Montag, 19. Dezember 2016

Im Spiegelglück

Es ist ein ewiger und nicht zu gewinnender Kampf gegen die tägliche Flut der Zeitungen/Nachrichten. Es sammelt sich und stapelt sich wie von selbst herum um mich.
Da ist es ein unerwarteter Zeitgewinn, wenn DER SPIEGEL gleich zweimal nacheinander mit einer für mich vollkommen uninteressanten Titelgeschichte kommt, für die ich keine Sekunde Zeit aufwenden muß.
So geschehen am 03.12.2016 „Football Leaks – die Geldmeister. Enthüllt: Die schmutzigen Geschäfte der Fußball-Superstars“ und am 10.12.2016 „Bundesliga intern. Football Leaks: Die geheimen Verträge der Profis.
Perfekt. Es gibt ohnehin nichts uninteressanteres und proletigeres als Fußball.
Daß die tausendfach überbezahlten, wehleidigen Deppen mit ihrem Small-Penis-Superluxussportwagen und den immer gleichen operierten Model-Freundinnen nicht mit ihren Einnahmen mauscheln, wäre eine Meldung gewesen.
Kann so weitergehen mit dem Spiegel.
Die Überraschung aber in der nächsten Ausgabe vom 17.12.2016.
Titelthema Asklepios-Konzern.


Der Hauptartikel beschäftigt sich zudem auch noch fast ausschließlich mit dem AK St. Georg, das ich sehr viel besser kenne, als mir lieb ist.
Was haben wir in dem Ding schon erlebt.
Und wie heftig habe ich mit meinem Anwalt gestritten, weil er unbedingt wollte, daß ich Klage gegen die Klinik und den Chefarzt einreiche; Klagen mit hoher Gewinnchance.
Ich habe mich aber immer dagegen entschieden, weil die Erfahrungen dort über Monate schon in jeder Hinsicht so extrem unerfreulich waren, daß ich mich psychisch nicht in der Lage sah, das alles noch mal aufzurollen.

Immerhin habe ich in diesem Blog seit zehn Jahren regelmäßig immer wieder Horrorgeschichten über Asklepios geschrieben, mich an der grausamen Behandlung der Patienten abgearbeitet, die abartige Bereicherung des Besitzers Bernd große Broermanns beklagt und voller Empörung auf die politischen Verantwortlichen Peiner und Beust gezeigt.

DER SPIEGEL fasst dazu recht eindrucksvoll die Methoden zusammen, wie der Asklepios-Konzern seine Mitarbeiter mit zweifelhaften Methoden dazu drängt mehr Geld aus den Patienten zu quetschen und nicht bei der eher nebensächlichen Heilung von Kranken Zeit zu verschwenden.
Broermannwohl vor Patientenwohl heißt die oberste Regel in den Asklepios-Krankenhäusern.
Ein lesenswerter Artikel. Jeder sollte sich diese Woche den SPIEGEL kaufen.
Erfreulich klar auch die Auskünfte darüber was für einen geradezu grotesk schlechten Deal der damalige CDU-Senat für den Busenfreund des Finanzsenators ausgehandelt hatte.

[….] Der Ver­kauf der Ham­bur­ger Kran­ken­häu­ser an As­kle­pios ist ein Lehr­stück miss­lun­ge­ner Pri­va­ti­sie­rung. Es zeigt, wie sich die Stadt Ham­burg von ei­nem pri­va­ten Kon­zern den Schneid ab­kau­fen ließ, nur um dem ei­ge­nen Ver­sa­gen zu ent­rin­nen. Und wie sie es dem Un­ter­neh­mer Ber­nard gro­ße Bro­er­mann er­mög­lich­te, sich mit Geld aus dem so­li­da­risch fi­nan­zier­ten Ge­sund­heits­sys­tem ei­nen mil­li­ar­den­schwe­ren Kli­nik­kon­zern zu bau­en.

Ob­wohl die Mehr­heit der Ham­bur­ger 2004 in ei­nem Volks­ent­scheid ge­gen die Pri­va­ti­sie­rung ge­stimmt hat, ent­schied der Se­nat um CDU-Bür­ger­meis­ter Ole von Beust, As­kle­pios die Mehr­heit von 74,9 Pro­zent am Lan­des­be­trieb Kran­ken­häu­ser zu ver­kau­fen. Der mit 565 Mil­lio­nen Euro chro­nisch ver­schul­de­te Lan­des­be­trieb sei ein „Fass ohne Bo­den“.
Was die Stadt­vä­ter als not­wen­di­gen und lu­kra­ti­ven Ver­kauf be­war­ben, en­de­te in ei­nem fi­nan­zi­el­len De­ba­kel. Die 318 Mil­lio­nen Euro Kauf­preis fei­er­te der Se­nat als gro­ßen Er­folg. Da­bei über­nahm Ham­burg mehr als die Hälf­te der LBK-Schul­den, also über 300 Mil­lio­nen Euro. 75 Mil­lio­nen Euro des Kauf­prei­ses muss­te As­kle­pios gar nicht erst über­wei­sen: Sie wä­ren nur fäl­lig ge­we­sen, wenn die Kli­ni­ken in den ers­ten fünf Jah­ren in Sum­me gut 408 Mil­lio­nen Euro ope­ra­ti­ven Ge­winn (Ebit­da) ab­ge­wor­fen hät­ten, ein Ding der Un­mög­lich­keit. Für den Rest der Sum­me gab die Stadt As­kle­pios noch ein Dar­le­hen.
Den Groß­teil des Kauf­prei­ses press­te der Kon­zern sei­nen neu er­wor­be­nen Kran­ken­häu­sern ab. Sie be­gli­chen gut 180 Mil­lio­nen Euro der Rech­nung – mit Schul­den, die sie selbst ab­ar­bei­ten muss­ten. As­kle­pios zahl­te nur 19 Mil­lio­nen Euro aus vor­han­de­nem Ver­mö­gen, für Kli­ni­ken, die heu­te rund eine Mil­li­ar­de Euro wert sein dürf­ten.
Als wenn das nicht rei­chen wür­de, über­nahm Ham­burg die Pen­si­ons­las­ten aus­ge­schie­de­ner Mit­ar­bei­ter. Die Grund­stü­cke, auf de­nen die Kran­ken­häu­ser ste­hen, über­ließ die Stadt dem Kon­zern für min­des­tens 60 Jah­re – pacht- und miet­frei. Mit­ar­bei­ter, die bei As­kle­pios nicht blei­ben woll­ten, hat­ten ein Rück­kehr­recht zur Stadt. Für je­den An­ge­stell­ten, den sie zu­rück­nahm, muss­te As­kle­pios der Stadt 25 000 Euro zah­len, ins­ge­samt aber höchs­tens 15 Mil­lio­nen Euro, so steht es im Kauf­ver­trag vom De­zem­ber 2004. Weil fast 1500 Mit­ar­bei­ter vor dem neu­en Ei­gen­tü­mer flo­hen, kos­te­ten die Rück­keh­rer die Stadt­kas­se am Ende über 150 Mil­lio­nen Euro.
An­ge­sichts all des­sen mu­tet es gro­tesk an, wel­che Mit­spra­che­rech­te sich die Stadt Ham­burg trotz ih­res An­teils von 25,1 Pro­zent ab­kau­fen ließ. Der ge­hei­me Be­tei­li­gungs­ver­trag zwi­schen der Stadt und As­kle­pios, der dem SPIEGEL vor­liegt, de­gra­diert die städ­ti­schen Ver­tre­ter in Ge­sell­schaf­ter­ver­samm­lung und Auf­sichts­rat zu Ma­rio­net­ten. [….]
(DER SPIEGEL, 17.12.2016)

Wie gesagt, ein interessanter und lehrreicher Artikel – wenn mir auch das Meiste schon vorher bekannt war.
In Hamburg ist der Ruf der Asklepioshäuser ohnehin ruiniert. Jeder kennt jemand, der als Patient schlechte Erfahrungen dort gemacht hat.
Wer es irgendwie verhindern kann, vermeidet die Broermannhäuser.
Wichtig ist es aber via SPIEGEL das Thema überregional zu puschen, um auch entsprechenden Druck auf die Gesetzgeber zu machen.

Im Geiste hatte ich schon einen Leserbrief formuliert.
Zunächst dachte ich daran dem SPIEGEL meine eigene haarsträubende Horrorgeschichte aus dem Asklepios St. Georg zu schildern und die wesentlich besseren Erfahrungen aus einem Nicht-Asklepios-Krankenhaus dagegen zu stellen.
Da ich mir aber sicher bin, daß jede Menge bestätigende Fallbeispiele beim SPIEGEL eintrudeln werden, wollte ich lieber den falschen Adressaten des Artikels monieren.
Broermann wird kritisiert, die untätigen Landesgesundheitspolitiker pauschal angegriffen und auch allgemein „die Hamburger Politik“ benannt, die diesen Deal eingegangen ist.

Das reicht aber nicht.
Denn diese totale Fehlentscheidung des offensichtlich korrupten CDU-Senates war über ¾ der Hamburger schon vorher klar.
SPD, Grüne und Linke hatten das entsprechend angeprangert. Alles war öffentlich diskutiert worden.
Aber es war die Hamburger CDU, die gegen ale Vernunft und gegen die überwältigende Mehrheit der Wähler entschloss zum Schaden der Gesundheit der Hamburger den Freund des Finanzsenators zum Milliardär zu machen.

Im September 2001 übernahm eine Koalition aus CDU, Schill-Partei und FDP nach 44 Jahren SPD-Herrschaft die Regierungsgeschäfte in Hamburg.
Im Dezember 2003 beschloss der neue Senat nach einer internationalen Ausschreibung, dem privaten hessischen Klinikbetreiber Asklepios Anteile am LBK zu verkaufen. Drahtzieher war der damalige Finanzsenator Wolfgang Peiner. Da Asklepios-Inhaber Bernard gr. Broermann zum Verwaltungsrat einer Versicherung gehörte, als Peiner dort im Vorstand saß, warf die SPD dem Senat Vetternwirtschaft vor.
Am 29. Februar 2004 beteiligten sich 788.563 Hamburger Bürger an einem Volksentscheid, den Gewerkschaften und soziale Gruppen unter den Slogan "Gesundheit ist keine Ware" organisiert hatten. 593.497 stimmten gegen den Verkauf, das waren 76,8 Prozent der Stimmen. Da die mittlerweile allein regierende CDU um Bürgermeister Ole von Beust den Volksentscheid als nicht bindend einstufte, zogen dessen Initiatoren vor das Hamburger Verfassungsgericht.
Am 15. Dezember 2004 bestätigte das Gericht die Sichtweise der CDU. Einen Tag später beschloss die Bürgerschaft, den LBK zu 74,9 Prozent an die Asklepios-Kliniken GmbH zu verkaufen. Als Kaufpreis wurden knapp 320 Millionen Euro vereinbart, wovon 75 Millionen ertragsabhängig waren und nicht bezahlt werden mussten, da der erwartete Ertrag ausblieb.

2004 hatte Hamburg den LBK privatisiert, obwohl eine Mehrheit der Hamburger Wahlberechtigten sich in einem Volksentscheid dagegen ausgesprochen hatten. Die Opposition aus GAL und SPD hat schon bei Abschluss des Kaufvertrages 2004 kritisiert, dass die Stadt bei dem Geschäft draufzahle. Nach Lektüre der Verkaufsunterlagen hatten sie den Vorwurf erhoben, Peiner habe bei dem Deal kräftig manipuliert. Er habe sich, entgegen seiner eigenen Darstellung, aktiv in die Verhandlungen eingemischt und strittige Details mit Asklepios-Chef Bernard Broermann persönlich verhandelt - einem alten Geschäftspartner aus Peiners Zeit bei der Gothaer-Versicherung. So sei das Angebot der Asklepios-Klinikgruppe mehrfach geschönt worden.

Inzwischen wird das aber schicksalhaft als gegeben hingenommen. Ist ja auch so lange her.

Und genau das ist falsch!
Tausende Patienten leiden heute jeden Tag unter den Verhältnissen in den Asklepios-Kliniken, während der Besitzer in rasendem Tempo immer reicher wird.

Bernd Broermanns Vermögen wuchs in den letzten 12 Monaten von 2,95 Milliarden auf 3,10 Milliarden Euro (BILANZ Magazin September 2016).
150 Millionen Euro Zuwachs in einem Jahr beutet, daß der Mann alle zwei bis drei Tage eine Million Euro mehr hat, die er aus seinen Patienten herauspresst. (…..)
(Staatsverachtung, 26.11.2016)

Menschen wie Ole von Beust und Wolfgang Peiner gehören zur Rechenschaft gezogen. Ich bin kein Jurist; aber kann man da nicht irgendwas machen? Untreue? Die Hamburger CDU sollte sich vor dem Richter rechtfertigen und natürlich müssen die Pensionen der Protagonisten gekürzt, bzw gepfändet werden.

Es ist wichtig für den nicht eben hellen Urnenpöbel nicht nur zu ahnen/wissen, daß etwas schiefläuft, sondern daß auch klar die Zusammenhänge aufgezeigt werden. Daß deutlich wird, welchen Personen und Parteien sie das Desaster zu verdanken haben.

Es sind nicht allgemein „die Politik“ oder „die Politiker“ Schuld, sondern es muß außerordentlich präzise aufgezeigt werden, welcher einzelne Politiker, welche Partei verantwortlich ist.

Unerwartet deutlich und klar schlägt zwei Tage nach der SPIEGEL-Titelgeschichte heute die kleine Boulevard-MOPO in dieser Kerbe.
Holla, daß ich dieses Blatt mal so loben würde. Hätte ich nicht gedacht.

Asklepios, HSH, Elphi Ole von Beust ist der teuerste Bürgermeister aller Zeiten
[…..]  Diese Riege erfolgreicher und verdienstvoller Bürgermeister ließe sich noch fortsetzen. Einer aber gehört wohl nicht drauf: Ole von Beust (CDU). Dabei haben sie ihn alle anfangs so gern gehabt. Smart sah er aus. Und freundlich, fast ein bisschen schüchtern kam er rüber. Als er Schill rauswarf, den koksenden und erpresserischen Innensenator, regierte er zeitweise mit absoluter Mehrheit. Am Ende stiegen sogar die Grünen zu ihm ins Bett.
[…..] Tja, wer aber heute mit etwas Abstand darüber nachdenkt, was in neun Jahren Ole eigentlich gut war, der kommt nach einigem Grübeln zu dem erschreckenden Ergebnis: Viel fällt einem da nicht ein...
Seine Fehler aber werden noch in Generationen zu spüren sein: Nehmen wir die Wohnungsnot: von Beust hat sie hervorgerufen durch eine völlig verfehlte Baupolitik.
Der Verkauf der Krankenhäuser: Schlau war der jedenfalls nicht. Dann die Elbphilharmonie: Ein wunderschönes Projekt, miserabel gemanagt. Ganz zu schweigen von den Milliarden, die im Zusammenhang mit der HSH-Nordbank verpulvert wurden!
Vieles deutet darauf hin, dass Ole von Beust einer der schlechtesten  Bürgermeister war, den die Stadt je hatte. Der teuerste ist er auf jeden Fall. […..]

In diesem Blog habe ich in zehn Jahren immer wieder die geradezu absurden Fehlleistungen Ole von Beusts aufgezählt und mich bitterlich über die zu 99% ultrafreundliche Presse für ihn beklagt.
Den Medien gefiel die Story dieses vermeidlich neuen liberalen Großstadt-CDU’lers, der angeblich so gut mit Merkel konnte.
Nur weil Beust schwul ist, kann man ihm nicht verzeihen Schill zum Bürgermeister gemacht zu haben und der Stadt einen zweistelligen Milliardenschaden aufgebrummt zu haben.
"Schlechtester Bpürgermeister aller Zeiten" - wohl wahr. Den Schuh muss sich von Beust anziehen. Wäre nur schön gewesen, wenn die Hamburger das 15 Jahre früher erkannt hätten.
In meinem Blog stand es von Anfang an.
(Ein "I told you so" muß ich mir auch mal gönnen.)

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