Freitag, 18. Oktober 2013

Informationsunwuchten



Das von mir geschätzte Medienmagazin ZAPP (NDR) berichtet hin und wieder über Nachrichten, die nicht in den Nachrichten vorkommen.
Themen müssen nämlich „Konjunktur“ haben.
Spätestens seit das Internet jedem zugänglich ist, liegen die Informationen mit echtem Nachrichtenwert theoretisch jedem vor. In stetigem Bestreben die Faktenentropie zu vergrößern, breitet sich ein gigantisches Gewusel vor dem Otto Normal-User aus.
In dieser Flut strebt er zum Seichten.
Wieso die Konzepte der Parteien zum Gesundheitssystem nachlesen, wenn man einen Klick weiter Boris-Becker-Tweets oder Dieter-Bohlen-Tiraden konsumieren kann?
„Meinungsmacher“ wie beispielsweise Leitartikler der großen Print-Periodika können zwar Themen setzen und so versuchen bestimmten Problemen eine größere Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Aber wieso sie einige tote Pferde immer wieder aufgreifen (ich erinnere an 734 SPIEGEL-Artikel über ohnehin eingeräumte Stasi-Kontakte Manfred Stolpes) und dafür echte Megaskandale (bsp das Ignorieren des Verfassungsauftrages der Ablösung der Staatskirchenleistungen oder die Weigerung Merkels Abgeordnetenbestechung zu verbieten) stiefmütterlich behandeln, entzieht sich meiner Kenntnis.
In diesem Blog wurden immer wieder Beispiele für längst aufgedeckte Skandale beschrieben, die aber über Jahre fern der Öffentlichkeit und des Medieninteresses schlummerten.

Da veröffentlicht ein Berliner Jesuit Informationen über sexuellen Missbrauch am Berliner Canisius-Kolleg und es beginnt das Jahr NULL beim Thema „kinderfickende Pfaffen.“
Auf einmal sind alle elektrisiert, plötzlich richten Politiker runde Tische ein, schlagartig wird über Entschädigungszahlungen nachgedacht und sogar die RKK selbst gibt sich Verhaltensmaßregeln, nach denen man sexuellen Missbrauch an kleinen Jungs nicht vertuschen darf (Sensation!).

Der extrem fakenphobische Weihbischof Laun entblödete sich nicht 2010 in einer TV-Runde zu erklären, die RKK habe vorher gar nichts gegen sexuellen Missbrauch unternehmen KÖNNEN, weil sie davon ja gar nichts geahnt hätte.
Daß ganz normale kleine Blogger und ganz normale Mainstreammedien schon seit vielen Jahren über übergriffige Priester berichteten, die anschließend einfach vom Bischof zu den nächsten Opfern versetzt wurden, sollen also die katholischen Bischöfe selbst gar nicht gewußt haben können?
Bischof Müllers persönlicher Pädosexskandal datiert im Jahr 3 v. C. (2007, drei Jahre „vor Canisius“). Er vertuschte Kindersex, zwang die Opfer mit einem Anwalt zum Schweigen, den er später als „Aufklärer“ einsetzte und führte dem „stark auf Buben fixierten“ Päderasten Kaplan K. neue Jungs zu, die dieser auch gleich wieder vergewaltigte. Entschuldigen wollte sich Abschaumbischof Müller nicht und wurde zur Belohnung zum drittmächtigsten Mann des Vatikans befördert. Unfassbare Zustände, die es aber Jahrelang nicht zu einer Welle der Empörung und Kirchenaustritte schafften.

Anfang 2009 begann das kollektive Bejubeln der Wirtschaftskompetenz des Karl-Theodor von und zu Guttenberg.
Er habe schließlich viel Erfahrungen und im familiären Betrieb viel geleistet.
Daß diese Geschichte glatt gelogen war und Googleberg ein unseriöses Windei ist, hatte ZAPP von Anfang an aufgeklärt, aber diese Informationen drangen über zwei Jahre lang nicht durch, obwohl sie jedem zugänglich waren.

Drittes Beispiel; Kreuznet. Eine ganze Bloggergemeinschaft hatte sich gegründet, um den Nazi-affinen Dunkelkatholiken das Handwerk zu legen. Allein der Tammox-I-Blog zeigt unter dem Tag „Kreuznet“ 92 Treffer an. Immer und immer wieder hatte man die offizielle RKK, Staatsanwaltschaften und Politiker um Hilfe gegen das Hetzportal gebeten. Es interessierte niemanden.
Erst eine für Kreuznet völlig durchschnittliche Beleidigung des Komikers Dirk Bach, brachte die Medien in Wallung und führte recht bald zum Aus von Kreuznet.

Ein ähnliches Phänomen zeichnet sich bei den Kirchenfinanzen ab.
Ich kann nicht mehr zählen wie oft ich mich in der Situation wiederfand erklären zu müssen, daß „die Kirchen“ eben nicht „nur Gutes“ im sozialen Bereich mit ihren Kirchensteuern anstellten.
Da ich stets atheistischen Buttons am Revers trage, werde ich immer wieder öffentlich darauf angesprochen und ernte jedesmal baffes Erstaunen, wenn ich erzähle, daß es geheime Vermögen in den Bischöflichen Stühlen gebe, daß der Staat Bischofsgehälter bezahlt und daß die Kirchen so gut wie gar nichts bei der Finanzierung ihrer Kindergärten beisteuern.
Zu diesen Themen gibt es hunderte Bücher. Immer wieder haben sich Intellektuelle, die sich über die Apathie der Gesellschaft und die Verlogenheit der Kirchen ärgern, daran gemacht die finanziellen und juristischen Zusammenhänge aufzuklären.
Es gibt aber keine großen Auflagen. Kirchenkritische Bücher führen ein inzestuöses Leben; sie werden fast ausschließlich von denjenigen gekauft, die ohnehin schon sehr gut darüber informiert sind.
Die plump-pathetischen Plattitüden-Bücher der Schwaflerin Margot Käßmann hingegen kommen allesamt in die Bestsellerlisten.
Viele TV-Diskussionsrunden zum Thema Kirche sind zu 100% mit Kirchenfreunden besetzt (so zum Beispiel die letzte Jauch-Sendung zum Thema TVE).

Verirrt sich doch mal ein Schmidt-Salomon oder ein Frerk in so eine Talkshow, wird er leicht mit dem Hinweis auf die transparenten Haushalte der Bistümer ausgekontert. „Können sie alles nachlesen auf der Homepage der DBK“.
Die schwarzen Kassen der Bischöflichen Stühle fallen dabei jedes Mal unter den Tisch.

Faszinierenderweise hat es aber ausgerechnet dieser recht unwichtige Tebartz-van-Elst, der zwar in meinem Blog seit vielen Jahren begeistert beschrieben wird, aber verglichen mit einem Mixa, Laun, Müller oder Meisner auch nicht übermäßig mies ist, geschafft die Medien aufzurütteln. Plötzlich erscheinen überall Hintergrundberichte, die aufdröseln, was das eigentlich für Staatskirchenleistungen sind, die neben der Kirchensteuer noch fließen und was in den ominösen Bischöflichen Stühlen steckt.

Dabei ist der Nachholbedarf auch groß. Vor einigen Tagen erschien ein Übersichtsartikel aus einem Verlagspool in mehreren Zeitungen, der nur so von Fehlern strotze.
Ich hatte das Vergnügen den Schwachsinn in der Hamburger Morgenpost zu lesen.

Warum kassieren Kirchen eigentlich Kirchensteuer?
Sie wird in den deutschen Ländern seit 1803 erhoben, der Staat zieht sie ein. Grund: eine Entschädigung für die Beschlagnahme kirchlichen Eigentums.
Das nimmt die Kirche in Deutschland ein: Die Katholische Kirche nimmt rund 5,2 Milliarden Euro pro Jahr ein, die Evangelische Kirche 4,8 Milliarden.

Hier werden die Mitgliedsbeiträge der Kirchenmitglieder, für die der Staat als Inkassounternehmen auftritt mit den zusätzlichen Staatskirchenleistungen verwechselt.
Jeder einigermaßen engagierte Atheist weiß das selbstverständlich.
Journalisten kommen aber offenbar noch ins Schwimmen.

Grundsätzlich staune ich aber. Sogar die Katholikin Anne Will, die immer freundlich zu den Kirchen war, lädt auf einmal gleiche mehrere Kritiker in ihre Sendung und läßt die GROSSARTIGE INGRID MATTHÄUS-MAIER sogar ausführlich ausreden.

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Nun hat ausgerechnet der konservative TVE geschafft was die Tradis der RKK unbedingt verhindern wollten: Das Volk interessiert sich für Kirchenprivilegien und Kirchenfinanzen.
Ein Treppenwitz der Geschichte.

Die deutsche Neidgesellschaft macht es möglich. Daß sich ein Bischof eine millionenschwere Unterkunft baut, gefällt dem deutschen Michel nicht.

Dabei ist auch das alles andere als eine Neuigkeit. Kein Bischof wohnt in einer Sozialwohnung oder fährt einen Mittelklassewagen.

Interessanterweise sind die problematischeren Aspekte der Person TVE weit weniger geeignet die Menschen zu echauffieren.
Seine Homophobie, seine Lügen, seine herablassende Behandlung Untergebener stört wenig.
Auch die meiner Ansicht nach widerlichste Episode der TVE-Story, nämlich seine rassistischen Dünkel, finden in der Öffentlichkeit noch kaum statt.

In Südafrika soll Tebartz-van Elst sich "beschämend" verhalten haben
Die deutschsprachige „SüdafrikaNews“ erinnerte unterdessen an „Tebartz-van Elsts Eskapaden“ während einer Südafrika-Reise der deutschen Bischöfe 2006. Damals war er Weihbischof in Münster. Im Mittelpunkt der Afrika-Reise stand das Schicksal von Aidskranken. Die deutschen Gäste hörten Vorträge und sollten sich in mehreren Townships ein Bild von der Wirklichkeit machen. Tebartz-van Elst habe sich „beschämend“ verhalten, zitiert die Zeitung Vertreter von damals besuchten Kirchengemeinden, die die Delegation begleitet haben. Im Township Mfuleni bei Kapstadt habe sich Tebartz-van Elst an seinem ersten Südafrika-Tag „sichtlich über die Menschen dieser Siedlung geekelt“. Der Delegation sei aufgefallen, „dass sich der Weihbischof von den Ärmsten deutlich distanzierte und jeglichen Kontakt von sich aus unterbunden hatte“. Bei den Township-Bewohnern sei es als Abwertung gesehen worden, dass er den schwarzen Gläubigen nicht die Hand gab.
Auch der damalige Kölner Weihbischof Heiner Koch, heute Bischof von Dresden, sei über die Situation vor Ort entsetzt gewesen, schreibt die Zeitung. Anders als Tebartz-van Elst habe er aber Kontakt zu den Menschen gesucht und sich für ihr Leben unter diesen Umständen interessiert.

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