Dienstag, 5. Mai 2020

Bedauern überwiegt.

Johannes Kahrs, 56, SPD-Urgestein, Seeheimer-Boss, Strippenzieher und mächtiger Haushaltspolitiker ist vielleicht der schillerndste Abgeordnete des Bundestags.
Zufällig ist er auch zweifach mein Abgeordneter; ich lebe in dem Bundestagswahlkreis, den er in Berlin vertritt und bin außerdem auch noch seit Jahrzehnten SPD-Mitglied, so daß ich Kahrs schon sehr sehr lange auf kommunaler Ebene hautnah erlebe. Er ist Kreisvorsitzender in Hamburg-Mitte.

Rückblick:
(……) Es ist wohlfeil über Eitelkeiten und Geltungsbewußtsein von Politikern zu klagen.
Menschen mit sympathischen Eigenschaften wie Zurückhaltung, Bescheidenheit, Altruismus, Introvertiertheit, Kontemplation und Besonnenheit werden gar nicht erst Spitzenpolitiker, weil man sich mit so einem Rüstzeug nicht auf der Ochsentour nach Oben durchsetzen kann.
Ja, genau. Das System ist schuld. Und natürlich der Urnenpöbel, der solche unerschütterlichen Typen mit genügend Selbstbewußtsein für eine ganze Stadt offensichtlich so toll findet, daß er sie immer wieder wählt.

Ein solcher Mann mit sehr breitem Kreuz und der unerschütterlichen Überzeugung selbst der beste zu sein, ist mein direkter Vertreter im Parlament.

Es fällt mir immer noch schwer ein Urteil über meinen Bundestagsabgeordneten Johannes Kahrs aus Hamburg-Mitte zu fällen.

Kahrs, 51, Oberst der Reserve, Rechtsanwalt dürfte bundesweit vor allem durch seine Rolle als Sprecher des Seeheimer Kreises bekannt geworden sein.
Der Sohn zweier sozialdemokratischer Senatoren in Bremen, saß zunächst ab 1993 fünf Jahre in der Bezirksversammlung Hamburg-Mitte, bevor er 1998 in rabiater Weise einen meiner absoluten Lieblingspolitiker, nämlich den Bundestagsabgeordneten von Hamburg-Mitte, Freimut Duve verdrängte.
Duve war einer dieser Ausnahmepolitiker, der 100% integer und frei von Eitelkeit agierte. Hochgebildet und bescheiden zugleich, gehörte er zu der kleinen Gruppe Parlamentarier, die ihre komplette Steuererklärung veröffentlichten, Diäten spendete und sich stets für die Schwächsten einsetzte.
Ich war sehr wütend, als ich Kahrs vor die Nase gesetzt bekam, zumal Duve 1998 sehr gern weiter gemacht hätte!
Aber, das muß man zugeben; Kahrs sitzt fest im Sattel. Er wurde seit 17 Jahren immer wieder direkt und mit Hamburger Rekordergebnis in den Bundestag geschickt.

Warum sollte ich unzufrieden sein?

In solchen Fällen hilft eine stichwortige Pro- und Contra-Liste (….)
WEITERLESEN: (Komplexe Persönlichkeit, 31.01.2015)

Man kann in epischer Breite seine schlechten Seiten aufzählen. Kahrs ist sicher nicht zimperlich, nutzt jeden Trick und soll Gerüchten zu Folge vor keiner Gemeinheit zurück schrecken.
Andererseits ist er aber auch ein Naturtalent. Kaum einer kann so druckreif und eindrucksvoll ohne Manuskript reden, niemand ist so mutig und legt sich im Dienst der Sache mit der Konkurrenz an.
Und Kahrs ist effektiv für seinen Wahlkreis. Immer wieder schaffte er es große Summen Bundesmittel für Hamburg locker zu machen und beteiligte seine Schäfchen an der Basis vorbildlich. Ich kenne keinen so fleißigen Abgeordneten, der im Wahlkreis so präsent ist, Myriaden Hausbesuche – zu denen er selbstgebackenen Kuchen mitbringt – absolviert hat und unablässig Busladungen voller interessierter Hamburger nach Berlin karren lässt, um ihnen zu zeigen wie der Bundestag arbeitet.

Weniger informierte Linke neigen dazu Kahrs übergroße Nähe zur Union zu attestieren, weil sie „die Seeheimer“ generell für „rechts“ halten.
Nichts könnte falscher sein.
Johannes Kahrs ist im Bundestag als härtester Kritiker Merkels bekannt und schleuderte ihr am Rednerpult des Bundestags nach der Einführung der „Ehe für alle“, die Merkel bekanntlich immer ablehnte, wütend ein „Danke für nichts“ entgegen.


Zudem ist Kahrs einer der ganz wenigen Volksvertreter, der so offensiv die AfD angreift, daß die wirklich getroffen aufjaulen.


So sehr, daß sie schon heulend aus dem Bundestag gingen, wenn sie vom Seeheimer-Boss eins übergebraten bekamen.


Johannes Kahrs, 22 Jahre Bundestagsabgeordneter, von 1998 bis 2020 immer mit hervorragenden Ergebnissen direkt gewähltes Mitglied des Deutschen Bundestages, Sprecher der Bundestagsfraktion im Haushaltsausschuss warf heute überraschend alles hin. Keinen Bock mehr?

Ich bin irritiert. Angeblich schlug er schon oft Regierungsämter aus, weil er gar nicht so gierig drauf ist im Rampenlicht zu stehen, sondern es lieber genießt der mächtige Strippenzieher hinter den Kulissen zu sein.
Öffentlich pflegte er dann zu sagen, daß er ohne ein Regierungsamt viel offener sprechen könne und ohne weitere Karriereabsichten nicht erpressbar wäre. Das genieße er, so könne er frei nach Schnauze reden.
Nun heißt es, werfe er hin, weil die SPD Eva Högl als neue Wehrbeauftragte durchsetzte, obwohl Kahrs seit Monaten darauf hinarbeitete Herrn Bartels abzulösen.

[…..] „Ich wollte einen Neuanfang in der Politik. Da mir die Bundeswehr sehr am Herzen liegt, als Oberst der Reserve, ehemaliges Mitglied im Verteidigungsausschuss oder als langjähriger Berichterstatter für das Verteidigungsministerium im Haushaltsausschuss, hätte ich gerne für das Amt des Wehrbeauftragten des Deutschen Bundestages kandidiert“, so Kahrs.
„Für das Amt des Wehrbeauftragten bewirbt man sich nicht, man wird vorgeschlagen. Der Fraktionsvorsitzende hat Eva Högl vorgeschlagen. Ich akzeptiere dies und wünsche ihr viel Erfolg“, sagt er. Nun suche er außerhalb der Politik einen Neuanfang – und tritt noch am Dienstag von seinem Mandat und allen politischen Ämtern zurück.
Johannes Kahrs wünscht der SPD Glück und Erfolg
„Ich danke all meinen Weggefährten, meinen Freunden und politischen Begleitern vieler Jahre. Ich bin meiner Partei zutiefst verbunden und wünsche ihr von ganzem Herzen Glück und Erfolg", sagt er. […..]

Kann das sein?
Kahrs gilt als uneitel und unkaputtbar. So einer soll so angefasst sein, daß er den Lafo macht?
Insofern passt es einfach nicht, daß er aus Gram um einen Posten alles hinwirft.

Die Causa Bartels/Högl ist ohnehin undurchsichtig.

Offiziell heißt es, die SPD-Bundestagsfraktion habe Högl statt Kahrs vorgeschlagen, da sich CDU und CSU kategorisch geweigert hätten Kahrs auf dem Posten zu akzeptieren.
Das ist möglich; wie wir gesehen haben, ist Kahrs nicht zimperlich mit der Union und zudem ist Bundeswehr sein Fachgebiet.

Anderseits ist unklar, wieso Bartels überhaupt abgelöst wurde. Die Soldaten vertrauten ihm und er wollte gern weitermachen.
Eva Högl ist zwar kompetent und durchsetzungsfähig, aber doch in dem Politikfeld fremd. Was soll also diese Personalrochade?

[…..] Beim Wechsel im Amt des Wehrbeauftragten ist das Problem nicht die Nachfolgekandidatin selbst. Die Sozialdemokratin Eva Högl gilt als hochkompetente Expertin, allerdings nicht für das Militär, sondern für Justiz und innere Sicherheit. Wer im NSU-Untersuchungsausschuss erlebt hat, mit welcher Toughness und Energie sie auftrat, wenn wieder mal ein Polizeiführer insistierte, er habe doch alles richtig gemacht, nur halt leider nicht an Rechtsterroristen glauben wollen, der weiß: Diese SPD-Abgeordnete lässt sich von niemandem auf der Nase herumtanzen. Nicht sie ist eine falsche Wahl - die Wahl selbst ist falsch.
Der Amtsinhaber, Hans-Peter Bartels, ebenfalls Genosse, wäre gern geblieben, und es gab keinerlei Grund, ihn durch eine Person zu ersetzen, der die Materie völlig neu ist. Bartels hat über Jahre einen guten Job gemacht, kennt Fallstricke und Widersacher und nahm keine falschen Rücksichten, wenn sich Soldaten an ihn wandten, deren Anwalt im Bundestag er ist. Weder er noch die Bundeswehr jedoch haben für diese Personalie eine Rolle gespielt. […..]

In der Schlangengrube SPD-Fraktion ist etwas gründlich schief gelaufen.
Eigenartig, daß es nun mit Kahrs ein Opfer fordert, das selbst als Meister der Strippenzieher gilt.
Ich warte auf weitere Informationen.

Bis jetzt bedauere ich den Rückzug des Johannes Kahrs sehr. Er wird im Bundestag fehlen.

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