Sonntag, 23. Oktober 2016

Ist der Ruf erst ruiniert – Teil II

Wochenend und Zeitungspein.

Nachdem ich nun noch mal Dutzende Artikel zur US-Wahl gelesen habe, langweilt es mich ein weinig immer den gleichen Tenor vorzufinden.
Etwas lustlos werden jeweils Trumps neueste Ungeheuerlichkeiten referiert und allwissend geraunt was für ein Glück der GOPer Orang für die Clinton-Kampagne wäre.
So geht das allgemeine Narrativ: Amerika pickte aus 330 Millionen Menschen ausgerechnet die beiden Unbeliebtesten als Präsidentschaftskandidaten und nun fiele den armen Wählern die undankbare Aufgabe zu das kleinere Übel zu wählen. Was für ein Elend.

Dazu habe ich heute ein paar persönliche Anmerkungen.

1.)
Mein Mitleid mit den Wählern hält sich in Grenzen. Republikaner-Fans und die wahlmüden Demokraten-Anhänger haben bei den Zwischenwahlen von 2010 und 2014, sowie den Kongresswahlen von 2012 selbst für den allgemein beklagten Gridlock gesorgt, der Extremisten wie Trump und Cruz erst möglich machte.
Bei den Kongresswahlen vom am 4. November 2014 gaben nur 36 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme ab.
Wenn die Wähler so sagenhaft unzufrieden mit dem House sind, aber alle zwei Jahre mindestens 95% der Sitze-Inhaber wieder ins Parlament schicken, weil sie zu faul sind zur Wahlurne zu gehen, haben sie kein Recht sich anschließend zu beklagen.

2.)
Hillary Clintons Alter und Erfahrung, ihre Nerd-Persönlichkeit, das Aktenfressen, die wenig schillernde Persönlichkeit wird immer seufzend als „naja, wenigstens ist die qualifiziert“ abgetan.
Qualifikation für das mächtigste Amt der Erde ist aber keine Nebensächlichkeit, sondern sollte das wichtigste Kriterium überhaupt sein. Beliebtheit, Humor, Schönheit rangieren meilenweit dahinter.

3.)
Ja, ich empfinde auch eine gewisse Clinton-Müdigkeit. Es liegt wohl im menschlichen Charakter, daß man sich hin und wieder etwas neueres Frisches wünscht. Aber wieso schlägt ihr eigentlich auch von Liberalen und Linken dieser blanke Hass entgegen?
Gerade in der dritten presidential debate gab die Demokratin beeindruckende gesellschaftspolitische Statements ab, die ich nur unterschreiben kann:
 Ein klipp- und klares Roe-v-Wade-Ja, das ausdrückliche Bekenntnis dazu, daß Strafrecht beim Thema Abtreibung nichts zu suchen hat. Sie bekannte außerdem felsenfest bei der Besetzung des Supreme Courts darauf zu achten, daß equal pay, LGBTI-rights etc gewährleistet bleiben, daß das Citizen-United-Skandalurteil, nach dem Konzerne direkt den Wahlkampf finanzieren dürfen, abgeschafft gehört, daß sie Background-checks bei Waffenverkäufen möchte. Evangelikale regt das natürlich ganz fürchterlich auf, aber ich habe das noch von keinem Major-Party-Kandidaten so klar gehört vor einer Präsidentschaftswahl. Recht sie hat!

4.)
Es stimmt natürlich auch nicht, daß Clinton und Trump im ganzen Land verhasst sind.
Beide haben durchaus ihre Fan-base. Eine zweistellige Millionenzahl bejubelt Trump völlig uneingeschränkt – egal ob er lügt, betrügt, vergewaltigt, rassistisch hetzt oder durch sagenhafte Ignoranz schockiert.
Selbstverständlich hat auch Hillary breite Unterstützung in ihrer Partei. Sehr viele verdanken ihr Vieles. Ohne Unterstützung von der Basis hätte sie auch mit 300 Jahren Erfahrung nicht nominiert werden können.

5.)
Clinton verfügt nicht über die Strahlemann-Natur eines Justin Trudeaus, den jeder an sich drücken, herzen und küssen möchte.
Fliegen einem die Herzen so zu, hilft das enorm bei Wahlen.
 Wer nicht über diesen Sonnenschein-Charakter verfügt, kann wie Angela Merkel manisch alle zwei Tage Umfragen erstellen lassen und fanatisch auf die eigenen Zustimmungswerte fixiert immer dahin mäandern, wo Volkes Meinung ist.
Echte Beliebtheit wie sie Barack Obama 2008 erfuhr, der in der ganzen Welt frenetisch bejubelt wurde, dem 200.000 Menschen in Berlin enthusiasmiert applaudierten und der auch gleich den Friedensnobelpreis als Kirsche auf der Torte erhielt, wird Hillary Clinton nie erleben.
Sehen wir es doch positiv.
Obama wurde durch die grenzenlose Begeisterung, die er 2008 überall auslöste vermutlich zu dem Gedanken verführt, er könne im Weißen Haus alles im Konsens erreichen, mit den Republikanern zusammenarbeiten, die arabische Welt proamerikanisieren, Kriege beenden.
Das wurde zu einer gigantischen Bauchlandung.
 Obama war so lange der nette Obama, bis er die Mehrheit in beiden Häusern verloren hatte und unter die GWB-Beliebtheitswerte sackte. Obama gab Geld für Infrastrukturmaßnahmen in den Bundesstaaten, welches von den Gouverneuren abgelehnt wurde, um den Demokraten zu schaden. Er mußte erst bitter lernen, daß GOPer eben NICHT das tun, was für ihr Land am besten ist.
Obama ist nach der Erfahrung in seiner vermeidlichen Lame-Duck-Phase aber ein besserer Präsident denn je. Erst jetzt traut er sich den Republikanern richtig Kontra zu geben und mit seiner ganzen potus-Macht zuzuschlagen.

Es könnte sich noch als Glücksfall erweisen, daß Hillary Clinton seit Jahrzehnten gewöhnt ist von vielen Menschen radikal abgelehnt zu werden.
Sie wird sich keine Illusionen darüber machen, daß man mit konsensorientierten GOPern nur vernünftig reden müsse, um gemeinsam voran zu kommen.
Sie wird nicht danach streben überall Liebkind zu sein.
Sie will verdammt noch mal Macht.
Ich hoffe, daß es genauso kommt, daß sie innenpolitisch brutal und skrupellos vorgehen wird. Sie soll vom ersten Tag an soziale Dinge durchprügeln, in der SCOTUS-Frage so linksliberale Personen nominieren, daß Ryan und McConnell der Kopf platzt.
Vermutlich kann niemand so heftig gegen die Rechten durchgreifen wie eine Frau, die erstens ohnehin unbeliebt bei ihnen ist und nichts zu verlieren hat und die zweitens auch in einem Alter ist, daß sie weiß keine Jahrzehnte mehr Zeit zu haben, um dicke Bretter zu bohren.

Go, Hillary!

Keine Kommentare:

Kommentar posten