Montag, 8. Mai 2017

Im Hühnerhaufenmodus

Eigentlich muß man die SPD für ihre herrliche Un-Professionalität und über 150 Jahre erhaltene Naivität lieben.
Das sind echte Amateure geblieben, bei denen Emotionen bestimmen und persönliche Animositäten ausgelebt werden.

Bei der gestrigen Landtagswahl in Schleswig-Holstein verlor die SPD exakt 3.413 Stimmen gegenüber 2012 und sogleich sind alle zu Tode betrübt, verfällt das gesamte Willy-Brandt-Haus in Agonie.

Die Stimmung ist die übliche "Ach, das wird doch schon wieder nix"-Dauerdepression vor Bundestagswahlen, so Peter Dausend in der ZEIT.

Da ist sie wieder, die herrlich naive SPD. Sie tauscht nach der Gabriel-Baisse den Vorsitzenden gegen einen Opa aus der Provinz aus und ist so froh darüber den eigenen Chef losgeworden zu sein, daß die pure Euphorie erst auf die Presse abfärbt und dann die Demoskopen durchdrehen lässt. Nach gefühlten 100 Jahren liegen die Sozis mal wieder in einer Umfrage vor der CDU und schon träumt man von der Machtübernahme. An der Politik und Programmatik wird nicht ein Wort verändert, aber gute Stimmung, Autosuggestion und die Glücksmetapher „Würselen“ werden Merkel schon wegfegen. So soll im Jahr 2017 Politik funktionieren?

Als Berufspessimist und offensichtlich eins der wenigen SPD-Mitglieder, das kein Schulz-Fan ist, wundere ich mich doch, daß die Genossen nun kollektiv in den Hühnerhaufenmodus verfallen und hysterisch werden.

Ja, das war natürlich so erfreulich wie eine Wurzelbehandlung was gestern passiert ist.

Aber dramatische Veränderungen gab es gar nicht.
Wieso nennt Reuters das „eine krachende Niederlage der SPD im Norden der Bundesrepublik“?

 Von den drei Parteien der „Küstenkoalition“ haben SSW und Grüne ihre Sitzanzahl genau gehalten und die SPD verlor einen Sitz.
Das waren 3,1 Prozentpunkte weniger als 2012.
Der Blick auf die absoluten Stimmen zeigt, daß Albig fast keine Wähler verlor:
2012 bekam die SPD 404.048 Zweitstimmen und gestern waren es 400.635.
Ich kann darin keinen „krachende Niederlage“ erkennen.

Ministerpräsident Albig leistete sich ein paar selten blöde Fehler.
Einen eigenen Kanzlerkandidaten brauche die SPD doch gar, Merkel wäre doch prima, befand der Glatzenträger im Juli 2015.
Und kurz vor der Wahl, am 20.04.2017, noch das unfassbar peinliche Interview in der BUNTEN, in dem er über seine Frauengeschichten plauderte.

Homestorys in Klatschblätter passen zu Hollywood-Superpromis und Königsfamilien. Wenn mäßig erfolgreiche Provinzpolitiker die Methode kopieren geht es immer schief; so hat schon ein Hamburger Bürgermeister sein Amt verloren. Auch für Scharping und Brüderle bedeuteten die Versuche sich via BUNTE zu inszenieren letztlich das politische Aus. Anton Hofreiter malte für die "Bunte" Aquarelle und ist immer noch Urnengift.

 Das bessere Rezept ist es nicht durch Glamour punkten zu wollen, auf alberne FILA-Inszenierungen in der Bunten (Beust Kurzzeit-Nachfolger Ahlhaus) zu verzichten, (…..)  sondern gute Arbeit abzuliefern. (….)

Ich halte Albigs BUNTE-Blamage nicht für einen Skandal, aber so ostentativ seine Eitelkeit zu zeigen, hilft natürlich auch nicht und dürfte schon ein paar Stimmen gekostet haben in einem wenig glamourösen Flächenland, wenn der Herausforderer als brave, fromme, katholisch-konservative Christian-Wulff-Kopie mit Spießigkeit punktet.
Die SPD verlor 24.000 Stimmen an die CDU und 15.000 an die FDP. Die SPD kompensierte diese Abwanderungen zwar mit ehemaligen Piraten- und Nichtwählern (8.000 und 30.000 Stimmen), konnte aber von den anderen Landtagsparteien überhaupt nichts gewinnen.

Die CDU gewann gerade mal 1,2 Prozentpunkte hinzu.
2012 war der Wahlausgang in Kiel extrem knapp und die minimale Verschiebung der Anzahl der Sitze; SPD 22->21, CDU 22->25, ist in dem Fall entscheidend.
Sozis haben gestern mit minimalen Veränderungen eine maximale Klatsche bekommen.

Welche Tranquilizer im Willy-Brandt-Haus ins Wasser eingeleitet werden, weiß ich natürlich auch nicht. Es ist schließlich keine große Überraschung, daß  dieses Jahr auch drei Landtagswahlen stattfinden.
Da könnte man schon mal ein paar Pläne vorlegen.
Die Berliner Parteispitze ist nicht in der Lage Debatten zu bestimmen. Schulz ist seit Wochen quasi untergetaucht und wenn Lügenminister de Maizière seine unsäglichen Leid-Kultur-Thesen verbreitet, schlägt einem Ratlosigkeit von den Sozis entgegen, statt mutig wie Macron proeuropäisch zu agieren.


Das darf man nicht lethargisch den Satirikern überlassen, sondern muß als SPD vorangehen:

Schluß mit Waffenexporten in den Nahen Osten.

Wir reißen keine Familien auseinander und bringen damit unerträgliches zusätzliches Leid über Heimatvertriebene.

Gemeinsame EU-Finanzpolitik; Schluß mit den Austeritätswahn.

Und wie koordiniert die SPD-Zentrale eigentlich Termine?
Die Grundsatzrede von Martin Schulz bei der Berliner Industrie- und Handelskammer läßt man einen Tag nach der Schleswig-Holstein-Wahl stattfinden und auch Sigmar Gabriels Buchvorstellung am Wochenende läßt man ganz untergehen.

Das stimmt mich dann doch wieder pessimistisch. Wenn wir schon gegen einen Nobody wie Günther, der bisher nur mit einer Schweinefleischpflicht in Kantinen auffiel, versagen und uns beginnen aufzulösen, macht das wenig Hoffnung auf die Bundestagswahl.

Zumal in Kiel mit Habeck und Heinold zwei richtig gute Typen für ein enormes Grünen-Ergebnis gesorgt haben.
Die CDU-affinen Schlaftabletten Özdemir und Göring-Kirchentag werden kaum im Bund 13% holen.
Und in NRW ist der Frust über Löhrmanns Schulpolitik und Steffens Homöopathie-Unsinn natürlich auch gewaltig.
Da muß die SPD schon selbst für gute Zahlen sorgen. 27% wie in Kiel reichen nicht in Düsseldorf oder Berlin.

Ich wünsche mir aus dem Willy-Brandt-Haus mehr Stegner.

Da sollte sofort CONTRA kommen, wenn de Maizière Leitkultur einfordert oder Merkel Rüstungsgeschäfte in Nahen Osten anschiebt oder von der Leyen rechtsradikale Umtriebe in ihrem Verein duldet.

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