Mittwoch, 22. Februar 2017

Modern Times.

Wenn man so ein Geront wie ich ist, fällt es einem zunehmend schwer sich an Neuerungen der modernen Zeiten zu gewöhnen.
Zum Beispiel hänge ich immer noch der irrigen und altertümlichen Ansicht an, daß bedeutende Amtsträger, die einer großen Lüge überführt werden, irgendeine Art der Konsequenz spüren müßten.

Dabei sollte ich es besser wissen.
Zwischen 2001 und dem Beginn des Irak-Krieges 2003 gaben Präsident George W. Bush und seine Leute öffentlich fast 1000 Falschaussagen über den Irak von sich. Der Präsident selbst log innerhalb von zwei Jahren immerhin 232 mal öffentlich.

[…..] "In short, the Bush administration led the nation to war on the basis of erroneous information that it methodically propagated and that culminated in military action against Iraq on March 19, 2003," reads an overview of the examination, conducted by the Center for Public Integrity and its affiliated group, the Fund for Independence in Journalism.
According to the study, Bush and seven top officials -- including Vice President Dick Cheney, former Secretary of State Colin Powell and then-National Security Adviser Condoleezza Rice -- made 935 false statements about Iraq during those two years.
The study was based on a searchable database compiled of primary sources, such as official government transcripts and speeches, and secondary sources -- mainly quotes from major media organizations.
The study says Bush made 232 false statements about Iraq and former leader Saddam Hussein's possessing weapons of mass destruction, and 28 false statements about Iraq's links to al Qaeda.
Bush has consistently asserted that at the time he and other officials made the statements, the intelligence community of the U.S. and several other nations, including Britain, believed Hussein had weapons of mass destruction. [….]

Nachdem weder die proklamierten Massenvernichtungswaffen gefunden, noch die amerikanischen Soldaten mit Blumen begrüßt und schon gar nicht die Kosten des Krieges durch Irakisches Öl wieder reingeholt wurden, wählten die Amerikaner im Herbst 2004 GWB zum zweiten mal zum US-Präsidenten.

GWB log aber absichtsvoll und gezielt. Er wollte damit den Irakkrieg starten.

Genauso blauäugig wundere ich mich auch immer noch darüber, daß die größten deutschen Polit-Lügner Ursula von der Leyen, Wolfgang Schäuble und Thomas de Maizière nach wie vor in den Top Ten der beliebtesten Politiker stehen.

Selbst wenn man derartig dreist wie Schäuble von Rednerpult des Bundestages auf auf eine direkte Frage (nach angenommenen Geldkoffern) den versammelten Souverän anlügt, wird man in Deutschland anschließend sogar noch zum Finanzminister, Reservekanzler und hochkompetenten Minister promoviert.

Ich erinnere mich sogar noch an meine Empörung in der Schulzeit, als ich im Gemeinschaftskundeunterricht das erste mal das von Konrad Adenauer verwendete geflügelte Wort „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern“ las.
Dabei war der Satz des Crystal-Meth-Konrad gar nicht so blöd wie ich damals dachte.
Er hatte lediglich den preußischen Kulturpolitiker Friedrich Althoff zitiert, der beifügte „Es kann mich doch niemand daran hindern, jeden Tag klüger zu werden“.
Aufgrund neuer Erkenntnisse flexibel zu reagieren und nicht an alten falschen Annahmen festzuhalten, die überholt wurden, ist in der Tat schlau.
Weil dieses Zitat aber frech und schlau klingt, wurde es in der Folge auch von Franz-Josef Strauß verwendet, der aber schlicht und ergreifend log.

Manche Kritiker machen es sich zu leicht beim Lügen-Detektieren.
Politiker auf prognostische Aussagen festzunageln, ist ein bißchen armselig.
Strenggenommen stellten sich Aussagen wie „mit mir wird es keine Maut geben, ich bekenne mich zur Wehrpflicht, die CDU wird die Laufzeit der AKWs verlängern“ als Lügen heraus, aber da bin ich milde gestimmt, da sie dem Wahlkampf geschuldet sind.
Wähler wollen diese Festlegungen – auch wenn sie selbst wissen könnten, daß man als Regierung nicht alles ausschließen, respektive für ewig festlegen kann.

Ich vermute, Merkel wollte tatsächlich nie eine Antiausländer-Maut oder eine Herdprämie. Sie wog aber ab, was ihr mehr schaden würde: Ein Wortbruch und etwas Geraschel im Blätterwald oder immerwährender Krieg mit der CSU.
Ein Kanzler muß so denken.

Donald Trump tut aber etwas völlig Neues.
Er lügt nicht taktisch, nicht rational, nicht absichtsvoll.
Er lügt einfach grundsätzlich. Zudem lügt er sehr schlecht, indem er sich ununterbrochen selbst widerspricht.

[….] Trump does not simply have “a running war with the media,” as he so indecorously and disrespectfully spouted off while standing on the hallowed ground before the C.I.A. Memorial Wall. He is in fact having a running war with the truth itself. [….]
Donald Trump is a proven liar. He lies often and effortlessly. He lies about the profound and the trivial. He lies to avoid guilt and invite glory. He lies when his pride is injured and when his pomposity is challenged.
Indeed, one of the greatest threats Trump poses is that he corrupts and corrodes the absoluteness of truth, facts and science. [….]

Ich kenne diese psychiatrische Macke Trumps inzwischen. Aber ich bin leider so altmodisch mich immer noch über die ausbleibenden Konsequenzen zu wundern.
Die Washington Post factcheckt die ersten 100 Tage der Trump-Präsidentschaft und dokumentierte schon in den ersten 33 Tagen 133 Trump-Lügen.

[….] Ob "alternative Fakten", Massaker, die es nie gab, oder frei erfundene Vorfälle in Schweden - die Regierung Trump hat ihre ganz eigene Beziehung zur Wahrheit.
Die "Washington Post" hat nun nachgezählt: Demnach hat der US-Präsident allein seit seinem Amtsantritt 133 falsche oder irreführende Behauptungen in den Raum geworfen. Das sind knapp vier Unwahrheiten pro Tag.
[….] Thematisch gehe es dabei in den meisten Fällen um Einwanderung (24), um Trumps eigene Biografie (18) und um Arbeitsplätze (17). Auch hier zeigt sich Trumps Vorliebe für Twitter: 34 Unwahrheiten verbreitete der Präsident über den Kurznachrichtendienst, bei 31 handelte es sich um einzelne Anmerkungen, 24 der 133 Aussagen waren Teil einer vorbereiteten Rede.   Es gab keinen Tag ohne Falschaussage, berichtet die Zeitung. An vier Tagen log Trump sogar mehr als sieben Mal. [….]

Das massenhafte Lügen schadet dem US-Präsidenten nicht, weil die meisten Amerikaner den seriösen Medien, die diese Lügen aufdecken, ohnehin nicht trauen.

[…..] It’s also well-known that our popularity has plummeted. The latest Gallup poll finds that only 32 percent of adults “trust the mass media,” down from 55 percent in 1999. In another Gallup poll, which asks slightly different questions, the media’s standing seems even lower. Only 20 percent expressed strong confidence in newspapers, 21 percent in TV news and 19 percent in Internet news. […..]

Trump kann vermutlich ungeniert weiterlügen, daß sich die Balken biegen.
Seine Anhänger feiern ihn dafür und bekanntlich reichte die Zustimmung von absolut gesehen knapp einem Fünftel der Amerikaner um Präsident zu werden.
Trumps rechte Verschwörungstheorie-Anhänger sind für klassische Medien nicht erreichbar. Sie gucken weder CNN, noch lesen sie Washington Post oder die New York Times.

[….] Etliche Konservative finden Trumps Generalkritik an den Medien großartig, weil sie diese Medien weder mögen noch nutzen.
Der Machtkampf zwischen Trump und vielen Journalisten eskaliert so schnell, dass schon nach vier Wochen kaum noch verbale Steigerungsmöglichkeiten denkbar sind. Früher war es schwer für einen Präsidenten, gegen eine geschlossene Medienfront zu arbeiten. Trump aber regiert in einer Zeit, in der sich viele Wähler von den Fakten abwenden, wie sie in traditionellen Medien dargestellt werden. Trumps Fans setzen lieber auf Vertrauen denn auf Wissen. Solange Trump Millionen Alt-und-Neu-Konservativen vorgaukelt, er sei der echte Revolutionär, dürften diese Menschen unerreichbar bleiben für Leitartikel, Fakten, Investigation.
Trump profitiert von einer Entwicklung, die schon in den Neunzigern begonnen hat: Viele konservative Amerikaner fanden damals, die Leitmedien seien zu links. Also zogen sie sich zurück auf Fox News, Talk-Radio, rechte Webseiten. Sie bekamen nicht mehr Differenziertheit, sondern mehr Ideologie, Polemik und Verschwörungstheorie. So ist eine zweite Öffentlichkeit entstanden, mit anderen Meinungen und eigenen Fakten. Es gibt demnach keinen Klimawandel, dafür angeblich Horden von Ausländern und Terroristen, die das Land überrennen. [….]

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