Dienstag, 9. April 2019

Plädoyer zur Dehysterisierung

In jedem Dorf gibt es einen Dorfdeppen. Offenbar ist das ein weltweites Phänomen. Mein Vater berichtete schon von dem „village idiot“, den es in dem kleinen Ort Bobtown gab, in dem er aufwuchs.
Nun gehört es zum evolutionären Prozess, daß es hellere und nicht so helle Kerzen auf der Intelligenz-Torte gibt.
Die ganz Doofen werden es schwerer haben sich zu vermehren und dadurch ihre Doofheit weniger stark weiterverbreiten.
Kurzum, ein Doofer schadet nicht, die Klugen werden mehr genetische Nachkommen produzieren, weil die Doofen auch ausgegrenzt werden.

Seit der Erfindung des Internets und insbesondere der Social Media, bleiben die Doofen aber nicht einfach schmollend und verlacht in ihrem Dorf hocken, sondern fangen an sich zu vernetzen, Kontakt zu Ihresgleichen aus dem Nachbardorf zu suchen. In Windeseile entstehen Doofen-Filterblasen, in denen sie sich alle gleichermaßen schlau fühlen.
Unglücklicherweise gibt es einen paradoxen Mechanismus der sozialen Medien, nach dem besonders bizarre, ergo doofe Ansichten überproportional verteilt werden. Einige lachen darüber, aber sie alle multiplizieren beispielsweise die „wirre Welt der Impfgegner“.


Das durch Algorithmen erreichte Aufkonzentrieren der Doofheit im Internet ist schon schlimm genug, weil wie in diesem Fall ungeimpfte Virenschleudern auf den Straßen andere Menschen töten können.

Umso wichtiger ist die Funktion der klassischen Medien und Politiker als Gatekeeper.
Sie müssen unbedingt dafür sorgen in der Flut der sekündlich neuen Meldungen die Themen und Probleme herauszupicken, die eine reale Bedrohung darstellen und um die Mensch sich kümmern muss.
Dazu zählen beispielsweise Klimawandel, Unterversorgung von Pflegebedürftigen oder Altersarmut.
Nicht relevant sind hingegen Genderbekämpfung, Chemtrailgefahren oder Autismus durch Impfen.
Der SPIEGEL muss nicht über die Scheidung Thomas Gottschalks oder die neue Frisur eines Fußballers berichten.
Gemeingefährlich wird es aber dann, wenn ernst zu nehmende Medien beginnen ausgerechnet die Theorien der Dorfdeppen aufzugreifen und erregt zu ventilieren.
Ein Land verblödet, wenn Politiker und Medien beginnen echten Schwachsinn wie den Creationismus als ernste Theorie zu behandeln.


Daher ist es auch unverantwortlich, wenn beinahe jede Woche Talkshows des öffentlich-rechtlichen Fernsehen AfD-Hetzer einladen und ihre Märchen von der „Messermigration“ verbreiten lassen, während die Kriminalität in Deutschland jedes Jahr sinkt.

Ein ausgesprochen verstörendes Beispiel dieses politischen und medialen Versagens erlebten wir in Hamburg angesichts der absolut nicht skandalösen Vorgänge an der Ida-Ehre-Schule.
Die AfD zündelte, produzierte einen Pseudoskandal und als die ersten Funken erschienen sprang sofort das FUNKE-„Abendblatt“ auf den Zug, ließ das Feuer zum Entzücken der AfD richtig auflodern.
Noch unrühmlicher als die konservative Zeitung war die Schulbehörde, die ebenfalls bereitwillig über das von den Ultrarechten hingehaltene Stöckchen sprang.


Das passiert leider immer wieder – bevor auch nur eine Minute recherchiert wird, greifen auch Medien mit richtigen Rechercheuren und Journalisten abstruse Themen auf, die eigentlich nur das Thema von Dorfdeppen in ihren ekeligen Filterblasen sind.

Also bitte erst mal nachdenken, bevor man hysterisch Öl ins Feuer gießt.

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