Montag, 10. November 2014

Ungesund.


Die dümmste Bischöfin der Welt polemisierte kürzlich so erbärmlich gegen die Lebensmodelle, die nicht ihrem Vorbild entsprechen, daß sogar SPRINGERS rechte „Welt“ aus vollen Rohren dagegen schoß.
Käßmann hatte es Lewiratschoff-artig als „unnatürlich“ gebrandmarkt, wenn Frauen sich nicht nach der biologischen Uhr richteten.

"Die Natur" hat viel eingerichtet, aber leider ist nicht alles vernünftig. Dass man an Grippe stirbt, dass man im Alter nichts mehr sehen kann, dass Menschen nicht fliegen und auch nicht bei Nacht mit dem Auto durch Großstädte fahren können. All das hat die Natur gewollt, die Menschen haben es geändert. Die Natur ist nicht perfekt.
"Die Natur" sieht für Mädchen so zwischen 11 und 15 Jahren vor, zum ersten Mal Mutter zu werden – das scheint Ihnen [Frau Käßmann] zu gefallen. Sie finden es ganz wunderbar, dass bei Frauen mit 40 Schluss ist mit der Fortpflanzerei. Alle, die sich später ein Kind wünschen, finden Sie hingegen "verrückt".
Sie selbst sind 56 Jahre alt und vierfache Mutter. Schön für Sie. Aber ich finde, dass Sie ziemlich angeben, wenn Sie kinderlosen Frauen Ihre eigenen Kinder zwischen 32 und 23 Jahren und Ihr zweijähriges Enkelkind unter die Nase reiben.
Angeberin!

So weit ist es schon gekommen, daß ich ohne Abstriche einen Meinungsartikel aus der blauen Gruppe empfehle.
Grundsätzlich sollte man immer die Ohren spitzen, wenn Religioten oder Konservative die Begriffspaare natürlich/unnatürlich oder gesund/ungesund verwenden.
Fast immer wird dann nämlich unter dem Deckmantel des Gutmenschentums ordentlich diffamiert. Irgendeine Gruppe wird abgewertet, ohne daß es dafür einen echten Grund gäbe.
Das Paradebeispiel dafür war die Papstrede im Bundestag, als Ratzi seine Homophobie mit einem Plädoyer für das „Naturrecht“ beschrieb. Nahles und Thierse ejakulierten vor Begeisterung; mutmaßlich vor allem deswegen, weil sie in ihrem blinden Papstfantum gar nicht verstanden wovon der Pontifex eigentlich redete.

So wurde immer wieder in der Geschichte verfahren.
Juden, „Rassenschande“, Masturbation, Homosexualität, Unzucht, Sex vor der Ehe – das war „unnatürlich“ oder krank.
 So lautete das Todschlagargument Hitlers genauso wie Ratzingers, wenn es gegen Minderheiten geht.

„"Es ist keine überkommene Metaphysik, wenn die Kirche von der Natur des Menschen als Mann und Frau spricht und fordert, dass diese Schöpfung auch respektiert wird." Die lebenslange Verbindung von Mann und Frau sei ein "Sakrament der Schöpfung", erklärte der Papst - und erteilte damit jeder anderen Form des ehelichen Zusammenlebens, also vor allem der Homo-Ehe, eine Absage.
Nur allzu oft verstecke sich hinter der sogenannten Geschlechterdiskussion lediglich die Emanzipation des Menschen von Gottes Schöpfung. "Aber auf diese Weise lebt er gegen die Wahrheit und den Geist des Herrn", so der Papst. "Nicht der Mensch entscheidet, nur Gott entscheidet, wer Mann und wer Frau ist."
Die Menschheit solle auf "die Stimme der Schöpfung" hören, um die vorgegebenen Rollen von Mann und Frau zu verstehen. Alles andere käme "einer Selbstzerstörung des Menschen und der Zerstörung von Gottes Werk selbst" gleich.“

Natürlich ist es blanker Unsinn, was der Papst redet.
Im gesamten Tierreich gibt es Homosexualität, die offenbar sogar einen evolutionären Vorteil darstellt.
Aber selbst wenn es stimmte, daß Schwule nicht in der Natur vorkämen, bleibt die moralische Frage, ob „die Natur“ tatsächlich unsere moralische Richtschnur sein kann.
Es ist natürlich, daß männliche Löwen grundsätzlich anderen Raubkatzen sowie Löwenjunge anderer Väter töten. Das ist „natürlich“, weil sie a) die Nahrungsmittelkonkurrenten aus dem Weg schaffen und b) dem Fortbestand ihrer eigenen Gene sichern.
Es ist auch natürlich, daß eine Hyäne mit drei Beinen, ein Wildhund mit Kieferentzündung oder ein Seeadler mit gebrochenem Flügel nicht überleben.
Das taugt aber doch sehr bedingt als Richtschnur für den Umgang der Menschen untereinander.

Mit dem GESUNDEN Menschenverstand, oder noch schlimmer, dem gesunden Volksempfinden werden immer die wirklich schlimmen moralischen Verbrechen begründet.
Die Kastration Behinderter, das Einsperren von Lesben, das Vergasen von Juden.
Volksempfinden und Menschenverstand sind eben nicht gesund, sondern moralisch pervertiert.

Es ist keine Hundert Jahre her, daß man hier bei mir vor der Tür in Hamburg entrechtete Menschen in Käfige sperrte und anglotze.

Gerne wurden „Schau-Neger“ auf Jahrmärkten gezeigt. Carl Hagenbeck ließ für seinen Zoo in Hamburg allerlei „wilde Afrikaner“ einfangen und zeigte sie den höchst interessierten Hanseaten in seiner „Völkerschau“.
Den christlichen Besuchern kam es gar nicht in den Sinn, daß es irgendwie unmoralisch sein könnte, neben Löwen und Antilopen auch Hottentotten und Zulus in Käfigen zu zeigen.
Die Körperlichkeit der vielen afrikanischen Völkerschauen in Deutschland faszinierte insbesondere die Frauen in Deutschland - hatten sie doch in der Regel noch nie nackte Männer gesehen.

Blütezeit der Völkerschauen in Europa war zwischen 1870 und 1940. Allein in Deutschland wurden in dieser Zeit über 300 außereuropäische Menschengruppen vorgeführt. Teilweise lebten in diesen „anthropologisch-zoologischen Ausstellungen“ gleichzeitig über 100 Menschen.
(Wiki)

Tatsächlich konnten die in Hamburg gefangenen Afrikaner noch von Glück reden. Es war nämlich durchaus auch üblich „Neger“ aus praktischen Erwägungen auszustopfen oder des einfacheren Transports halber nur ihre Köpfe auszustellen.
Noch heute lagern in den Kellern der Berliner Charité kistenweise getrocknete Köpfe von Menschen aus allen Gegenden Afrikas.

Heute entwickelt man angesichts dieses Verhaltens Scham.
Die Nürnberger Rassegesetze von 1935 und die Konsequenzen beschämen inzwischen auch die anderen Mächte der Welt, die ein Jahr später fröhlich feiernd zur Olympiade in Berlin erschienen.
Machte ja nichts.
Vermutlich wird sich unsere Scham noch weiter entwickeln.
Ich halte es für wahrscheinlich, daß in 50 Jahren Jugendliche uns Uralte entsetzt fragen werden, wieso man ohne irgendwelche Skrupel mit Nationen Handel trieb, die Frauen steinigten und Schwule aufknüpften.

Politiker überall in der Welt versuchen immer wieder ERFOLGREICH, das „gesunde Volksempfinden“ anzusprechen, indem sie alles Fremde, Neue, Ausländische abwehren.
Daher heißt es für den ultrastrammgläubigen Australischen Premierminister Tony Abbott unter keinen Umständen einen einzigen Hilfesuchenden auf seinen Kontinent zu lassen. Flüchtlinge werden brutal zurück ins Meer gejagt.
Angela Merkel führte im Januar 1999 die berühmt-berüchtigte und erfolgreiche Antiausländer-Unterschriftenaktion in Hessen durch und hält bis heute ihre Zustimmungswerte auf Rekordniveau, indem sie sich öffentlich damit brüstet möglichst wenig Syrer ins Land zu lassen.

Das entspricht dem Volksempfinden. Ausländer raus, wir müssen rein bleiben. Multikulti ist gescheitert.
Bayerns Ministerpräsident Stoiber erreichte bei der Landtagswahl 2003 sagenhafte 61% der Stimmen, nachdem er vor einer „durchmischten und durchrassten Gesellschaft“ gewarnt hatte. Das kommt an.

Ökonomisch betrachtet ist das gefährlicher Unsinn. Wir brauchen Einwanderer! Und zwar viel mehr als bisher. Das Volk aber empfindet „falsch“. Es hält Gesundes für ungesund, Natürliches für unnatürlich.
Man schaue dem Volk also besser nicht auf’s Maul.

Es sind erschreckende Zahlen: Laut einer Studie der Bundesregierung glaubt die Hälfte aller deutschen Studenten, dass Deutschland die Grenze seiner Integrationsfähigkeit für Ausländern bereits überschritten habe. Etwa genauso viele glauben, dass Deutschland keine weiteren Fachkräfte aus dem Ausland braucht.[….]  Wie sähe die Bundesrepublik ohne Ausländer aus? Es wäre ein trostloses Land.
Die Huffington Post nennt zehn Gründe.
1. Das Bildungsniveau in Deutschland würde sinken
[….] Laut einer Studie des Deutschen Instituts der Wirtschaft verfügen fast 30 Prozent der in den vergangenen zehn Jahren nach Deutschland zugewanderten Menschen einen Hochschulabschluss. Im Bevölkerungsschnitt sind es nur 19 Prozent. Das führt dazu, dass Ausländer mittlerweile häufiger in Führungspositionen arbeiten als Deutsche. [….]
2. An deutschen Universitäten würde es schlagartig ziemlich leer werden. [….]
3. Die Sozialsysteme würden zusammenbrechen
[….] Erstaunlich ist, wie stark Ausländer bei den Einzahlern in die Sozialkassen überrepräsentiert sind. Mehr als zwei Fünftel von ihnen sind nach Angaben des DIW sozialversicherungspflichtig beschäftigt (41,9 Prozent). Unter der deutschen Bevölkerung (inklusive der Einwanderer zweiter und dritter Generation) sind es nur 35,5 Prozent. [….]
4. Besonders Bayern hätte ohne Ausländer ein gigantisches Arbeitsmarktproblem
5. Deutschland wäre kulturell verarmt. [….]
6. Ohne Ausländer könnte die Bundesliga dicht machen. [….]
7. Und Jogis Jungs wären vielleicht nie Weltmeister geworden. [….]
8. Es würde nie genug Ingenieure geben. [….]
9. Es gäbe weniger Innovationen in Deutschland. [….]
Noch im Jahr 2010 waren 34,4 Prozent aller Unternehmensgründer ausländischer Herkunft. Im Jahr 2012 betrug ihr Anteil schon 44,8 Prozent. Anders gesagt: Ausländer haben binnen eines Jahres 121.748 Unternehmen oder Ein-Mann-Betriebe gegründet. [….]

Es ist aber nicht nur der deutsche Urnenpöbel, der solche absurden und falschen Vorstellungen hat.
Auch die Amerikaner sind inzwischen besessen davon ihre Grenzen dicht zu machen und die britischen Inseln versuchen ebenfalls alle Brücken zum Kontinent abzubauen. Die UKIP könnte bald stärkste Partei Englands werden und den Austritt aus der EU erzwingen. Auch die Briten haben genug von Multikulti.
Und sägen damit den Ast ab, auf dem sie sitzen.

[…] Großbritanniens Premierminister David Cameron möchte die Einwanderung aus der EU beschränken.
Vertreter der Unternehmen und der Hochschulen fürchten allerdings, dass diese Einwanderer-feindliche Rhetorik den Mangel an guten Fachkräften und Forschern verschärft. Erst vergangene Woche wurden Zahlen veröffentlicht, die zeigen, dass Migranten deutlich mehr Vor- als Nachteile bringen. Das ist misslich für die Regierung. Die Tories, also die Konservativen, sind traditionell die Partei, denen die Bürger am meisten Wirtschaftskompetenz zusprechen. Aber geht es um Einwanderer und die EU, wird nun, ein halbes Jahr vor den Parlamentswahlen, ökonomische Vernunft verdrängt von taktischem Kalkül: Die Tories wollen mit einer harten Linie gegen Ausländer den Aufstieg der europafeindlichen Partei Ukip stoppen.
Industrielobbyist Cridland hält gar nichts von Camerons Idee, die Arbeitnehmer-Freizügigkeit in der EU einzuschränken. „Ich habe nicht ein Mitgliedsunternehmen getroffen, das nicht auf die eine oder andere Weise auf die Arbeitnehmer-Freizügigkeit angewiesen ist“, sagte er. Cridland rief die Firmenchefs dazu auf, offensiv für die Vorteile von EU und Einwanderung zu werben. […] Ein Austritt wiederum ist für die Banken und Konzerne eine Horrorvorstellung, schließlich ist die Union der wichtigste Handelspartner.
Zudem wäre das Königreich ohne Einwanderer aus der EU deutlich ärmer. Das zeigt eine Studie, die das University College London vorige Woche veröffentlichte. Demnach zahlten Migranten aus der Union, die zwischen 2000 und 2011 ins Land kamen, in dem Zeitraum 26 Milliarden Euro mehr Steuern an den britischen Fiskus, als der Staat für sie aufwenden musste.
Kein schlechtes Geschäft. Das Königreich zieht viele junge, gut qualifizierte Arbeitnehmer an, die nicht auf Sozialleistungen angewiesen sind, sondern im Gegenteil der Wirtschaft nutzen. […]

Die großen Wahlerfolge der AfD beruhen auf Abwehr von EU, Schwulenrechten und Ausländern. Luckes braune Jungs bemühen dabei besonders oft das „gesunde Volksempfinden“. Das sage einem ja schon der „gesunde Menschenverstand.“
Demoskopisch erfolgreich ist diese Strategie schon. Viele denken so; so generiert man Wählerstimmen.
Es ist aber moralisch verkommen, sachlich grob falsch und ökonomisch extrem ungesund gegen Ausländer und andere Minderheiten zu agitieren.



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