Freitag, 15. August 2014

Wie klein Fritzchen sich das vorstellt.


 Das ist schon nicht ganz einfach Meldungen über paramilitärische Zwischenfälle in der Ostukraine zu deuten.
Racheengel Poroschenko, der es drastisch mag, erklärt der Welt die Ukranische Armee hätte einen russischen Militärkonvoi weggebombt.
Der Sprecher der russischen Armee erklärt so einen Konvoi habe es gar nicht gegeben.
Bildmaterial gibt es nicht.
Die deutschen Putinisten sind natürlich sicher, daß Poroschenko lügt, während die meisten anderen Medien ohne irgendwelche Belege davon ausgehen, daß „die Russen“ lügen.
„Vom Gefühl her“ neige ich eher zur russischen Variante der Darstellung, weil ich extreme Antipathie für den Oligarchen Poroschenko hege.
Allerdings ist „mein Gefühl“ kein relevantes Kriterium.
Man mag sich darüber wundern, daß ein derart intensiv überwachtes Gebiet, über dem dicht an dicht russische, europäische und amerikanische Aufklärungsdrohnen und Satelliten umherschwirren für den verwirrten TV-Zuschauer Terra Incognita bleibt.
Aber wir kennen das ja schon vom MH17-Absturz, daß Russen und Amerikaner anhand ihrer geheimdienstlichen Auswertung der Spionagebilder eine Theorie zum Tathergang vorlegen, die jeweils andere Seite schwer beschuldigen, dann aber die Beweise, die sie angeblich haben, nicht vorlegen.
Ehrlicherweise muß ich sagen, daß ich natürlich auch nicht weiß was an der umkämpften Ukrainischen Grenze vor sich geht.
Dabei hatte man noch bei George W.s Irakkrieg und der Rumsfeldschen Methode des „embedded journalists“ gedacht, daß Kriegszensur wenigstens in Zukunft kaum noch möglich sein wird, weil die Menschen inzwischen mit so guter privater Kommunikationstechnik ausgestattet sind, daß ohnehin jeder Vorfall an die Medien durchgestochen wird.

Ganz so einfach ist es aber nicht.
Selbst im Hochtechnologieland Israel – vermutlich die Internetaffinste Nation der Welt – gibt es ganz selbstverständlich Zensur. Eine Zensur, die mitunter zu grotesken Fehlinformationen der Weltöffentlichkeit führt.

Rund 60 Mitarbeiter inklusive freiwilliger Helfer hat die Behörde von Sima Vaknin-Gil. Ihre Aufgabe ist nicht ganz alltäglich: Vaknin-Gil ist seit 2006 Chefin der israelischen Militärzensur. In Krisenzeiten herrscht dort Hochkonjunktur - noch vor vier Jahren kam die Abteilung laut "Spiegel" mit der Hälfte der Beschäftigten aus. Israelische Medien legen hier alle relevanten Berichte vor, die sogenannte operative Informationen über das israelische Militär, seine Einsätze und seine Ausrüstung enthalten. Auch Berichte über das israelische Nuklearprogramm werden hier geprüft. […]

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‚Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit‘
(Senator Hiram Johnson)
Wenn so viele widersprüchliche Meldungen kursieren, ist es natürlich sehr viel einfacher eine feststehende Meinung zu haben; ein Weltbild, in dem die Rollen für Schurken und Gute fest verteilt sind.
Man kann sich dann auf die passenden News-Meldungen beschränken und sich daran erfreuen wie richtig das eigene Urteil ist.

Menschen funktionieren so.
Man erkennt das sehr schön an dem Konsumverhalten der Amerikaner bei ihren Nachrichtensendern.
Alle Fachleute sind sich einig, daß die besten und seriösesten Informationen bei Al Jazeera America zu bekommen sind und dafür FOX-News geradezu manisch die Wahrheit meidet und zu einer reinen Lügenmaschine degeneriert ist.
Fox beschäftigt Sarah Palin als Expertin (sic!) und vertritt die Ansicht, der Weihnachtsmann sei auch jeden Fall ein Weißer.
Und Fox hat 100 mal so viele Zuschauer wie Al Jazeera America.

Das Gemeine an der Medienwelt ist, dass die Mediennutzer Qualität oft nicht so honorieren, wie die Medienunternehmer sich das vorstellen. Zum Beispiel Al Jazeera America. Wer sich über den Konflikt in Gaza informieren will, kann das im amerikanischen Fernsehen am besten bei dem Ableger des Senders aus Katar. In der Nachrichtensendung um 13 Uhr bringt er erst einen langen Bericht über eine palästinensische Familie, deren drei Kinder bei einem Anschlag schwer verletzt wurden. Die Kameras halten auf die blutverklebten Gesichter. Es folgt ein Experteninterview, der Korrespondent wird zugeschaltet. Kurz darauf kommt Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu bei einer minutenlangen Übertragung einer Pressekonferenz ausführlich zu Wort. Mehr als Al Jazeera America berichtet derzeit niemand über Gaza.
Dem Sender hat das viel Lob eingebracht, zum Beispiel vom Aktivistennetzwerk Asian Pacific Americans for Progress und von anderen Journalisten. Überhaupt: Lob von Experten gibt es viel. Journalisten des Kanals haben zahlreiche Preise gewonnen, darunter zwei der prestigeträchtigen Peabody Awards. Allerdings findet das Ganze, trotz bescheidener Erfolge seit der Gaza-Krise, weitestgehend ohne Publikum statt. […]  Der Reuters-Kolumnist Jack Shafer fragt gehässig, was seltener sei: ein Einhorn oder ein Al-Jazeera-America-Zuschauer? Laut dem Marktforscher Nielsen schalten in der Hauptsendezeit im Schnitt gerade einmal 15000 Menschen ein. Zum Vergleich: Quotenkönig Fox News kommt im Abendprogramm auf durchschnittliche 1,6 Millionen.
[…] Al Jazeera America betont zwar, wie amerikanisch der Sender ist, aber es bleiben der Name und das Logo: verschlungene arabische Schriftzeichen, nirgends ein Sternenbanner. Der erzkonservative Moderator Glenn Beck nennt den Sender die Stimme des Feindes. Medienexperten sagen, dass es der Sender auch deshalb schwer hat, in den USA Werbekunden zu finden, die haben Angst, dass das Image abfärbt. Auch Werbekunden sind manchmal nicht fair.
(Kathrin Werner, SZ vom 11.08.2014)

Homo homini lupus.

Mit einem Weltpublikum gesegnet zu sein, welches strikt vermeidet das eigene Gehirn zu benutzen und stattdessen billiger Meinungsmache anhängt, haben es die Spindoktoren leicht.
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Unglücklicherweise geht es den Regierenden auch nicht anders als den Regierten. Statt sich ernsthaft um Aufklärung zu bemühen, sich gemeinsam an einen Tisch zu setzen und konstruktive Lösungen zu erarbeiten, betreiben sie Weltpolitik, wie sich das Klein Fritzchen vorstellt.

Ja, es etabliert sich eine humanitäre Katastrophe im Osten der Ukraine und ja, wir kennen nicht genau Putins Motive für den Hilfskonvoi aus 180 weißen LKWs.
Mit einiger Sicherheit kann man annehmen, daß Russland versucht sein Image aufzupolieren, während Arseni Jazenjuk, der Russland hasst wie die Pest, geradezu mit Schaum vorm Mund versucht eben dies zu verhindern. Er will keineswegs das Bild vom bösen Iwan ankratzen lassen.

Amerikaner und EU sitzen derweil schmollend abseits und beschäftigen sich mit Argwöhnen, Spekulation und Propaganda.

Wieso zum Teufel haben nicht die von der Leyens Europas, die doch offensichtlich fähig sind binnen Stunden große Mengen Hilfsgüter und „nicht letales Gerät“ nach Erbil zu fliegen, nicht sofort im Kreml angerufen und ihre Unterstützung des LKW-Konvois angeboten?
Es könnten sich doch deutsche, französische und britische LKWs mit „Wasser und Salz“ den Russen anschließen und mit ihnen gemeinsam über die Grenze fahren.
Den Ostukrainern wäre geholfen, man würde wieder ins Gespräch mit den Russen kommen und könnte ganz elegant nebenbei ein Auge drauf werfen, was genau in den weißen Lastern transportiert wird.
Es spricht ja einiges dafür, daß es tatsächlich nur Hilfsgüter sind, da russisches Militär so eine auffällige Aktion gar nicht nötig hätte. Separatisten kontrollieren hunderte Kilometer der Ukrainisch-Russischen Grenze. Dann KÖNNTE russisches Militär so viele LKWs rüberschicken wie es will, ohne daß Arseni Jazenjuk irgendetwas mitbekommt.

Aber nein. Zu konstruktiven Maßnahmen ist im Westen offenbar keiner fähig.
Stattdessen ist Brüssel voll beschäftigt mit der Sandkastenversion des Konflikts.

Sie starteten mit Sanktiönchen, die niemand wehtaten. Als sie ausgelacht wurden, gab es mehr Sanktiönchen bis Russland Gegensanktionen verhängte.
Daraufhin verschärften EU und USA noch mal ihre Sanktionen.
Natürlich aber nur da, wo es nicht tatsächlich weh tut.
Frankreich liefert noch den Milliardenteuren Hubschrauberträger an die Russische Marina und auch das Weiße Haus, das zähnefletschend stärkere Sanktionen von der EU verlangt, macht natürlich bei der eigenen Wirtschaft Ausnahmen, wenn es an richtiges Geld geht.

Ungeachtet der US-Wirtschaftssanktionen gegen Russland hat der amerikanische Ölkonzern ExxonMobil mit seinem Partner Rosneft eine Ölbohrung in der russischen Arktis begonnen.
[….Das ist] bemerkenswert, denn der Rosneft-Konzern und dessen Chef Igor Setschin stehen auf der "schwarzen Liste" jener Firmen und Manager, gegen die die USA Sanktionen verhängt haben. Ob ExxonMobil von der US-Regierung eine explizite Genehmigung eingeholt hatte, mit den Bohrungen beginnen zu dürfen, blieb unklar. Es darf aber als wahrscheinlich gelten.  […]

Die harten Hunde in Brüssel und Washington beschäftigen sich stattdessen mit dem „Apfelkrieg“.
Um die EU zu ärgern hatte Putin die Einfuhr von frischen Lebensmitteln nach Russland eingeschränkt.
Betroffen davon sind insbesondere Polen und Griechenland, die auf ihrem Obst sitzen bleiben.
Und auch die Hamburger Apfelbauern – das „Alte Land“ in Hamburg ist das viertgrößte Obstanbaugebiet Deutschlands – befürchten einen Preisverfall.
Sie liefern zwar kaum Äpfel nach Moskau, aber der Markt könnte überschwemmt sein und so die Preise drücken.

Können Putins Bürger nun nie wieder Obst essen?
Und was passiert in Russland?
Nun genau das, was sich auch Klein Fritzchen schon vorher vorstellen konnte.
Es gibt so etwas wie Globalisierung. Ganz selbstverständlich beziehen wir Hamburger unsere Braeburn-Äpfel aus Neuseeland und Spargel aus Argentinien und Erdbeeren aus Südafrika und Kräuter aus Israel – obwohl das alles auch vor unserer Haustür wächst.
Die hochsubventionierte EU-Agrarwirtschaft ist berüchtigt dafür die Landwirtschaft anderer Kontinente mit ihren Kampfpreisen zu zerstören.
Da ihr nun der Absatzmarkt Russland abhandenkommt, springen innerhalb von Stunden andere Lieferanten ein.

Brüssel ist mal wieder TOTAL überrascht. So wie Brüssel auch total überrascht war, daß der Kreml nicht nach den verhängten Sanktionen sofort klein beigab, die Krim wie eine heiße Kartoffel fallen ließ.
So wie Brüssel auch überrascht war, daß Moskau Gegenmaßnahmen ergriff.

Nun freuen sich Obstbauern in Nordafrika und Südamerika, daß ihnen ein neuer Markt in den Schoß gefallen ist. Die EU schäumt, weil ihre Sandkasten-Strategie nicht funktioniert.

Putin verhängt einen Importstopp für Produkte aus der EU - und keine 24 Stunden später stehen manche Länder Schlange, um russische Supermarktregale zu füllen. Die Beamten in Brüssel sind sauer.
[…] Ägypten werde seine Agrarlieferungen an Russland um 30 Prozent steigern, hieß es nach dem Treffen, und so die entstandene Lücke zumindest zum Teil füllen.  In Brüssel ballt man angesichts solcher Meldungen die Faust in der Tasche. Schon in den vergangenen Tagen hatten sich russische und außereuropäische Medien mit Meldungen überschlagen, dass Agrar- und Lebensmittelexporteure aus Lateinamerika, aber auch aus China Schlange stehen würden, um Lücken in russischen Supermarktregalen zu füllen. Besonders sauer stieß in der Kommission aber eins auf: dass die Botschafter Chiles, Ecuadors und Uruguays nicht einmal 24 Stunden warteten, ehe sie sich mit den russischen Lebensmittelbehörden zusammensetzten, um Marktchancen auszuloten.
[…] Doch der Kommission sind die Hände gebunden. Eine legale Handhabe gegen die Lieferung von Waren nach Russland gibt es nicht. Man müsse darüber hinaus aber ehrlich sein gegenüber sich selbst: "Business is business" - und das bedeute, dass europäische Unternehmen sicher auch zugeschlagen hätten, wenn brasilianische Produkte vom Markt genommen worden wären. […] Ein erstes Echo hat Ecuadors Staatschef Rafael Correa bereits vorgetragen: "Wir werden nicht um Erlaubnis fragen, ob wir einem befreundeten Land Lebensmittel liefern können", sagte er. Und: "Soweit ich weiß, ist Lateinamerika nicht Teil der Europäischen Union. Jedenfalls noch nicht", fügte er spöttelnd hinzu. […]


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