren sich aber die Europäer so gar nicht dafür was zwischen P'yŏngyang und Seoul vor sich geht?

Psychologie spielt eine Rolle. Amerika sitzt die Schmach der Kriege in Vietnam und Korea immer noch im Nacken. Da gab es von einem waffentechnisch und wirtschaftlich hoffnungslos unterlegenen, auch noch kommunistischen Gegner voll was auf die Glocke.
Amerika tickt pazifisch. Immerhin hat man selbst zwei Atombomben in Nagasaki und Hiroshima gezündet.
Amis denken den asiatischen Raum nuklear und sie sind dort heute stärker denn je militärisch präsent.
Und bei Wasserstoffbomben hört der Spaß auf. Die sind wirklich zerstörerisch.

Dazu ein kurzer Einschub, weil ich nicht ganz ignorieren kann, daß ich mal Nuklearchemievorlesungen gehört habe:

Die ersten Atombomben waren Fissionssprengsätze, bei denen sehr dicke schwere Atome wie hoch angereichertes Uran oder reines 239Plutonium gespalten werden. Die Sprengkraft misst man in „Kilotonnen“. Eine Kilotonne entspricht der Sprengkraft von 1000 Tonnen Trinitrotoluol, TNT.
Die Atombombe „Little Boy“ (Sprengstoff: 235Uran), die über Hiroshima abgeworfen wurde und 150.000 Menschen innerhalb weniger Tage tötete, entsprach 13 Kilotonnen TNT.
Die Atombombe „Fat Man“ (Sprengstoff: 239Plutonium), die drei Tage später über Nagasaki gezündet wurde, war mit 21 Kilotonnen TNT viel stärker, verfehlte aber den Stadtkern um mehrere Kilometer, so daß innerhalb einer Woche „nur“ 80.000 Menschen krepierten.

Die später entwickelten Kernfusionswaffen sind deutlich stärker. Bei ihnen werden die kleinen Atömchen Deuterium und Tritium zu 3Helium und schließlich zu 4He verschmolzen. Beides sind Wasserstoffisotope; daher der Name Wasserstoff- oder H-Bombe.
Das erfordert so viel Anfangsenergie, daß man erst mal eine herkömmliche Fissionsbombe zünden muß, um die H-Bombe in Gang zu setzen.
„Vanja“, aka AN602 war die dickste bisher gezündete Wasserstoffbombe.
Sie wurde 1961 auf der russischen Doppelinsel Nowaja Semlja abgeworfen und künstlich von den erreichbaren über 100.000 Kilotonnen TNT = 100 Megatonnen um die Hälfte reduziert, um die Radioaktivität einzugrenzen.
„Vanja“ explodierte mit 50 – 60 Megatonnen, also mindestens 4.000 mal so stark wie „Little Boy“ über Hiroshima.


Zugegeben; es ist keine schöne Vorstellung, daß ein Irrer so ein Ding zur Verfügung hat.

Um aber bei der Realität zu bleiben: Was auch immer Kim Kong Un vor drei Tagen auf dem nordkoreanischen Atomtestgeländes Pyunggye-Ri loslies, hatte eine Sprengkraft von 10 oder 11 Kilotonnen; ist also von einer H-Bombe noch um den Faktor 5.000 entfernt.

Des Weiteren ist es nach allem was ich gelesen habe noch sehr lange Zeit nicht soweit, daß Nordkorea technisch in der Lage sein wird so einen Sprengkopf derart zu verkleinern, daß er auf eine Kontinentalrakete passt und eben solche Raketen hat Kim schon gar nicht.

Es dauert also noch bis P'yŏngyang einen Atomkrieg auslösen kann.
Und selbst wenn es technisch dazu in der Lage sein sollte, müsste Kim Jong Un tatsächlich irre sein.
Ich glaube aber nicht, daß er es ist.
Aus Sicht des Diktators ist es höchst rational, was er tut.
Da können NATO, Un und USA noch so empört rumnölen.

[….] Die Staats- und Regierungschefs der Welt verurteilten derweil den Atomtest und forderten härtere Sanktionen. US-Präsident Barack Obama drohte Pjöngjang mit "ernsthaften Konsequenzen". UN-Generalsekretär Ban Ki Moon kritisierte den Atomtest "auf allerschärfste Art und Weise". "Das ist schon wieder eine dreiste Verletzung der Resolutionen des UN-Sicherheitsrats", sagte Ban. Südkorea fordert schärfere Sanktionen: "Wir brauchen mehr und stärkere Sanktionen, die Nordkorea wenig andere Wahl lassen, als seinen Kurs zu ändern", sagte Südkoreas Außenminister Yun Byung Se. [….]

Nein, natürlich glaube ich nicht, daß Kim Jong Un, der Menschen, die es wagen ihm nicht zuzustimmen mit Flak-Geschützen hinrichten läßt, ein netter Mann ist.
Von den bisherigen drei Kims ist er vermutlich der Widerlichste.

1994 starb Nordkoreas Gründer Kim Il Sung. Damit ging die Macht auf seinen Sohn Kim Jong Il über, der, anders als der leutselige Alte, als misstrauisch und hinterhältig geschildert wurde. [….][….]
Doch wenige Monate danach erlitt Kim Jong Il einen Hirnschlag. Ohne Weisungen des "lieben Führers" stockte Nordkoreas Politik. Derweil wählte Südkorea den Hardliner Lee Myung Bak zum Präsidenten, der anders als seine Vorgänger kein Interesse am Ausgleich mit dem Norden hatte. Der nahm sein Atomprogramm wieder auf. Kim starb im Dezember 2011. Sein Sohn Kim Jong Un, der brutaler regiert als der Vater, hat drei der fünf nordkoreanischen Atomtests zu verantworten. Nach dem vierten Test Anfang Januar bot er den USA Gespräche an. Aber mit vielen Raketenversuchen und seinem fünften Atomtest, nur acht Monate später, zeigte Kim Jong Un, dass er nicht auf Diplomatie setzt. Anders als sein Vater versucht er gar nicht erst, von Washington, ähnlich wie Pakistan, als kleine De-facto-Atommacht geduldet zu werden. [….]

Aber nur weil jemand widerlich und brutal ist, muß er nicht gleichzeitig auch auf den Kopf gefallen sein.
Nach meiner Einschätzung sieht sich Kim, der III. die Welt an und analysiert wie es anderen Diktatoren ergeht, die gelegentlich von Washington als „Achse des Bösen“ bezeichnet und des Besitzes von Massenvernichtungswaffen bezichtigt werden.
Die Kollegen Muammar al-Gaddafis und Saddam Hussein hatten gar keine Massenvernichtungswaffen und sind tot; ihre Länder liegen in Schutt, Asche und Chaos.
Baschar al-Assad hat WMDs, aber bloß Chemiewaffen.
Er ist zwar noch an der Macht, unter anderem wohl gerade weil er die Chemiewaffen auch einsetzt, aber sein Land ist bereits total zerstört und bald könnte es ihm auch an den Kragen gehen.
Pestige Diktatoren werden offenbar nur durch funktionierende Atomwaffen unangreifbar.
Ganz süß irgendwie, daß die UN immer noch den Atomwaffensperrvertrag wie eine Monstranz vor sich herträgt.
Faktisch ist es aber so, daß ein Land, das den Vertrag umgeht und sich illegal doch Atomwaffen verschafft anschließend unangreifbar ist – siehe Pakistan, Indien und Israel. Niemand nimmt denen ihre Atombomben weg.
Als GWB vor 15 Jahren Afghanistan angriff, konnten die Pakistanis beim Nachbarn beobachten was passiert, wenn man keine Atombomben, aber wie Pakistan selbst Islamisten und Taliban beherbergt.

Würden jemals Taliban die Regierungsmacht in Islamabad übernehmen, könnte kein amerikanischer Präsident etwas dagegen tun.
Es ist also aus Sicht eines Gegners der NATO und Amerikas sinnvoll und klug Atomwaffen zu haben.
Hätten Teheran oder Damaskus so viele Atomsprengköpfe wie Jerusalem, müßten sie nicht fürchten angegriffen zu werden.

[….] Kim Jong Il trieb das Nuklearprogramm voran, damit er anderen Mächten in Verhandlungen Zugeständnisse abtrotzen konnte. Dem jungen Kim dagegen geht es um Abschreckung.
Die Atomkraft soll ihm und seiner Clique das Überleben sichern, indem es den Preis für einen Sturz seines Regimes so hoch ansetzt, dass niemand diesen Versuch wagt, weder im Inland noch von außen. Südkorea und die in Pjöngjang gefürchteten USA sollen abgeschreckt werden. Deshalb publiziert Nordkoreas Propaganda Filme, in denen seine Interkontinentalraketen New York zerstören. In Wirklichkeit verfügt es über keine solchen Raketen, heute nicht und sicher auch nicht so bald.
Mit dem Schwenk zog Kim seine Lehre aus dem Sturz anderer Diktatoren, vor allem Muammar al-Gaddafis. Im Jahre 2003 kündigte der Libyer an, er gebe sein geheimes Atomprogramm auf. Acht Jahre später wurde er mit Hilfe der Nato gestürzt. Kim Jong Un meint, mit seinem Terror gegen das eigene Volk und mit Atomwaffen könne er sich dagegen absichern, dass ausländische Mächte möglichen Aufständischen im eigenen Land zu Hilfe eilen würden. Aus seiner Sicht haben Atomwaffen nicht nur das größte Abschreckungspotenzial, sie sind auch billiger als die konventionelle Armee, die Kim verkleinern möchte, um mehr Mittel für die Wirtschaft zu haben. [….][….]

Kim Jong Un ist nicht irre, sondern rational - und eben ein Arschloch.

Politisch ist der erneute Atomwaffentest durchaus folgerichtig. "Kim Jong Un verfolgt keine irrationale, sondern sogar eine sehr rationale und konsistente Politik", sagt Eric Ballbach, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Institut für Koreastudien der Freien Uni Berlin. Diktator Kim hat seine Herrschaft auf zwei Säulen aufgebaut: einerseits die militärische Aufrüstung, andererseits den wirtschaftlichen Fortschritt des Landes. Dieses Prinzip der Byongjin-Politik hatte er erst auf dem Parteitag im Mai als Leitlinie ausgegeben.
Die atomare Aufrüstung ist dabei ein zentraler Bestandteil, mehr noch: "Für Nordkorea ist der Atomwaffentest nicht nur ein militärisches Projekt, es ist ein sinnstiftendes Projekt für die gesamte Nation", sagt Ballbach. Tatsächlich dient es dem Regime vor allem, die eigene Macht nach innen hin zu legitimieren.

Irre sind eher die alten Atommächte, die glauben, daß nur sie das dürften, was kein anderer darf.
Die glauben, daß sie glaubwürdig sind.

Die Proteste der USA, Chinas und Russlands wären gegen den neusten Atombombenversuch von Nordkorea wären viel glaubwürdiger, wenn gerade diese Staaten nicht selbst ständig modernere und noch wirksamere Atomwaffen entwickelten und in Stellung brächten. Und auch der Protest Deutschlands sowie die Einbestellung des Botschafters Nordkoreas wären glaubwürdiger, wenn Deutschland die Stationierung von US-Atombomben in der Eifel nicht länger dulden würden, die jetzt sogar modernisiert und von deutschen Flugzeugen im Auftrag der NATO im Kriegsfall ins Ziel geflogen werden sollen. Gehör finden könnten die Proteste vielleicht, wenn die großen Atommächte sich bereit erklärten, ihr Atomwaffenarsenal nicht zu erneuern und Schritt für Schritt ganz abzubauen und die USA ihre Atombomben endlich aus Deutschland abzögen.
Die Aufnahme einer solchen Forderung in die UNO-Resolution würde auch dem Ansehen der Weltgemeinschaft nutzen. Aber auch in der UN sind eben nicht alle Länder gleich, sondern einige gleicher als die anderen.

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