Freitag, 31. März 2023

Konfessionelles Hufeisen

 

Die evangelische Kirche für so eine Art „Katholizismus light“ zu halten, weil dort die drei großen aktuellen Forderungen des Synodalen Weges bereits umgesetzt sind (Kein Zölibat, weibliche Geistliche, Homo-Akzeptanz), bietet sich auf den ersten Blick an, ist aber grundfalsch.

 
Die Protestanten verfügen nicht über den praktischen Sündigen-Beichten-Schwamm-drüber-Mechanismus.

Die extrem Lust- und Lebensfreude negierenden Ausprägungen des Protestantismus sind logische Konsequenz: Hutterer, Evangelikale, Pietisten, Calvinisten, Amish.

Man darf die beiden Haupt-Charakteristika der Lutherschen Lehren niemals vergessen: Rasender Antisemitismus und radikales Obrigkeitsdenken. Man hat zu dienen, sich einzufügen, fleißig zu sein, sich stets unterzuordnen. Keine Extravaganzen, nichts Buntes, immer bescheiden sein. Adolf Hitler war zwar Katholik, aber den konkreten eliminatorischen Judenhass fand er bei Martin Luther. 

Die protestantischen „deutschen Christen, DC“ waren begeisterte Unterstützer der Nazis, während die prächtigen katholischen Kirchenfürsten schon wegen ihrer Privilegien und ihrer Arroganz eher Schwierigkeiten hatten, sich der NSdAP unterzuordnen. Militärisch, einheitlich, mit nivellierten Klassenunterschieden sollte es bei HJ und BDM zugehen. Das passte habituell besser zum Protestantismus, als eitle Kardinäle in Brokat und Gold.

Wer so trist und streng lebt, wie es die strengen lutherischen Kirchen verlangen, sehnt sich nach Pomp und Internationalität. Nach bunteren Gottesdiensten und extravaganten Titeln.

Der hochintelligente Gustav Heinemann (1899-1976) war durch und durch Protestant.

[….] Unter dem Einfluss seiner Frau Hilda entwickelte er großes Interesse an der Religion. Während des Nationalsozialismus gehörte er der Bekennenden Kirche an (eine Untergruppe der evangelischen Kirche, die den Machtanspruch des Nationalsozialismus nicht akzeptierte). Unter anderem war er Mitglied des Rats der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und Präses der Gesamtdeutschen Synode. [….]

(Bundespräsident)

Bei Hilda und Gustav wuchs die ebenfalls hochintelligente Tochter Uta (1926-2021) auf, die immer eine freie und kritische Denkerin war. Aus der sittenstrengen Enge des Elternhauses zog sie 1953 den Schluß, zum Katholizismus zu konvertieren. Die brillante Akademikerin, die sich 1969 als erste Frau der Welt in katholischer Theologie habilitierte und 1970 als erste Frau der Welt einen Lehrstuhl als Professorin in diesem Fach innehatte, musste später oft erklären, wie sie auf die Idee gekommen war, nach einem langen Studium der evangelischen Theologie Katholikin zu werden.

Der Essener Bischof Franz Hengsbach konnte Ranke-Heinemann akademisch nicht annähernd das Wasser reichen und war doch derjenige, der ihr am 15. Juni 1987 die Lehrbefugnis für katholische Theologie entzog. Auch ihr Kommilitone Joseph Ratzinger, der in den nicht-akademischen Bereich wechselte, disste sie später.

War sie nicht durch ihre freiwillige Konversion selbst schuld, sich solchen Männern unterordnen zu müssen? Sie selbst sagte „Ich wußte ja nicht, daß ich vom Regen in die Traufe komme.“

Der Käßmannsche Luschen-Protestantismus des 21.Jahrhunderts wirkt oberflächlich betrachtet so viel liberaler als der Kindersexfreundliche Woelki-Katholizismus.

Aber wir vergessen dabei, wie erzkonservativ die eine Million Evangelikalen in Deutschland ticken und welche pietistischen Flügel zur EKD gehören.

Man denke nur an die unsäglich frauenfeindlichen drei Hamburger Rüß-Brüder – allesamt pietistische Pfarrer.

Oder an ihr Bremer Pendant Olaf Latzel.

[….]  Alles auf Anfang: Das Oberlandesgericht hat den Freispruch für den umstrittenen Bremer Pastor Olaf Latzel kassiert und das Verfahren an das Landgericht zurückgewiesen. Das Urteil sei zu knapp und lückenhaft, kritisierten die Richter. Das Verfahren gegen den Seelsorger der evangelikalen St.-Martini-Gemeinde wegen Volksverhetzung geht also weiter.

Im dem Verfahren geht es um Aussagen, die Latzel im Jahr 2019 in einem Eheseminar getätigt hat. Der Pastor sprach damals von "Genderdreck", einer "Homo-Lobby" und "Verbrechern" vom Christopher Street Day. Das Landgericht sah seine Äußerungen als von der Religionsfreiheit gedeckt und sprach Latzel vom Vorwurf der Volksverhetzung frei. Das Oberlandesgericht hat jedoch eine andere Auffassung. "Wenn der Tatbestand der Volksverhetzung erfüllt ist, kann das automatisch nicht mehr von der Religionsfreiheit gedeckt sein", sagte Peter Lüttringhaus, Sprecher des Oberlandesgerichts. [….]

(Buten und binnen, 23.02.23)

Besonders lustig übrigens agierte das Landgericht Bremen, als es im August 2021 einen Gutachter im Fall Latzel bestellte.

[….]  Gutachter für Latzel-Prozess: Ausgelebte Homosexualität ist Sünde

Der Theologe Christoph Raedel soll für das Berufungsverfahren Olaf Latzels dessen Aussagen zu Homosexualität und Gender anhand der Bibel prüfen. Raedel erklärte nun vorab, dass er praktizierte Homosexualität nicht gutheißen könne. Der theologische Gutachter für das Berufungsverfahren um den wegen Volksverhetzung verurteilten Bremer Pastor Olaf Latzel bezeichnet „ausgelebte Homosexualität“ als „Sünde“. Der Theologieprofessor Christoph Raedel von der Freien Theologischen Hochschule (FTH) Gießen sagte am Freitag dem Evangelischen Pressedienst (epd), er stimme der Haltung seiner methodistischen Freikirche voll zu: „Die weltweite Evangelisch-methodistische Kirche kann die praktizierte Homosexualität nicht gutheißen und betrachtet diese Handlungsweise als unvereinbar mit der christlichen Lehre.“ In dem Berufungsprozess am Landgericht Bremen solle er Latzels Aussagen über Homosexualität und Geschlechtergerechtigkeit theologisch-wissenschaftlich bewerten, bestätigte Raedel. [….]

(Pro Medienmagazin, 03.09.2021)

Protestantismus in Deutschland – ein Fall für das Titanic-Magazin.

[….]  Zur Klärung der Frage, ob es Volksverhetzung ist, wenn Latzel sagt, Homosexualität sei eine „Degenerationsform von Gesellschaft“ und „überall laufen Verbrecher rum vom CSD“ soll der Theologieprofessor Christoph Raedel beurteilen, ob diese Aussagen „noch von der Bibel gedeckt“ sind. Raedel wiederum bekennt sich selbst dazu Homosexualität für eine (heilbare) Sünde zu halten und „ein Symptom für den gefallenen Zustand der Welt, der die Entfremdung des Menschen von Gott beschreibt.“ Zusammengefasst soll also ein Quatschkopf beurteilen, ob der Quatsch eines anderen Quatschkopfes mit dem Quatsch eines jahrtausendealten Quatschtextes übereinstimmt. Hast Du, hohes Gericht, etwa vor, bei der Gelegenheit gleich die ganze Bibel der Volksverhetzung zu überführen?

Löblich, aber vielleicht gar zu emsig, findet:  [….]

(Titanic, 10/21)

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