Montag, 28. Oktober 2013

Wenn aus Scheiße Gold wird



Was man durch Untätigkeit erreicht, breitete ich gestern mal kurz am Beispiel Außenpolitik aus.
Merkels Mikado-Taktik auf internationaler Ebene hat ihr zwar die Wiederwahl gebracht, weil es der Urnenpöbel schätzt, wenn sich nichts bewegt.
Unglücklicherweise dauert es viel länger als vier Jahre, um das verlorene Renommee wieder zu erlangen.
Das wird eine Herkules-Aufgabe für zukünftige Bundesregierungen.

In der Rückschau wird wohl niemand bestreiten, daß Entwicklungshilfeminister Niebel, Außenminister Westerwelle, Familienministerin Schröder, Verbraucherverarschungsministerin Aigner oder auch Innenminister Friedrich zu den schlechtesten Ressortchefs aller Zeiten gehören.

Das ist insofern aber ungerecht, weil auch Merkels Liebling, Lügenminister de Maiziere zum außenpolitischen Schaden Deutschlands ordentlich beigetragen hat.

Das war nun wirklich gar nichts, was die immer noch geschäftsführend im Amt befindliche Bundesregierung bei ihren internationalen Einsätzen erreicht hat.
Wo es womöglich sinnige Operationen gab – Mali und Libyen beispielsweise – wollte man nicht mitmachen und konzentrierte sich dafür auf aussichtslose Unternehmen.

Es hatte schon seinen Grund weswegen sich Merkel insbesondere nach dem Kundus-Debakel öffentlich so gut wie gar nicht mehr zu den internationalen Bundeswehreinsätzen geäußert hat.
Das sind No-Win-Themen, die nach dem Motto der früheren Hamburger Diskothek „Teuer und Scheiße“ funktionieren.
Es gab viele Tote, viele versagende Kommandeure, traumatisierte Soldaten und ein Land, dem es schlechter denn je geht.

Wie kommt es, daß eine Kanzlerin, die in so einem extrem wichtigen Bereich so schwer versagt und durch ihre Mikado-Strategie die Situation am Hindukusch für alle beteiligten kontinuierlich verschlimmert, dennoch als Bundeskanzlerin geliebt wird?

Das liegt vermutlich daran, daß nach dem traurigen Ende der Stahlhelm-Postille „Der Landser“ nicht etwa der Deutschen Begeisterung für das Militär vergangen wäre, sondern von Merkels Claqueuren begeistert transportiert wird.
Mit ihrer 13-Millionen-Leserschaft (täglich) jubelt die BILD die größten Pleiten zu deutschen Heroengeschichten hoch.
Wenn Goebbels-Vergleiche nicht so politisch inkorrekt wären…
Man sollte überhaupt viel öfter die grotesken BILD-Kommentatoren (Reichweite 12,4 Mio Leser täglich) zitieren, wenn man verstehen will wieso die demoskopische Lage so ist wie sie ist.
Springers Kommentatoren generieren Wählerstimmen und nicht die Blogosphäre.

Heute möchte ich den JULIAN REICHELT vorstellen.
Ein ganz famoser Schreiberling; Chefreporter seines Zeichens. Ganz BILD-konform begeistert er sich für ATOM-Waffen und pflegt ein kompliziertes Verhältnis zu Fakten.
Aber das sind ja die Basics, wenn Springer die Welt erklärt: Bitte immer peinlichst genau vermeiden die Wahrheit zu schreiben.
Selbst Reichelt kommt allerdings nicht ganz drum herum zuzugeben, daß es gelegentlich etwas suboptimal läuft am Hindukusch.

Nachricht eins: Ein US-Soldat ermordet 16 schlafende Afghanen. Darunter neun Kinder und drei Frauen.

Nachricht zwei: Der afghanische Präsident Hamid Karzai genehmigt in einer offiziellen Erklärung Gewalt gegen Frauen. Sie dürfen „belästigt oder geschlagen“ werden, wenn sie gegen Regeln des Islam verstoßen.
Zehn Jahre nach Beginn dieses Krieges müssen wir feststellen: Wir wollten Gutes und haben ein Monster geschaffen. Wir wollten aus Afghanistan ein besseres Land machen und stehen nun ratlos vor dem Chaos. […] Wir sehen, wie Gewalt immer mehr Gewalt entfesselt. Wir spüren, wie kurz wir davor sind, am Hindukusch furchtbar zu scheitern.

Was hier scheinbar nüchtern und faktenorientiert beschrieben wird, ist eine abstrakte und weit entfernte Geschichte. Reichelt erwähnt wohlweislich nicht die Vokabeln „deutsch“, „Bundesregierung“, „Merkel“ oder „de Maizière“.
Verantwortliche werden nie genannt. Konsequenzen nicht gefordert, Fehler nicht analysiert.

Anderthalb Jahre später weiß der BILD-Chefreporter immer noch, daß Afghanistan ein Schlachthaus ist.
Eine immer noch mangelhaft ausgerüstete Armee verschanzt sich in ihren Stützpunkten, vermeidet jeden Kontakt mit Afghanen und kommt kein bißchen beim Aufbau einheimischer Sicherheitskräfte weiter.
Millionenschwere Ausrüstung wird einfach am Hindukusch liegengelassen und den Taliban geopfert, weil die Bundeswehr in zwölf Jahren noch nicht mal in der Lage war, ein Transportsystem anzuschaffen.

Es ist leicht, eine verheerende Bilanz des Afghanistan-Krieges zu ziehen: Nach einem blutigen Jahrzehnt zieht die Bundeswehr ab, ohne Stabilität zu hinterlassen.
Die Taliban sind auf dem Vormarsch, die afghanische Regierung ist erschütternd korrupt, das Land taumelt einem Bürgerkrieg entgegen. Schmerzhaft haben wir erfahren, dass wir unsere Demokratie nicht so einfach exportieren können.

Schlimmer geht nimmer?
Was soll man auch sagen über eine Deutsche Bundeswehr, die so offensichtlich auf ganzer Linie gescheitert ist?

Nun Herr Reichelt weiß die richtigen Schlüsse zu ziehen:

Feuerprobe bestanden!
[…] Die Bundeswehr hat sich in Afghanistan unter schwersten Bedingungen, im Gefecht, bewiesen!   Der Krieg am Hindukusch hat eine völlig neue Generation junger, kampferprobter Offiziere hervorgebracht, die die Bundeswehr über Jahrzehnte prägen wird. Und Deutschland hat gelernt, den Dienst seiner Soldaten wertzuschätzen.
Die Bundeswehr hat die Feuerprobe Afghanistan bestanden!

Sieg H…, äh, falsche Zeit.

Mein Reichelt das Posieren mit afghanischen Skeletten?
Das Schänden von Toten?
Vielleicht das Kundus-Debakel mit fast 200 toten Zivilisten?
Spricht er von den Alkoholexzessen?

Im Feldlager Masar-i-Scharif in Afghanistan häufen sich Fälle von Alkoholmissbrauch: Betrunkene Soldaten lagen im Graben, Schüsse lösten sich ungewollt, es kam zu Unfällen. Seit Mitte Februar schickte der Kommandeur nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen 14 Soldaten vorzeitig nach Hause.

Vielleicht meint Reichelt ja auch die Schießkünste der völlig neuen Generation junger, kampferprobter Offiziere.

Durch einen ungewollten Kopfschuss aus der Waffe eines Kameraden ist ein Bundeswehrsoldat in Nordafghanistan schwer verletzt worden. Der Schießunfall ereignete sich bereits am Dienstagabend im regionalen Hauptquartier der internationalen Schutztruppe in Masar-i-Scharif. Der Schuss löste sich nach Angaben des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr aus einer Pistole des Typs P8 versehentlich bei einer "Sicherheitsüberprüfung".
[…] Es handelt sich um den zweiten schweren Schießunfall innerhalb von neun Monaten. Im vergangenen Dezember war in einem Vorposten der Bundeswehr in der Unruheprovinz Baghlan ein Soldat durch einen Schuss aus der Waffe eines Kameraden getötet worden. Eine Feldjäger-Untersuchung kam zu dem Ergebnis, dass es sich um einen Unfall handelte.

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