Mittwoch, 19. Juli 2017

Russland im Jahr 2017

Was auch immer man zu Russland assoziiert; niemand kann im Ernst bestreiten, daß „die Russen“ eine der ganz großen Kulturnationen bilden.
Kaum ein Volk ist so belesen, bringt so viele geniale Dichter, Schriftsteller, Musiker, Tänzer, Künstler und Choreographen hervor.

Interessanterweise haben sich Wertschätzung und Kenntnis der „schönen Künste“ durch alle politischen Systeme erhalten.
Russische Literaten und Theater waren im Zarenreich, in der Sowjetunion und im Putin-Russland gleichermaßen weltberühmt.

Trotz der über Jahrzehnte prekären Finanzanlage existierten immer Strukturen, die russische Ballett-Tänzer oder Eiskunstläufer so förderten, daß sie besser als alle anderen in der Welt wurden.

Sicher „fördert“ politische Unfreiheit unfreiwillig die Kunst der Romanciers, weil sie sich äußerst geschickt ausdrücken müssen, um der Zensur zu entgehen.
Aber Schriftsteller können nicht leben, wenn es keine Leser gibt.

Ich erinnere mich noch mit großer Freude an die ZDF-Doku „Wo Taxifahrer Puschkin lesen“ über die Bedeutung der Literatur in der Sowjet-Union, die Anke Ritter 1986 produzierte.
Nicht nur, daß man mit allen willkürlich angesprochenen Passanten über die russischen Klassiker diskutieren konnte, nein, sie lesen auch Goethe, Grass und Mann und können ausführlich über die Qualität verschiedener Übersetzungen berichten.

Stephan Orth, der unablässig durch die ganze Welt reist, beschreibt in seinem aktuellen Russland-Buch, daß nirgendwo sonst so viele Menschen in den U-Bahnen und Bussen richtige Bücher lesen, wie in Russland.
In Deutschland gab es nie so viele Leser wie in Russland, aber heute schon gar nicht mehr. In einem Hamburger Bus spielen 95% der Menschen mit ihren Smartphones, in St. Petersburg gibt es genauso viele Klugtelefone, aber jeder zweite hat dennoch ein Buch in der Hand.

Das Bolschoi-Ballett funktioniert als Apotheose Russlands, so wie das Burgtheater die Apotheose Wiens ist.
Trotz ungeheuerlicher Skandale ist das Bolschoi zweifellos nach wie vor das Maß der Dinge.

Es gibt auch in New York, Paris - und übrigens auch in Hamburg – Ballett auf Weltniveau. Der Unterschied ist aber, daß in den USA, Frankreich und Deutschland 99% der Einwohner niemals ins Ballett gehen. Es handelt sich dabei um eine kleine, elitäre Szene.
Das ist in Russland anders, dort sind diese Künste breiten Schichten der Bevölkerung vertraut.

Es gibt allerdings auch eine dunkle Seite des Balletts.
Unter Tänzern und womöglich auch Choreographen soll es, angeblich, HOMOSEXUELLE geben. Schock, schwere Not. Ich kann das zwar nicht mit Quellen belegen, natürlich auch kaum glauben, aber derartige Gerüchte gibt es immer wieder. Wo soll das nur hinführen? Am Ende behaupten sie, daß es sogar unter Friseuren oder gar Priestern Schwule gibt!

Der Direktor des Bolschoi-Theaters, ein Mann mit dem wunderschönen Namen Wladimir Urin, wollte diese Woche den Saison-Höhepunkt mit einem Ballett über den vermutlich berühmtesten Tänzer aller Zeiten beginnen: Rudolf Nurejew.
Also den (womöglich einzigen?) Balletttänzer, der tatsächlich schwul war.

Drei Tage vor der Premiere setzt Urin das Stück ab. Zu heikel.

 [….] War­um Urin so plötz­lich der Mut sank, dar­über wird ge­rät­selt. Ale­xej We­ne­dik­tow, gut ver­netz­ter Chef des Sen­ders Echo Mos­kau, er­fuhr: Kirchen­ver­tre­ter hät­ten die Pro­be be­sucht und den Kul­tur­mi­nis­ter un­ter Druck ge­setzt, der wie­der­um Urin ge­droht habe. Re­gis­seur Se­re­bren­ni­kow schweigt. [….]  Un­ter der Hand gab es Vi­de­os von der letz­ten Pro­be zu se­hen. Rie­sen­haft ist da über der hei­li­gen his­to­ri­schen Büh­ne des Bol­schoi ein Nackt­fo­to Nu­re­je­ws zu se­hen. [….]
(Der Spiegel, 29/2017 s.116)

Ja, Russland, ist eine große Kulturnation, aber Homoperversion hat darin keinen Platz.

[…..] Das Stück über den sowjetischen Startänzer Rudolf Nurejew, der 1961 in den Westen floh und 1993 an den Folgen von Aids starb, war mit großer Spannung erwartet worden, zumal es von Kirill Serebrennikow stammte, einem der innovativsten und renommiertesten Film- und Theaterregisseure Russlands. […..] Gerüchte, wonach er auf Anweisung der Regierung gehandelt habe oder selbst über das Stück schockiert gewesen sei, wies Urin am Montag zurück. Es sei allein eine "künstlerische Entscheidung" gewesen. Einer der "Nurejew"-Tänzer, der ungenannt bleiben wollte, zeigte sich jedoch skeptisch. Zwar habe es während der Proben Probleme gegeben, doch sei dies normal, sagte er der Nachrichtenagentur AFP. "Deshalb glaubt auch niemand in der Truppe an die Begründung". Niemand glaube zudem daran, dass "Nurejew" eines Tages tatsächlich auf die Bühne kommen werde.
Eine regierungsnahe Quelle sagte dem unabhängigen Sender Rain TV, in dem Ballett sei es um "Freiheit für Schwule" gegangen, und dies habe wie eine "Provokation" gewirkt. In Russland ist Homosexualität weitgehend ein Tabu-Thema: Homoehen sind verboten, der Ruf nach rechtlicher Gleichstellung Homosexueller wird abgelehnt. Ein seit 2013 geltendes Gesetz stellt positive Äußerungen über Homosexualität, angebliche "Homosexuellen-Propaganda", in Anwesenheit von Minderjährigen unter Strafe. Vorsorglich hatte das Bolschoi die Aufführung mit einer Altersbegrenzung ab 18 Jahren versehen. [….]

Die Kulturbanausen übertreiben es aber auch.
Vor einigen Jahren erst wurde behauptet, daß es sogar einen zweiten russischen Homo-Künstler geben könne.

Ich bin entsetzt.
Zum Glück konnte dieser Skandal gerade noch verhindert werden.

[….] Serebrennikow beklagt seit Langem, dass Kulturschaffende in Russland von den Behörden drangsaliert werden. Für ein Filmporträt von Peter Tschaikowski, das Serebrennikov vor einigen Jahren plante, wurden zum Beispiel bereits bewilligte Fördergelder zurückgezogen - weil bekannt wurde, dass Tschaikowskis Homosexualität im Film vorkommen sollte. [….]