Sonntag, 11. Februar 2018

Wer stoppt die fromme Andrea?

Nachdem Martin Schulz sich mit Schimpf und Schande selbst in die Tonne getreten hat und die SPD damit auch einen Sündenbock hat, dem sie die ganze Schuld für den demoskopischen Absturz in die Schuhe schieben kann, ist die Zustimmung zur Groko sehr wahrscheinlich geworden.

[….] Eine Mehrheit der Deutschen wünscht sich einer Umfrage zufolge eine Zustimmung der SPD-Mitglieder zur großen Koalition. 57 Prozent der Befragten sagten, dass die SPD-Mitglieder für die Groko stimmen sollten, wie eine Emnid-Umfrage für „Bild am Sonntag“ ergab.
Unter den Anhängern der SPD waren es sogar 84 Prozent. Auch 87 Prozent der Unionsanhänger sprachen sich für eine Zustimmung aus. Eine Ablehnung wünschten sich insgesamt 38 Prozent. [….]

Vorsichthalber sprechen viele Journalisten zwar noch von einem „steilen Weg“, den die SPD-Spitze vor sich habe, um die Basis von den Verhandlungsergebnissen zu überzeugen.
Ich denke allerdings, daß die Nein-Sager weniger von inhaltlichen Argumenten zu überzeugen sind. Sie dürften sich eher angesichts der noch mieseren Alternative doch noch zu einem „Ja“ entscheiden.
Neuwahlen, bei denen es mit der SPD mit hoher Wahrscheinlichkeit weiter dramatisch bergab geht und eine noch stärkere AfD hervorbringen, sind ebenso gräßlich wie die Vorstellung statt sechs SPD-Ministern weitere Unions-Hardliner in der Regierung zu wissen, die sich in einer Minderheitsregierung auf braun-schwarze Mehrheiten aus dem gemeinsam-xenophoben AFDFDPCDUCSU-Lager stützen könnte.
Daß „Erneuerung in der Opposition“ nicht funktioniert und insbesondere nicht mit Andrea Nahles an der Spitze klappt, hat die Oppositionszeit 2009-2013 mit einer SPD-Generalsekretärin Nahles eindrucksvoll gezeigt.

[…..] Er ist steil, weil einen Teil der Sozialdemokraten kaum interessiert, was die SPD in den Verhandlungen durchgesetzt hat. Sie stützen ihr Nein auf die ebenso feste wie falsche Annahme, die Partei könne sich nur in der Opposition erneuern - ganz so, als hätten sie aus der Geschichte der SPD nichts gelernt. Diese Geschichte gibt nämlich keinen Beleg dafür her, dass man sich nur dann erfolgreich regenerieren und profilieren kann, wenn man anderen beim Regieren zuguckt. [….]

Die SPD-Basis braucht eher ein Ventil, um ihre allgemeine Unzufriedenheit abzulassen. Dafür gibt es jetzt aber Martin Schulz, der nun als Groß-Loser in die Geschichte eingehen wird.
Ganz ohne Möglichkeit sich zu rehabilitieren.

Ein honoriger Abschied bleibt dem Noch-Parteichef Schulz verwehrt.
In bewährter Weise gräbt er das Loch, in dem er sitzt, noch tiefer, indem gestern seine Schwester vorgeschickt wurde, die den armen kleinen Martin gegen die böse, böse SPD-Parteispitze verteidigen mußte.
Der Würselener Bubi sei einfach zu gut und zu arglos für die miesen Methoden der Berliner Sozen.
Kann man sich nicht ausdenken. Nachdem der alte Parteichef seine sechs-jährige Tochter benutzte, um den Neuen zu treffen, holt der neue Parteichef seine jüngere Schwester, Doris Harst aus Würselen, um den Alten zu hauen.

[….] Nach den jüngsten Querelen der Sozialdemokraten macht Doris Harst, die Schwester des scheidenden SPD-Vorsitzenden, der Parteispitze schwere Vorwürfe.
„Andrea Nahles, Olaf Scholz und andere machen ihn zum Sündenbock für alles“, sagte Harst WELT AM SONNTAG. „Dabei könnten sie Martin dankbar sein, nicht nur, weil er in ihrem Sinne Sigmar Gabriel abserviert hat.“
Die SPD habe sich im Umgang mit ihrem Bruder als eine „echte Schlangengrube“ erwiesen. Jetzt sagten „Politiker mit Führungsverantwortung: ,Martin ist an allem schuld‘“, kritisierte die Sozialdemokratin.
 „Mir wird übel, wenn ich höre, wie Herr Stegner sich äußert und wenn Juso-Chef Kühnert sagt, ,nachdem die Personalie Schulz vom Tisch ist ...‘“, sagte Harst weiter. Damit werde deutlich, dass ihr Bruder „nur belogen und betrogen“ worden sei. Ihr Bruder habe die Schlangengrube in Berlin völlig unterschätzt. Nach seiner Zeit als Spitzenpolitiker in Brüssel und Straßburg sei das nichts für ihn. [….]

Ach ja, der arme Martin. Er ist ja erst jugendliche 62 Jahre alt, und erst seit 19 Jahren Mitglied des SPD-Präsidiums und des SPD-Vorstands. Woher sollte er also wissen wie es unter den Präsiden zugeht?
Dieses undankbare Pack, das ihn mit 100% der Stimmen zum Chef wählte. Etwas mehr Unterstützung, mindestens 200%, hätte es ja wohl sein können!
Die Würselener Familie Harst-Schulz ist ein gutes Beispiel dafür was der vorherige Kanzlerkandidat Peer Steinbrück mit „Heulsusen in der SPD“ meinte.

If you can’t stand the heat, don’t run for president.
(Hillary Clinton 2008)

Wer sich ein ruhiges Leben und fairen Umgang wünscht, kann sich so einige Berufe aussuchen. Kanzlerkandidat gehört nicht dazu.

Also, immerhin ein Lichtblick, Schulz ist weg.

Verrückterweise soll nun diejenige an seine Stelle treten, die ebenfalls seit 20 Jahren ununterbrochen im SPD-Vorstand sitzt, die sowohl als Generalsekretärin, wie auch als Ministerin erwiesenermaßen die SPD demoskopisch weiter in den Keller führte.
 Mehr Apparatschick als Nahles geht nicht.
Zwar startete die notorische Schröder-, Gabriel- und Müntefering-Hasserin als Parteilinke – sie war Gründerin und acht Jahre Vorsitzende des Forums Demokratische Linke 21 (DL 21) und damit Hauptwidersacherin des Seeheimer Kreises – aber inzwischen gilt Nahles als Meisterstrippenzieherin.
Niemand hat ein so enges Netzwerk aus persönlichen Zuträgern und Funktionsträgern geknüpft wie sie.
Ungeniert nutzte sie ihre vier Jahre im Arbeitsministerium, um alle zukünftig wichtigen Multiplikatoren der SPD um sich zu versammeln.
Sie versorgte so viele Menschen mit Pöstchen, daß sie nun alle Gefallen einfordernd zur Parteichefin aufsteigen kann.

Viele echte Linke und Jusos haben dabei noch gar nicht bemerkt, daß Nahles inzwischen für genau das steht, was sie eigentlich nicht mehr wollen: Eine der Basis und dem Bürger vollkommen entkoppelte Multifunktionärin, die wie eine Spinne im Zentrum eines großen Netzes aus Beziehungen und Abhängigkeiten sitzt.

Was ist eigentlich „links“?
Ich verstehe darunter kompromissloses Eintreten für die Schwachen.
Als in Deutschland wöchentlich Asylunterkünfte brannten und tausende Flüchtlingseinrichtungen angegriffen wurden, stand Nahles aber weit abseits. Sie warf sich nicht für die Schwächsten in unserer Gesellschaft in die Bresche. Sie hockte in ihrem Ministerium und knüpfte ihre Verbindungen.
Nach vorn ging Heiko Maas. Nur er stellte sich kompromisslos all den rechten Hetzern von AfD über CSU bis Bosbach entgegen.

Gedankt wird es nicht. Maas spielt offenbar in der Parteispitze weiterhin keine Rolle. Die Hinterzimmer-Queen Nahles will jetzt schnell den Sack zumachen, bevor die dummerhafte Basis bemerkt, daß sie in einer demokratischen Partei eigentlich auch eine Meinung zum Vorstand abgeben sollte.
Nahles möchte das nicht riskieren und den künftigen Vorsitz in bewährter Manier in geheimen Hintergrundrunden auskungeln.
Aber die fromme Katholikin muss sich beeilen.

 [….]  Vieles deutet daraufhin, dass Fraktionschefin Andrea Nahles den Parteivorsitz von Martin Schulz nicht erst im März übernehmen soll - sondern bereits kommende Woche. "Es wird am Dienstag eine Präsidiumssitzung geben, auf der wir über den weiteren Weg beraten", sagte SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil der Deutschen Presse-Agentur (dpa). [….]  Nachdem bereits die Nachfolge von Schulz ab März im kleinen Kreis ausgehandelt worden war, könnte Nahles nun sofort kommissarisch die Führung der Partei übernehmen, bis sie von einem Sonderparteitag binnen drei Monaten offiziell bestätigt werden müsste. Das Prozedere bei der Nachfolgeregelung stößt allerdings auf Kritik. "Der Urwahl-Idee kann ich grundsätzlich etwas abgewinnen und bin dafür offen, denn die direkte Beteiligung der Mitglieder schafft Vertrauen", sagte die amtierende Familien- und Arbeitsministerin Barley der Rheinischen Post. "Es kann nicht sein, dass der SPD-Vorsitz quasi unter der Hand vergeben und die Partei vor vollendete Tatsachen gestellt wird", sagte die SPD-Parteilinke Hilde Mattheis dem Tagesspiegel am Sonntag. Dazu müsste ein Parteitag die Satzung ändern. Bisher ist nur eine Mitgliederbefragung möglich, die einen Parteitag nicht bindet. [….]

Schnell schnell, sonst könnten die SPD-Mitglieder noch bemerken was für ein stramm katholisches Pfälzer Ei sie jetzt ins Nest gelegt bekommen.