Sonntag, 24. November 2019

Im Paralleluniversum.

Social Media und die vielen Memes sind ein ganz lustige Ventile, um mit seinem Ärger über die politische Realität umzugehen.

Auf meiner Festplatte ist so eine gewaltige Anzahl Anti-Trump-Memes gespeichert, daß ich eine halbe Stunde scrolen muss, um etwas wieder zu finden.
Natürlich lösche ich beherzt diejenigen, die etwas outdated sind, oder einen vielfach verwendeten Witz recyclen.
Aber es bleiben dennoch Tausende übrig, die wirklich gut sind.
Trump, seine absurden Lügen und Versprecher, sowie seine zutiefst abstoßenden Physiognomie sind schließlich ein Fest für alle Polithumoristen.
Erstaunlicherweise gefallen mir oft die Memes nichtamerikanischen Ursprunges besser, weil die US-Perspektive allzu gern darauf abzielt Trump als jemanden darzustellen,
der gar nicht so ein wahrer Patriot ist, wie die uniformierten Kriegshelden,
der in Wahrheit gar nicht so gläubig ist, wie er tut,
der sich um den Militärdienst drückte,
der schon das dritte mal verheiratet ist,
der sich unchristlich verhält,
der sich aller biblischen Todsünden schuldig macht.

So eine humoreske Stoßrichtung ist einerseits naheliegend, weil sie die Heuchelei der GOPer offenbart, die angeblich so viel Wert auf christliche „family values“ legen und dabei verstößt Trump gegen alle diese Moralvorstellungen.
In der Tat, wer könnte ein extremerer „hypocrite“ als Trump sein?
Ich kann mir nicht vorstellen einen Menschen noch mehr zu verachten als Donald Trump. Der Mann übertrifft in jeder Hinsicht alles bisher Dagewesene.
Aber ausgerechnet die wenigen oben genannten Haupt-Meme-Themen sind die, bei denen sich meine Einstellung nicht mit der amerikanischen Linken decken.

Trumps eheliche Treue hat meines Erachtens nicht die geringste Aussagekraft für seine Eignung als Präsident.
Wäre ich sein Geburtsjahrgang hätte ich sicherlich auch versucht mich mit „bone spurs“ vor dem Vietnamkrieg zu drücken. Ich finde es nicht erstrebenswert dort als Soldat „gedient“ zu haben und bei der Ermordung von Millionen vietnamesischer Zivilisten beteiligt gewesen zu sein.
Daher falle ich auch grundsätzlich nicht vor Ehrfurcht auf die Knie, wenn ich Uniformierte sehe, halte den US-Kult um ihre Veteranen für absurd.
Kein Christ zu sein sehe ich als charakterliches Plus an und im Gegensatz zu frommen amerikanischen Linken, halte ich Trumps Brutalität und seinen Rassismus, seine drastische Frauenfeindlichkeit für nicht etwa unchristlich, sondern für genau das wofür Kirche seit 2000 Jahren steht.

Memes auf Instagram oder Twitter sind eine Art Selbsttherapie, weil man manchmal nur durch Lachen den Irrsinn des real existierenden Trumpismus ertragen kann.
Daher gehöre ich auch nicht zu denjenigen, die pfennigfuchsend die verwendeten Zahlen und Zitate bei Anti-Trump-Bildchen untersuchen.
Sie dienen nur einer augenblicklichen Frust-Abfuhr und sollten nicht als seriöse politische Argumente herhalten.

Memes sind außerdem ein Cyber-Ritual, mit denen man in seinen bevorzugten Themenblasen sein Revier markiert.
Wer über die gleichen Typen lacht – Trump, Devin Nunes, Jim Jordan, Lindsey Graham, FOX, Rudy Giuliani – versteht sich und steckt den Claim ab.
So entsteht die angenehme Blasenwelt, in der man sich selbst dazu verführt zu glauben, alle dächten so wie man selbst.
Das ganze Internet hasse Trump und daher werde er auch bei den Wahlen 2020 keine einzige Stimme mehr bekommen.
Man kann darüber aber vergessen, daß gleichzeitig noch ein ganz anderes Internet mit ganz anderen Memen existiert.

Die sind frei von blasphemische Mashups.


In ihnen ist Trump ein strahlender Held, der sich gegen den Deep State und die linksextremen Amerikahasser behauptet.
Diese Memes zeigen Hilary Clinton als häßliche Teufelin, die zusammen mit den kommunistischen Präsidentschaftskandidaten alles zerstören will, was die USA so groß macht: Waffen, Weihnachten und Weiße.

[……]   Egal, wie klar die Beweise sind, Trumps Anhänger wird das Impeachment nicht beeindrucken. [……]  Zwischen Donald Trump und den ermittelnden Demokraten im amerikanischen Repräsentantenhaus gibt es einen gravierenden Unterschied: Die Verhörtruppe beißt sich terrierhaft in Dokumenten und Zeugen fest, sie wälzt Akte um Akte und wägt Wort für Wort. Der Präsident aber zieht einen einzigen Zettel aus der Tasche, auf den er mit dickem Marker ein paar Zeilen notiert hat. Dabei hätte ein Wort genügt: nothing - nichts wolle er von der Ukraine, kein Gegengeschäft, keine Untersuchung, kein gar nichts. Das Land interessiere ihn nicht.
Die Umlaufbahnen des Planeten Trump und des Impeachment-Planeten haben sich noch nicht wirklich gekreuzt. Auf dem Impeachment-Planeten wohnen die Juristen, Wortklauber und Fährtenleser. Ein, zwei Sätze des Hauptzeugen reichen da aus, um eine Amtsenthebung zu begründen. Auf dem Trump-Planeten gibt es hingegen dicke Marker-Buchstaben, keine Falschaussage, keine Widersprüche, keine Verbindlichkeit. Trump redet und lebt immer für den Augenblick. Wer ihn packen will, muss ihn jetzt und sofort greifen. Ansonsten wird sich der Präsident herauswinden.
Diese Houdini-Strategie hat Trump sein Leben lang einstudiert. Er kann nicht anders, auch weil er immer willfährige Helfer hatte, die statt seiner die Ketten angelegt haben. Michael Cohen, sein langjähriger Anwalt, war so ein Mann fürs Grobe. Er wurde wegen seiner Schmiergeldzahlungen und anderer Vergehen zu drei Jahren Haft verurteilt. Trump hat sich nun einen Anwalt größeren Kalibers genommen: Rudolph Giuliani. Con man nennt man im Englischen diesen Typus, was einerseits Trickbetrüger heißt und andererseits auch Vertrauensmann bedeuten kann. [……]  Für Trumps Klientel stellen die dicken Marker-Buchstaben und die con men kein Problem dar. Ihnen reicht das einfache Wort des Präsidenten. Die Langatmigkeit der Anhörung, die hysterische Begleitung im Fernsehen, die differenzierten Analysen erreichen sie nicht. [……] 

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