Samstag, 5. April 2014

Der deutsche Michel verdummt.


Das innenpolitische Grundübel dieser Jahre, beschreibe ich immer wieder:
Merkel entzieht sich dem Diskurs, hält jede Zumutung vom Wähler fern, geht dadurch unverantwortlich fahrlässig mit der Zukunft der Menschen um und wird dafür belohnt vom Wähler.
Heute war CDU-Europawahlparteitag.  Auch das wurde unter der Regie der Kanzlerin mal wieder eine so unterbelichtete Veranstaltung, daß die Parteiführung dafür ausgepeitscht gehörte.
Es ist ein demokratiezerstörendes Armutszeugnis jede inhaltliche Diskussion von der Gesellschaft fernzuhalten.
Thorsten Denkler findet dafür heute eine treffende Formulierung:

„Angela Merkel unterfordert jeden politisch denkenden Menschen.“

Diese systematische Unterforderung bleibt bedauerlicherweise nicht ohne Wirkung.
Es ist wie bei einem TV-Konsumenten, der nur SAT1- und RTL-Daily-Soaps guckt.
Nach einigen Jahren sind dann so viele Hirnzellen abgestorben, daß die geistige Leistung, welche erbracht werden muß, um eine hochqualitative Dramaserie mit intelligenten Dialogen und komplexen Handlungssträngen zu genießen, nicht mehr abrufbar ist.
Das deutsche Privatfernsehen hat die Zuschauer so nachhaltig in die Verdummung gesendet, daß sie „House of Cards“ oder die „Sopranos“ gar nicht mehr sehen wollen. Sie sind auf „Unter Uns“ und „Rote Rosen“ geprägt.

Annähernd eine Dekade IQ-Reduktionspolitik bleibt nicht ohne Folgen.
Der deutsche Michel ist ein Gewöhnungstier.
Wenn nun andere politische Kräfte mit Tatendrang und Plänen auf sich aufmerksam machen möchten, verschreckt das den Urnenpöbel. Um nichts in der Welt möchte er aus seiner selbstgewählten geistigen Lethargie gerissen werden.
Mitzudenken oder Konzeptionen abzuwägen, wird als dreiste Zumutung empfunden.

Auf der Wohlfühlinsel der Wellness-Kanzlerin
Angela Merkel unterfordert jeden politisch denkenden Menschen. Auch auf dem Europaparteitag der CDU geht ihr Konsens über alles. Klare Haltungen vermeidet sie wo es geht. Das Dumme ist: Sie hat damit Erfolg.
Es ist schon erstaunlich, mit wie wenig sich diese CDU zufrieden gibt. Zwei mittelmäßige Reden genügen und Peter Tauber wird mit über 97 Prozent zum Generalsekretär und David McAllister mit mehr als 98 Prozent in das CDU-Präsidium gewählt. […]  Es ist Angela Merkel, die Kanzlerin und CDU-Vorsitzende, die es seit Jahren genau so vormacht. Ihre Rede vor den Delegierten in der Messehalle 20 ist eine Blaupause dafür: Nahezu frei von Inhalten frühstückt Merkel Allgemeinplatz um Allgemeinplatz ab.
[…]  Merkel positioniert sich nur da, wo sie sicher sein kann, dass es einen großen Konsens gibt. Das Recht des Stärkeren darf nicht über dem Recht stehen, sagt sie etwa. Merkel meint Putins Annektierung der Krim. Der Satz ist so wahr, dass er in Stein gemeißelt werden könnte.
Aber wie weit würde sie gehen, um diesen Satz zu verteidigen? Was gedenkt sie konkret gegen Russland zu unternehmen? Oder hat sie die Annektierung nicht längst akzeptiert, hingenommen wie einen Platzregen mitten im Sommer?

Merkel hütet sich, eine eigene Haltung zu komplizierten Fragen einzunehmen. […]  Auch ihr Umgang mit Jean-Claude Juncker spricht Bände. Der ist Spitzenkandidat der konservativen Parteienfamilie in Europa, also auch der CDU. Juncker will Präsident der EU-Kommission werden. Er hat das auf dem Parteitag in einer eindrucksvollen Rede nochmal unterstrichen.
Von Merkel kommt kein Satz dazu. Warum? Eine Festlegung auf Juncker birgt die Gefahr, dass seine mögliche Niederlage am Ende ihr zugeschrieben wird.
[…]  Die Wähler wollen Ruhe - Merkel gibt sie ihnen
Doch der Partei reicht das. Am Ende gibt es großen Applaus für praktisch nichts. Hauptsache Merkel sitzt im Kanzleramt. Einen Aufstand gibt es nicht. Gerade mal ein Redner hat sich deutlich gegen die Rente mit 63 gestellt. Einer. Eine nennenswerte innerparteiliche Opposition gegen Merkel ist nicht existent. […]  

Eine derart ins Koma regierte Wählerschaft färbt auch auf die Klasse der politischen Journalisten ab.
Mit den Jahren sind ihre Zähne komplett abgeschliffen.
Mit müdem Wohlwollen wird die Nicht-Politik der Kanzlerin bedacht, während man sich das pingelige Kritisieren ausschließlich für Roten und Grünen aufspart.

In einem politisch-apathischen Klima mit Gefälligkeitsjournalismus kann es dann zu unerträgliche BLÖDEN Nazivergleichen des Bundesfinanzministers kommen, die ernsthafte diplomatische Spannungen auslösen, die Schäuble anschließend mit der Feststellung vom Tisch wischt, er sei nicht blöd.

Schäuble sieht sich wegen der Äußerungen zu Unrecht am Pranger. Er habe niemanden mit Adolf Hitler verglichen, sagte er in der ARD-Sendung "Beckmann". "Ich bin doch nicht so blöd, dass ich Hitler mit jemandem vergleiche."

DOCH Schäuble, genau das ist das Problem! Du bist so blöd! Es ist ja auch nicht Dein erster Hitlervergleich. Du bist so blöd, daß Du auch noch ein Wiederholungstäter bist.

Hätten wir eine einigermaßen funktionierende Presse, würde sie jetzt nicht locker lassen und Schäuble hart kritisieren.
Aber NICHTS. Im Gegenteil. Devot nimmt es ein Großteil der Presse hin, daß Schäuble ihnen dummdreist auch noch den Schwarzen Peter zuschiebt.

Der Fehler [sei] nicht bei ihm zu suchen, sondern bei den Medien, die ihn verkürzt und deshalb falsch dargestellt hätten: „Deswegen finde ich, dass diese Art von medialer Aufregung unerträglich ist. Denn sie zerstört jede Spontaneität von Unterhaltung.“ Hätte er einen Fehler gemacht – auch er sage mal was Falsches – dann würde er sich auch entschuldigen. Aber das sei in dem Fall nicht nötig.

Wie BLÖD sind eigentlich Wähler und Medien, daß sie so mit sich umgehen lassen und dann einen solchen Politiker für einen der fünf Besten halten, der auch noch seine eigentliche Arbeit verweigert – Mehrwertsteuerreform oder eine generelle Einkommenssteuerreform, die endlich Schluß damit macht, daß Einkommen aus Erwerbstätigkeit doppelt hoch besteuert wird, wie Zins- und Kapitalerträge, die man fürs Nichtstun erhält – fasst Schäuble nicht an.

Es gibt natürlich einige Journalisten, die nicht auf den Kopf gefallen sind und Dinge beschreiben wie sie sind.

Dem Minister kam es dabei nicht etwa in den Sinn, Fehler einzuräumen. Er schimpfte vielmehr über die Medien, weil die ihn unvollständig zitiert hätten.
[…] Der Minister hat Hitler und Putin praktisch in einem Atemzug genannt – und damit selbstverständlich eine Parallele gezogen.
Dass es nun Ärger gibt bis nach Moskau, schiebt er dennoch den Medien in die Schuhe. Wieder einmal, muss man sagen, denn es ist schon mehrfach vorgekommen, dass Schäuble etwas sagte, was er anschließend so nicht gesagt haben wollte. Immerhin ahnt man diesmal, warum es ihm offenkundig so schwerfällt einzuräumen, mit einer Formulierung einmal danebengelegen zu haben: Es passt nicht zu seinem Selbstbild. […]
(SZ vom 05.04.2014)

Schäuble ist aber offenbar zu blöd, um zu begreifen was er angerichtet hat.
Daher noch einmal zum Mitschreiben die Analyse eines Historikers:

Damals Hitler, heute Putin? Die Analogie ist historisch falsch – und trifft den russischen Präsidenten sehr persönlich. [….]
Betrachtet man diese historische Situation, erschöpfen sich die Parallelen zwischen der Sudeten- und der aktuellen Krimkrise schnell. Erstere war das Vorspiel eines geplanten Kriegs und der Auftakt zum Zweiten Weltkrieg. Die Eingliederung der Krim in die Russische Föderation ist dagegen die Folge des Scheiterns der politisch-ökonomischen Einfluss-Strategie Moskaus in der Ukraine. Russland hat ein ziemlich autoritäres Regime, aber es ist keine totalitäre Diktatur – man stelle sich Massendemonstrationen, wie es sie in Moskau gab, im Hitler-Staat vor. [….] Und wenn der Vergleich nun einmal in der Welt ist, muss man wohl auch noch die Persönlichkeiten Putin und Hitler nebeneinander stellen: Putin ist ein rücksichtslos, aber letztlich rational agierender Revisionspolitiker, der etwas von der verlorenen Macht Moskaus zurückgewinnen möchte; Hitler war ein von einer irrationalen Ideologie getriebener Welteroberer und Massenmörder. Man kann die Revisionspolitik Putins für falsch und gefährlich halten, man sollte aber doch zwischen Putin und Hitler unterscheiden können – nicht zuletzt, um in der gegenwärtigen Spannungssituation keine verfehlten Schlüsse zu ziehen.
Und man sollte sich bewusst sein, dass NS-Vergleiche nicht im erfahrungsfreien Raum stattfinden. Wladimir Putin stammt aus Leningrad, der Stadt, die Hitler von 1941 bis 1944 totzuhungern versuchte. Eine Million Bewohner fielen dem zum Opfer. Anlässlich des 70. Jahrestages des Endes der Blockade am 27. Januar 2014 hat der 95-jährige russische Kriegsveteran und Schriftsteller Daniil Granin im Deutschen Bundestag die Erfahrung der Blockade eindrucksvoll beschrieben. Wie Granin hat auch Putins Vater an der Leningrader Front gekämpft. Seine Mutter war eine „Blokadniza“. Sie hat in Leningrad überlebt, nicht aber ihr kleiner Sohn Viktor, Putins großer Bruder, den er nie gesehen hat. Er starb als Kleinkind 1942 an Diphtherie und ist zusammen mit einer halben Million anderer Blockade-Opfer auf dem Piskarjowskoje-Friedhof beerdigt. Auch für eingefleischte Putin-Nichtversteher sollte nachvollziehbar sein, dass der Hitler-Vergleich unter diesen Voraussetzungen besonders kränkend ist. [….]
(Prof Jürgen Zarusky via SZ vom 05.04.2014)

Das alles weiß Schäuble entweder nicht, oder hat es nicht bedacht.
Echt blöd.


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