Mittwoch, 29. Juni 2016

Jugendversagen.

Die Erkenntnis habe ich zwar auch schon vor ein paar Jahren gewonnen, aber für mich als Geront ist es immer noch vergleichsweise neu und verblüffend, daß Teenager von heute gar keinen Fernseher mehr brauchen.
Die kennen auch gar keine Fernsehzeitschriften, die für die drei Generationen vorher mit größter Selbstverständlichkeit in jedem Haushalt lagen.
Daß man Serien oder Filme nur nach festgesetzten Anfangszeiten nur im heimischen Wohnzimmer ansehen kann, empfinden die im 21. Jahrhundert Geborenen als absurd. Genauso absurd wie die Notwendigkeit jeden Tag zu Zeitungskiosk zu gehen, um sich eine auf Papier gedruckte Zeitung zu kaufen, oder gar ein sündhaft teures Print-Abonnement anzuschaffen.
Sie kaufen auch keine CDs mehr, geschweige denn Langspielplatten.
Man bekommt ja alles quasi kostenlos im Internet downgeloaded/gestreamt.
Diese Umsonst-Mentalität ist vielen Jugendlichen so in Fleisch und Blut übergegangen, daß ihnen die Frage womit ein Musiker eigentlich seinen Lebensunterhalt bestreiten soll, gar nicht in den Sinn kommt.
Dabei sind doch die Konsequenzen offensichtlich: Wenn man mit Musik nichts mehr verdient, wenn sich musikalische Qualität nicht mehr bezahlt macht, muß man eben Spektakel veranstalten, aberwitzige Bühnenshows veranstalten, damit auch ein Popleichtgewicht wie Justin Bieber 300 Euro für ein Konzertticket verlangen kann.
Merchandising ist der Ausweg.

Ist es schon so weit, daß ich mich altersbedingt in Kulturpessimismus ergehen muß, weil die Generationen nach mir ihr Geld für Voting-Anrufe bei RTL ausgeben, um gecastete Retorten-Sternchen zu unterstützen, statt ein Gefühl für richtig gute Musiker zu entwickeln?

Jein. Die schöne neue Internet-Medienwelt hat auch Vorteile.
Die Interessen werden internationaler, man kommuniziert mehr und das Internet nivelliert.
Während über Generationen nur die Reichen und Schönen der Highschool beliebt waren und die Kinder ohne Markenklamotten eine demütigende Schulzeit erlebten, kann jetzt jeder mit seinem Twitter-Account, Instagram-Profil oder Youtube-Channel selbst bekannt und bedeutend werden. Die Außenseiter, die Dicken, die Schwulen und die Merkwürdigen müssen nicht mehr einsam leiden, weil sie an ihrer Schule keine Gleichgesinnten finden.
Aus der Socialmedia-Trickkiste lassen sich für jeden noch so bizarr aussehenden Topf die passenden Deckel fischen.
Die einzige Lesbe an der Dorfschule? Kein Problem; mit einem Klugtelefon findet man beliebig viele Mädchen in der gleichen Situation.

Hunderte „Youtuber“ sind inzwischen so Klick-stark, daß die davon leben können, von der Werbeindustrie hofiert werden.
Da sie naturgemäß vernetzt sind, ticken sie viel liberaler und vorurteilsfreier als die Jugendgenerationen vor ihnen.
Ich bin überzeugt davon, daß der enorme gesellschaftliche Umschwung Amerikas in der LGBTI-Akzeptanz mit den vielen homofreundlichen Youtube-Helden zu tun hat, die ganz selbstverständlich täglich zig Millionen von Followern begegnen.

Nach meinem Kenntnisstand (als Geront mag ich mich da irren) sind unter den international erfolgreichsten „Youtubern“ überproportional viele Briten.
Diese haben den Vorteil der englischen Muttersprache. Im Gegensatz zu Amerikanern denken sie als Europäer aber a priori internationaler, sind reisefreudiger und kulturell offener, so daß sie sich weltweit Anhänger einsammeln können.

Die Zahlen ihrer Kanal-Abonnenten sind so gewaltig, daß jeder Fernsehmacher, der auf Einschaltquoten achten muß, vor Neid erblasst.

Die nette kleine „Zoella“ aus Brighton, bürgerlich Zoe Sugg, *1990, hat fast elf Millionen Abonnenten, die ihren Schmink- und Modetipps lauschen.
Ihr kleiner Bruder Joe, 24, bringt es als ThatcherJoe auf sieben Millionen Follower.
Das sind jeweils nur ihre Haupt-Youtube-Kanäle. Daneben betreiben sie noch Vloging-, Gaming-, Prank- und sonstige Kanäle, die es auch jeweils auf siebenstelligen Abo-Zahlen bringen.
Joe Suggs Mitbewohner Caspar Lee bringt es auf 6,4 Millionen Follower und Zoellas Boyfriend, Alfie Deyes, 22, kann auf stolze 5,2 Millionen Anhänger verweisen.
Alfies beste Kumpel sind natürlich auch alles britische Youtuber:
Marcus Butler mit 4,5 Millionen Followern, Jim Chapman (2,6 Mio), Oli White (2,4 Mio) und Joe Weller (3,5 Mio).
Jim Chapmans Frau ist Tanya Burr, der 3,5 Millionen Fans folgen.
Wayne Goss begeistert 3,5 Millionen Anhänger mit Make-Up-Tutorials; der 23-Jährige Conor Maynard, ebenfalls aus Brighton singt gern auf Youtube; vor 2,3 Millionen Fans.
Die Liste ließe sich lange fortsetzen. Ihre Marktmacht ist gewaltig; ich habe jeweils nur die Abonnentenzahl ihres wichtigsten Kanals genannt.
All diesen jungen Twens aus Südengland ist gemeinsam, daß sie viel reisen und viele andere Youtuber kennen. Gerne machen sie ihre Späße in Kooperationen – crosspromotion. Es bleibt immer harmlos, oberflächlich, lustig.
Zoe, Alfi, Marcus, Joe und Caspar und wie sie alle heißen haben aber weitere Gemeinsamkeiten. Sie sind alle nett, gutaussehend, ecken nicht an, haben makellose Haut, immer gute Laune, Model-Figuren.
Sie sind allesamt Traumschwiegersöhne und Traumschwiegertöchter.
Kreativ, schön und fröhlich.
Genauso wünschen sich wohl die meisten zu sein.
Insbesondere bei ihren amerikanischen Youtuber-Kollegen, die man natürlich auch ständig besucht, um ihre Abonnenten hinzu zu gewinnen, gab es in den letzten Jahren eine große Outing-Welle.
Shane Dawson, 7,2 Millionen Follower, Joey Graceffa mit 6,3 Mio Anhängern, Ingrid Nilsen mit 4 Millionen, Connor Franta mit seinen 5,6 Millionen Freunden und natürlich der ewig kichernde Spaßvogel Tyler Oakley mit sagenhaften 8,1 Millionen Fans sind alle schwul, bzw lesbisch oder bi.

Die Jugendlichen von heute konnten diese Outings alle tränenreich miterleben und insbesondere lernen, daß die anderen Youtuber (natürlich auch alle Britischen) die schwulen und lesbischen Kollegen nun sogar noch mehr mochten, gar nicht mehr aufhören konnten sie zu herzen und küssen.

Das prägt womöglich eine Generation. LGBTI ist normal geworden und tatsächlich ist es ja auch normal LGBTI zu sein.
Dank der Youtuber gibt es eine massive gesellschaftliche Veränderung in diesen Fragen.
Rassismus, Misogynie und Homophobie haben da keine Chance mehr.

Warum sind dann aber die britischen Jugendlichen so doof und lassen den Brexit geschehen?

Die Jugend-Ikone Lili Allen fasste es am Abend des 23.06.2016 mit ihrem inzwischen weltberühmten Tweet zusammen:

„Well millennials. We're really really fucked.“

Statt sich a posteriori selbst zu beweinen hätte es allerdings eine Alternative gegeben:
Wählen gehen!
Bei den 18- bis 24-Jährigen lag die Wahlbeteiligung bei knapp über einem Drittel, während die über 65-Jährigen mit 83%-Beteiligung abstimmten.
Die Jungen haben die Zukunft verpennt, weil sie zu phlegmatisch waren, um sich zu den Wahlurnen zu schleppen.

Es wurde also wieder einmal eine Entscheidung wider das Volk getroffen, weil das Volk selbst zu doof war.

Ich habe mir die Mühe gemacht die Themen aller Videos der genannten britischen Youtuber der letzten zwei Monate anzusehen:
Kein einziger erwähnte das Brexit-Referendum.
Weit schlimmer: Es gab überhaupt keine politischen Informationen, keinerlei Problembewußtsein.
Kriege, Terroranschläge, Umweltzerstörung, Flüchtlingsströme, TTIP, Ceta, Erdogan oder Syrien kommen in der schönen hygienischen Pastellwelt der Youtuber grundsätzlich nicht vor.
Es gibt bei ihnen keine wirtschaftliche Ungerechtigkeit, keine Krankheit, keine Diskriminierung. Keine Parteien, keinen Rechtsradikalismus, keine EU, keinen IS.
Es geht allen gut, alle sehen blendend aus.
Sie sind makellos.

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