Montag, 25. Juli 2016

Geschichtsstunde – Teil II

…oder
Wie die Nahostwelt verrückt wurde.

Vier bis fünf Jahre störte der Bürgerkrieg in Syrien eigentlich niemand in den Hauptstädten Europas und Amerikas.
War weit weg und wer blickt da im Nahen Osten überhaupt noch durch?
Solange wir in der Gegend noch billig Öl kaufen konnten und ordentlich was mit Rüstungsexporten dahin verdienten, wollte sich angefangen vom „kleinen Mann auf der Straße“ bis hinauf ins Kanzleramt niemand damit beschäftigen.
Aufgeschreckt wurden wir erst so richtig als Millionen von Kriegsopfern nicht mehr elendig in anatolischen, libanesischen und jordanischen Flüchtlingscamps vegetierten oder im Meer ersoffen, sondern in EU-Länder flohen.

Ach Du Schreck. Merkel und ihre diversen Innenminister hatten in Brüssel immer auf dem Dublinverfahren beharrt.  Deutschland, als nördliches und von anderen EU-Staaten umgebenes Gebilde verlangte, daß alle in die EU einreisenden Flüchtlinge in dem Land bleiben, in dem sie europäischen Boden betraten.
Kategorisch lehnten Schäuble, Friedrich und de Maizière in Brüssel die Bitten um Hilfe Griechenlands und Italiens ab.

Und dann auf einmal standen die Flüchtlinge bei uns vor der Tür.
Aus heiterem Himmel. Konnte ja keiner wissen. Ganz überraschend. De Maizière hatte die Kapazitäten gerade richtig runtergefahren, die dringenden Ersuchen des BAMF auf Personalaufstockung abgelehnt.
Woher sollte man auch ahnen, daß da irgendwas in Syrien schief ging?
Viele Deutsche begriffen dann auch erst 2015 was diese abstrakten Zahlen – 500.000 Bürgerkriegstote, Millionen Vertriebene – in der Realität bedeuteten.

Ähnlich verhielt es sich mit dem Daesh, der 2016 scheinbar allgegenwärtig ist.
Urplötzlich erschien der im Irak und Syrien. Damit konnte ja keiner rechnen.
Hatten nicht George W. Bush und Tony Blair unter demonstrativem Beifall Angela Merkels und Wolfgang Schäubles 2003 erklärt, daß nach dem Ende Saddams eine friedliche und prosperierende Demokratie unter dem Jubel der Iraker entstünde?

Das ist die Stunde der Populisten.
Trump, AfD, Le Pen, Farage, Wilders und Co können nun das Unbehagen gegenüber „des Islams“ schüren und mit jedem IS-Anschlag in neue demoskopische Höhen klettern.

Von der ganz linken und ganz rechten Seite im Westen hört man seit Jahren die Forderung sich aus dem Nahen Osten rauszuhalten.
Da könne man nichts erreichen. Sollen die sich doch gegenseitig die Köpfe einschlagen.

Demokratie ist schließlich auch keine Lösung.
Man erinnere sich daran als 1991 die Algerier ihr Parlament frei wählen durften.
Da bekommt doch tatsächlich die „islamische Heilsfront“ die Mehrheit.
Oder 2012 in Ägypten. Da wählt eine Mehrheit die Muslimbrüder nach 80 Jahren in der Opposition - und damit Mursi zum Präsidenten.
So geht es nicht: Demokratisch wählen, aber andere Parteien an die Macht wählen, als EU und USA geplant hatten.
In beiden Fällen unterstützte der Westen anschließend schnell einen Militärputsch, der die demokratischen Ergebnisse abschaffte.
Alle Appelle der rechtmäßig gewählten Parteien an den Westen man möge doch das demokratische Wahlergebnis respektieren, schlugen die werteorientierten Westdemokratien aus.

Verdammte Demokratie.

Man wählt Rajoy statt Zapatero, George W. Bush statt Gore, immer wieder Berlusconi und 16 Jahre Kohl.
Amerikanische Volksabstimmungen über Waffenrecht, Drogenkonsum und Homoehe waren in der Vergangenheit fast immer von Vorurteilen und nicht von Fakten beeinflusst.
Der Westen propagiert Demokratie, aber nur vor der Kamera.
Eigentlich hat man lieber eine schöne Diktatur mit einem verlässlichen Diktator/König/Papst/Führer, der alles im Griff hat.
So wie es vor der Arabellion war.
Oder Palästina. Jeder lobt Israel, als die „einzige Demokratie des Nahen Ostens“.
Als die Palästinenser auch wählten, fand man das dann nicht mehr so toll.
Insbesondere nicht mehr, nachdem 2006 die Hamas die Wahl gewann; also die sunnitische Befreiungsorganisation Palästinas, die sich quasi als Tochter der Muslimbruderschaft gegründet hatte.
Ähnlich sah es in Ägypten aus, nachdem die Hamas-Mutter „Muslimbrüderschaft“ die Präsidentenwahl gewonnen hatte und ihr Mann Mursi das tat, was er versprochen hatte.
Das gefiel Merkel und Obama überhaupt nicht und sie begrüßten den höchst antidemokratischen Regierungsumsturz, der nichts anderes als ein Militärputsch war und nun zu einer Gewaltorgie geführt hat.

Deswegen ist der Westen übrigens so unbeliebt in Nordafrika und im Nahen Osten: Die Glaubwürdigkeit der Nato-Staaten, die von Demokratie und Frieden reden, aber dann die Diktatoren bevorzugen und die Gegend mit Waffenexporten überziehen, ist nicht mehr messbar.

Warum geht seit Jahrzehnten alles so schief im arabischen Raum?
Können die nicht mal allein für Ruhe sorgen?
Was haben wir guten, aufgeklärten, fortschrittlichen, zivilisierten Westler mit dem jüdisch-christlichen Wertesystem eigentlich damit zu tun?

Alles.

Wir sind die Wurzel des Übels.
Wir, der christliche Westen, haben im zerstörerischen Kolonialisierungswahn vor genau hundert Jahren die gewachsenen arabischen und persischen Strukturen zerschlagen und eine auf westliche Ausbeutung angelegte künstliche Struktur auf einen halben Erdteil gepresst.
Das konnte nicht funktionieren.

Im Mai 1916, die Schlacht um Verdun war in vollem Gange, schlossen Frankreich und Großbritannien ein geheimes Abkommen, mit dem sie den Nahen Osten unter sich aufteilten. Noch waren die Gebiete der heutigen Staaten Syrien, Irak, Jordanien, Libanon und Israel unter osmanischer Herrschaft. Doch für die Zeit nach einem vorhersehbaren Sieg der westlichen Alliierten vereinbarten diese schon einmal die Verteilung des Territoriums.
Auf britischer Seite verhandelte der konservative Unterhausabgeordnete Sir Mark Sykes. Für Frankreich saß der Diplomat François Georges-Picot am Verhandlungstisch. Sie zogen eine Linie von Akko am Mittelmeer bis nach Kirkuk im heutigen Irak. Südlich davon sollten die Briten herrschen, nördlich davon die Franzosen. Zunächst wurde das Abkommen geheim gehalten. Als sein Inhalt 1918 veröffentlicht wurde, kam es zum politischen Aufruhr in der arabischen Welt, die sich bis dahin Unabhängigkeit erhofft hatte. [….]

In über 400 Jahren hatten die christlichen Mächte rein gar nichts dazu gelernt und fanden immer noch, es stünde ihnen zu willkürlich den Rest der Welt unter sich aufzuteilen.
Schließlich zählten nur Christen als Menschen. Alles andere waren Wilde, die man besitzen konnte.

Da war viel los. Das Mittelalter ging zu Ende, das Zeitalter der Kolonialisierung begann.  Mein Lieblingspapst Alexander VI. hatte 1494 im Vertrag von Tordesillas mal eben die gesamte Welt und alle ihre Besitztümer zwischen Portugal und Spanien aufgeteilt. Das ist ja das Schöne an den Christen; sie sind so überhaupt nicht anmaßend.

Die willkürlichen Grenzziehungen der Europäer und die noch Dekaden währende Ausbeutung, sowie exzessive Gewalt gegen Maghrebiner und Araber, die Entrechtung von zig Millionen Menschen, das Verweigern von Souveränität führte bis in die jüngste Zeit dazu, daß vielen Völkern nur zwei Alternativen blieben:
·       
Entweder sich unter brutale Autokraten pressen zu lassen, die in Syrien, dem Irak, Algerien oder in Ägypten Myriaden einfache Bürger folterten, massakrierten, umbrachten, verschleppten.
·        Oder sich der einzigen Bewegung anschließend, die seit 80 Jahren dagegen aufbegehrt: Den Islamisten.

Eins haben die Menschen in Nordafrika und Arabien gelernt: Auf den Westen kann man nicht zählen.
Der Westen unterstützte immer die brutalsten Militärdiktatoren, die jegliche Menschenrechte mit Füßen traten.
In den wenigen Fällen, in denen es doch mal zu Wahlen kam, sorgten EU und USA dafür, daß die Wahlergebnisse nicht anerkannt wurden; Stichwort Hamas, Muslimbrüder, Islamische Heilsfront.

Der Westen legte aber nicht nur 1916 mit der Sykes-Picot Linie die Wurzel des Übels, sondern sorgte in den nächsten 100 Jahren auch durch ständige militärische Eingriffe für die brutale Niederschlagung aller Freiheitsbewegungen, bombte sogar noch 2003 den Weg frei für Al Kaida.

Der junge Hamburger Islamwissenschaftler Benham T. Said stellt dazu ganz nüchtern fest:

Ohne Gesellschaften, die für einen gewissen sozialen Ausgleich sorgen, die politische Partizipation ermöglichen, werden wir Bewegungen wie al-Qaida oder den IS immer wieder sehen. Gewalttätige nichtstaatliche Akteure entstehen hauptsächlich in Staaten, die autoritär gelenkt werden.

Said tritt auch auf als Erklärbär in der Arte-Dokumentation „100 Jahre Krieg in Nahost - Das Sykes-Picot-Geheimabkommen und seine fatalen Folgen“ von Alexander Stenzel, die ich jedem dringend empfehle.


100 Jahre hochkomplexe Geschichte eines ganzen Erdteils in 52 Minuten kann natürlich nicht alle Aspekte zeigen.
Selbstverständlich ist Islamistischer Terror nicht monokausal nur als Reaktion auf christliche Krieger zu sehen.
Aber ohne die extrem kontraproduktiven Eingriffe des christlichen Westens kann man die Lage in Nahost nicht verstehen.

Der Regisseur und ARD Nahost-Korrespondent Alexander Stenzel ist sicher keiner, dem man eine zu antiamerikanische Sichtweise vorwerfen kann.
Im Gegenteil; die echten amerikanischen Schweinereien verschweigt er.

So wird der Aufstieg bin Ladens mit Geldgebern aus Riad erklärt….

…Bin Laden, der mit Brüdern im Geiste gegen die sowjetische Besatzung kämpft. Ihre wichtigste Geldquelle, das saudische Königshaus, das damals die Gefahr ignoriert, daß die Militanten irgendwann eines Tages heimkehren könnten.

…ohne mit einer Silbe zu erwähnen, daß es die amerikanische CIA war, die bin Laden über Jahre aufrüstete und in Afghanistan unterstützte.

Nach Stenzels Darstellung überfällt Saddam Hussein aus heiterem Himmel und ohne Rechtfertigung im Jahr 1990 das kleine, aber reiche Kuwait.

Der Golfkrieg von 1980-1988, bei dem Saddam maßgeblich von den USA angetrieben den Iran angegriffen hatte, wird in dieser Dokumentation mit keiner Silbe erwähnt. Daß Donald Rumsfeld persönlich in den Irak reiste, um Saddam aufzurüsten, kommt ebenso wenig vor, wie das nicht gehaltene Versprechen der Amerikaner dem Irak bei den Kriegskosten zu helfen.
Dabei spricht viel dafür, daß Saddam aus finanzieller Not und Wut über nicht eingehaltene Finanzzusagen Kuwait besetzte.
Stenzel erklärt selbstverständlich auch nicht, daß Kuwait im Jahr 1922 tatsächlich durch die Briten vom Irak abgeknapst wurde und somit Saddams Ansicht Kuwait gehöre historisch zum Irak nicht ganz abwegig ist.

Dafür wird in der Arte/ARD-Doku der Schwarze Peter übermäßig Russland zugeschoben. Von Neutralität kann keine Rede sein, wenn amerikanische Aktionen verschwiegen oder beschönigt werden, während die im Nahen Osten sehr viel selteneren sowjetischen, bzw russischen Aktionen klar negativ beschrieben werden.

Zur militärischen Unterstützung des Nassar-Regimes, das sich nur mit der Unterstützung Nikita Chruschtschows von den Briten unabhängig machen konnte, heißt es:

Für das kommunistische Imperium in Moskau gilt die eiserne Regel des kalten Krieges: Expandieren, wo es nur geht.

Als ob es nicht die Amerikaner, Briten und Franzosen gewesen wären, die sich seit Jahrzehnten im Nahen Osten ausgebreitet hätten und dabei im Gegensatz zur Sowjetunion gewalttätig und gegen den Willen der Bevölkerung vorgingen.
Die ägyptische Regierung hatte Chruschtschow hingegen 1964 eingeladen.
Der Generalsekretär der KPdSU wurde dabei so sehr von allen Ägyptern bejubelt, daß sein ganzer Staatsbesuch einem Triumphzug glich.
Anders als Stenzel suggeriert, lieferte Russland nicht etwa nur Waffen, sondern gab Ägypten überlebenswichtige Kredite und half mit über 3.000 Ingenieuren den Assuan-Staudamm zu bauen, durch den sich die landwirtschaftlich nutzbare Fläche um ein Drittel erhöhte.

In der ARD wird aber auch das moderne Russland nur negativ gesehen.

Zudem wirft sich ein weiterer Akteur in das Schlachtfeld, der nicht als Vertreter demokratischer Rechte gelten kann. Russland will für sich den Rang einer Weltmacht zurück erobern und ergreift damit Partei für die Syrische Regierung unter Assad.

Als ob Putin den großen Schaden im Irakkrieg angerichtet hätte!
Putin war neben Chirac und Schröder der größte Gegner des Irakkrieges von 2003, setzte sich intensiv für eine friedliche Lösung ein, während Italien, Spanien, Polen, England und die USA – und Merkel – völkerrechtswidrig ein beispielloses Desaster anrichteten, bei dem mindestens 500.000 Iraker ums Leben kamen.

Verschwörungstheoretiker werden durch so eine einseitige Betrachtungsweise natürlich animiert wieder von „Lügenpresse“ zu sprechen.
Aber der Vorwurf ginge dann doch zu weit.

Stenzels Doku hat zwar in einigen Teilen etwas Schlagseite, aber grundsätzlich ist sie dringend zu empfehlen für jeden, der sich für die Ursachen der ewigen Nahostkrise, welche nur die ganze Welt beeinflusst, interessiert.

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