Dienstag, 25. November 2014

All the haters.


Antisemitismus ist natürlich grauenvoll und absolut verwerflich.

Die Bibel ist die Wurzel des Übels. Noch im Neuen Testament, der „Frohen Botschaft“ heißt es:

14 Denn, Brüder, ihr seid den Gemeinden Gottes in Judäa gleich geworden, die sich zu Christus Jesus bekennen. Ihr habt von euren Mitbürgern das Gleiche erlitten wie jene von den Juden.   15 Diese haben sogar Jesus, den Herrn, und die Propheten getötet; auch uns haben sie verfolgt. Sie missfallen Gott und sind Feinde aller Menschen;  16 sie hindern uns daran, den Heiden das Evangelium zu verkünden und ihnen so das Heil zu bringen. Dadurch machen sie unablässig das Maß ihrer Sünden voll. Aber der ganze Zorn ist schon über sie gekommen. (1, Thess, 2)

 Antisemitismus ist tiefsitzend und omnipotent. Eingeschrieben in die Abrahamitische DNS kann er sich quasi jederzeit bahnbrechen.

Aber rein wissenschaftlich betrachtet erscheint mir Antisemitismusforschung hochinteressant zu sein.

Üblicherweise geht Hass auf Minderheiten immer mit einem sozialen Komplex umher.
Jemand fürchtet um seine soziale Stellung, sein finanzielles Auskommen, seine bürgerliche Identität.
Xenophobie, Misogynie, Homophobie sind immer auch die Kehrseite der eigenen vollen Hosen.
Nur wer sich gerade selbst eingekotet hat, fürchtet daß „die Ausländer“ einem den Job, die Juden das Geld, die Türken die Frauen, die Schwulen die Exklusivität der Ehe oder die Frauen die eigene Vormacht wegnehmen.

Je angstfreier und selbstbewußter man ist, desto gelassener blickt man auf andere, bzw neue Mitspieler.

Der verheiratete heterosexuelle Mann, der sich seiner selbst sicher ist, wird nicht davon bedroht, daß irgendwo ein homosexueller Mann auch eine Beziehung führt.

Die Besonderheit der Juden als Ziel eines fremdenfeindlichen Reflexes ist, daß sie schon in der Theorie Praxis wird.
Antijudaismus tritt auch bei völliger Abwesenheit von Juden auf.
Antisemitismusforscher haben ein geschlossen antisemitisches Weltbild bei 20-30% der ostdeutschen Jugendlichen gefunden, obwohl dort praktisch überhaupt keine Juden leben.
Bei ausführlicheren Befragungen gaben die Judenfeinde auch offen zu persönlich noch nie einen Juden getroffen zu haben.

Homosexuell oder weiblich zu sein ist genetisch bedingt und kommt überall auf der Welt gleichmäßig vor.
Mit hoher Wahrscheinlichkeit weiß man auch im kleinsten Dorf gerüchteweise irgendetwas über einen Schwulen. Zumindest der Verdacht taucht immer auf.
Mit Juden verhält es sich anders. Es gibt durchaus Landstriche, in denen gar keine Juden leben und dennoch werden sie dort genauso gehasst wie Schwule oder Schwarze.
Auch wenn gar keine Juden vorhanden sind wittert man als „sekundärer Antisemit“ überall dubiose jüdische Einflüsse.

Brandenburgische und sächsische Jugendliche, die noch nie in ihrem Leben einen Juden gesehen haben geben ungeniert an, daß sie keinesfalls einen Juden als Nachbarn haben möchten.

Ich möchte immer dem überzeugenden Giordano-Satz zustimmen, daß Deutsche den Juden niemals den Holocaust verzeihen werden.
Jeder Jude erinnert sie demnach an diese Schmach, an diesen absoluten Tiefpunkt der Moral. Daher will man a priori lieber nichts mit ihnen zu tun haben. […….] Sekundärer Antisemitismus ist es auch über die Jüdin Lea Rosh herzuziehen, weil man sie als zickig oder nervend empfindet.
Nun ist jeder frei Lea Rosh nicht zu mögen (ich allerdings finde sie großartig); das (sekundär) antisemitische daran ist aber aus seiner Antipathie heraus zu schließen, daß sie Jüdin sein müsse.
Denn sie ist KEINE Jüdin.

Ein sekundärer Antisemit ist politisch nicht up to date und hat den Komplex überall Tabus zu wittern.
Er poltert sofort mit „man wird doch noch sagen dürfen, daß….“ los, obwohl es nichts und niemanden gibt, der ihn daran hindert.
Selbstverständlich kann man die Israelische Regierungspolitik lang und breit kritisieren, ohne auch nur einen Hauch von Antisemitismus zu bemühen.

Um Minderheitenhass der dümmsten Art abzubauen hilft tatsächlich eine Konfrontationstherapie.

Laut der letzten Zahlen des statistischen Bundesamtes sind Migranten immer noch extrem unterschiedlich in Deutschland verteilt.
In Ostdeutschland gibt es große Landstriche mit einem Ausländeranteil von um die ein Prozent und dort fürchten sich die Deppen vor „Überfremdung“, wählen weit überdurchschnittlich NPD, respektive AfD.



Die Bundesländer mit den höchsten Ausländeranteilen, Hamburg und Berlin, haben ein viel geringeres rechtes Wählerpotential.

Vielleicht bräuchte es also in Brandenburg und Sachsen nur eine Aufstockung des Migrantenanteils in der Bevölkerung um 1.500 bis 2.000 % und die Ossis wären weitgehend von ihrer Fremdenfeindlichkeit geheilt?

Aber wie sollte man das organisieren?
Nicht nur die Ossi-Jugendlichen, sondern auch die amtierenden Ossi-Politverantwortlichen sind sagenhaft verblödet.

Seit Monaten werden landein, landauf Zahlen präsentiert, daß wir nicht nur in Zukunft unbedingt Einwanderung nach Deutschland benötigen, sondern daß jetzt schon Migranten überdurchschnittlich zum Wohlstand beitragen, weil sie überdurchschnittlich oft in die Selbstständigkeit gehen und Arbeitsplätze schaffen und weil sie durch ihre Altersstruktur über sozialversicherungspflichtige Jobs besonders viel in die sozialen Sicherungssysteme einzahlen, während sie als Rentner wenig entnehmen.
Zuwanderer aus Osteuropa sind zudem deutlich besser gebildet als der Durchschnittsdeutsche und daher unverzichtbar für die hiesige Wirtschaft.
Sächsische Minister sollten sich also aus vielerlei Gründen darum bemühen möglichst viele von den kostbaren Migranten in ihr unterausländerisches Bundesland zu holen.

Aber auch bei ihnen ist die Entklugung viel zu weit fortgeschritten. Sie bedienen lieber ultrarechte, latent völkische Ideologien.
Sachsens Innenminister Markus Ulbig (CDU) will jetzt spezielle Polizei-Sondereinheiten bilden, um gegen die kriminelle Asylantenflug vorzugehen. Ausgerechnet in dem Bundesland, in dem es mit am wenigsten Migranten überhaupt gibt.

Sachsens Innenminister Markus Ulbig macht Stimmung gegen Flüchtlinge. […] Schon ab Dezember sollen in Sachsen künftig spezielle Polizeieinheiten für straffällige Asylbewerber zuständig sein. „Wir beginnen mit dem Modell in Dresden und wollen sie dann im ganzen Land einsetzen“, sagte Innenminister Markus Ulbig (CDU) der Dresdner Morgenpost. […] „Es darf nicht sein, dass einer, der kein Recht auf Asyl hat und dann noch schwer straffällig geworden ist, durch das Zusammentreffen von Strafprozessordnung und Ausländerrecht am Ende mit einer Art Bleiberecht belohnt wird“, erklärte Ulbig. […] Der sächsische Flüchtlingsrat hält Ulbigs Äußerungen für gefährlich und falsch. Die Kriminalitätsrate sei selbst nach Angaben der sächsischen Polizei im Umfeld von Flüchtlingsunterkünften nicht gestiegen, so Sprecher Marko Schmidt. „Ulbig schürt Ängste“, sagte Schmidt der taz. Die Polizei sollte besser zunehmende rechtsmotivierte Übergriffe auf Asylbewerber aufklären.
Ulbig bediene die Argumentation der sogenannten „Patriotischen Europäer gegen Islamisierung des Abendlandes“ (Pegida), die seit Wochen in Dresden Stimmung gegen Asylbewerber machen, so Schmidt. Für den Montagabend hat die islamfeindliche Initiative bereits zum sechsten Mal zu einer Demonstration durch Dresden aufgerufen. […] Scharfe Kritik an Ulbigs Vorhaben kam am Montag von den sächsischen Linken. Der Fraktionsvorsitzende der Linken im Landtag, Rico Gebhardt, kritisierte Ulbigs Zungenschlag als befremdlich. Es handele sich um das Gegenteil von Willkomenskultur. „Es ziehen keine zugereisten marodierenden Banden durchs Land, sondern es müssen Asylbewerberheime rund um die Uhr vor befürchteten Übergriffen ,einheimischer' Täter geschützt werden“, so Gebhardt. […] Ulbig strebt derzeit eine Kandidatur als Oberbürgermeister von Dresden an. Die Wahl soll Anfang Juni 2015 stattfinden. Die oppositionellen Grünen vermuten darin auch das Motiv für Ulbigs Äußerungen: „Fremdenfeindlichen Einstellungen Vorschub zu leisten, gehört nicht zu den Aufgaben eines Innenministers. Und Oberbürgermeister-Wahlkampf auf niedrigstem Niveau genauso wenig“, sagte Petra Zais, migrationspolitische Sprecherin der Fraktion. […]
(taz, 24.11.14)

Herr Ulbig stellt damit die Moral seiner Partei wieder einmal zur Schau, verhält sich widerlich und menschenverachtend.
Aber eben auch saudumm.

Die zügig steigende Zahl von Asylbewerbern verunsichert Anwohner allüberall. In Sachsen ist diese Verunsicherung besonders groß, ein nur scheinbar paradoxer Grund dafür liegt im geringen Ausländeranteil an der Bevölkerung. […] Wenn Minister Markus Ulbig nun trotzdem spezielle Polizeieinheiten ankündigt, dann muss man darin ein aktionistisches Zugeständnis an jene Rechtsaußen erkennen, die noch glauben, einer so komplexen Herausforderung wie der Asylpolitik sei mit einfachen Antworten zu begegnen. […]
 (Cornelius Pommer, SZ vom 25.11.2014)

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