Samstag, 15. Dezember 2018

Als ich mal Kapitalist werden wollte – Teil II

Wenn ich auf mein Geburtsdatum gucke ist eins klar: Die längere Zeit meines Lebens liegt hinter mir.
Gesundheitlich geht es bergab, Kinder, die ich später mal anbetteln könnte, habe ich nicht.
Die öde Begriff Alterssicherung, dieses unglaublich spießige Wort, nichts könnte weniger sexy sein, spukt in meinem Kopf herum.
Das war wirklich ein Vorteil ein Jugendlicher zu sein. Solche Begriffe spielten keine Rolle. Man kannte sie entweder gar nicht, oder aber man assoziierte sie nicht mit einem selbst.

Soweit war ich schon vor ein paar Monaten, als ich mich deswegen um einen Immobilienkredit bemühte.

Wohnungen werden immer teurer, die Mieten steigen. Das wird auch jeden Tag in den Zeitungen beklagt.
Aus Immobilienkäufersicht steigen die Mieten aber noch viel zu wenig, oder, umgekehrt formuliert: Die Kaufpreise steigen viel schneller als die Mieten.

Inzwischen werden mir für 400 Euro kalt vermietete Anderthalbzimmerwohnungen, 40 qm, Nordseite, ohne Balkon in mittelguten Gegenden in maroden Zustand, 4. Stock ohne Lift angeboten, für die 163.000,- aufgerufen werden. Macht über 180.000,- mit Kaufnebenkosten.
Auch wenn man 180.000,- bar rumliegen hätte und keinen Kredit aufnehmen müsste, ist die Rendite erbärmlich. Schließlich muß man als Vermieter ca die Hälfte des Hausgeldes zahlen. Es blieben also etwa 300 EURO monatliches Einkommen, das man auch noch versteuern muss.
Außerdem kommen in so einem alten Haus laufend Instandsetzungsarbeiten hinzu. Gut möglich, daß von den 3.600 EURO Mieteinnahmen in Jahr auch mal ein großer Teil als Sonderumlage für bessere Fenster, eine Dachsanierung oder eine neue Heizungsanlage draufgeht.
Das klingt nicht wie eine lohnende Investition für kleine Leute, die davon ihren Lebensabend absichern wollen.

Ein Besuch bei meinem Steuerberater brachte mich auf neue Ideen.
Steuerlich am ungünstigsten sind Einkünfte aus Gewerbebetrieben, weil dann zusätzlich Gewerbesteuer anfällt, Einkünfte aus Vermietung und Verpachtung dürften in meinem Fall etwa mit 40% versteuert werden. Das Beste wären Einkünfte aus Kapitalvermögen, die mit pauschal 25% Abgeltungssteuer veranschlagt werden. Ach ja, das Modell Quandt. Einfach besitzen, Däumchendrehen, für Nichtstun kassieren und dann auch noch viel weniger Steuern zahlen, als jeder, der dafür arbeiten muss.
Meine Unmutsäußerungen über das System nahm er lächelnd hin; der Staat greife eben auf die zu, derer er habhaft werden könne. Wir wären sein Fußvolk, das nicht abhaue. Das Kapital aber schon. Das verschwände einfach, wenn es zu hoch besteuert würde.
Das ist die eigentliche Perversion:
Die steuerliche Bevorzugung eines Milliardärs gegenüber einer Krankenschwester ist ungerecht, aber tatsächlich der beste Deal, den der Staat für sein Fußvolk rausholen kann. Solange nicht ALLE Nationen der Erde eine gemeinsame Steuerpolitik machen (=nie), kann der Multimilliarden-Jetset im Gegensatz zur Aldi-Kassiererin oder dem Grundschullehrer  immer dahin gehen, wo er am wenigsten zahlen muss.
25% von einer Milliarde sind für den Staat natürlich besser als 50% von nichts.

Also Aktien und Finanzprodukte? Sollte das etwas für mich sein?
Bisher hatte ich das immer aus grundsätzlichen moralischen Überlegungen ausgeschlossen. Es ist asozial Gewinne aus einem Unternehmen abzuziehen, für das ich gar nicht arbeite, während die Mitarbeiter nicht an den Ausschüttungen beteiligt werden.
Allerdings lese ich seit Jahren über „ethische Investitionen“. Es gibt Finanzprodukte, die ausdrücklich nicht in Rüstungsfirmen oder Nahrungsmittelspekulanten investieren.
In Skandinavien gibt es schon gesetzliche Regelungen, nach denen Rentenfonds nur in ESG-Geldanlagen (Environment (E), Social (S), Governance (G)) investieren dürfen. Gemeint sind damit nachhaltige Aktionen.
In Deutschland sind wir noch lange nicht so weit, da investieren auch Kirchen in Waffengeschäfte und Gentechnik.

Aber ich könnte doch vorangehen und meine paar Kröten sozial und ökologisch anständig investieren.

Cornelia Füllkrug-Weitzel, Präsidentin von „Brot für die Welt“ und Schatten-Entwicklungshilfeministerin unter Peer Steinbrück 2013 bietet so etwas an.

[…..] Andererseits glaube ich, dass Menschen durchaus eine Sehnsucht haben zu teilen, und gar nicht so begeistert sind, dass jeder nur noch nach sich selbst strebt. Zum Beispiel haben wir das Konzept für einen Investmentfonds entwickelt, der sich konsequent an ethischen, sozialen und ökologischen Kriterien orientiert. Der investiert nur in Firmen, die Menschenrechte, Umweltstandards, Mitbestimmung garantieren. Auch bei uns hatten viele Sorgen, ob das überhaupt laufen wird. [….]

Aktien kann ich nicht am Kiosk kaufen, also bat ich erneut um einen Beratungstermin in der Bank.
Diesmal war ich in der Deutschen Bank. Nicht aus Liebe zu dem Institut, sondern weil sie nach wie vor die Größte ist und überall ihre Finger drin hat. Wenn der Deutsche Bank-Chef irgendwo anruft, wird er auch durchgestellt.

Ich bilde mir nicht ein selbst Börsianer zu sein, sondern brauche einen Banker, der sich damit auskennt.

Zunächst einmal die guten Nachrichten: Ich wurde von zwei Beratern wirklich sehr nett und höflich empfangen. Mit Kaffee und Gebäck in einem gemütlichen Büroraum. Beide waren geduldig und hörten sich all meine Laien-haften Fragen an:

Wie viel verdienen SIE an einer Aktientransaktion? Welches Risiko besteht für mich? Werde ich immer informiert? Mit welchen Gewinnen kann ich rechnen, wenn ich vorsichtig bin? Was passiert, wenn ein Handelskrieg ausbricht?

Aktienmärke sind aber nicht nur Geld, sondern bekanntlich auch Psychologie und Politik. Gesunde Unternehmen mit nachhaltig erwirtschafteten Gewinnen und glücklichen Mitarbeitern können ebenfalls in große Schwierigkeiten kommen, wenn Trump Amok läuft, wenn Italien den Euro in den Abgrund reißt, wenn Zollschranken hochgezogen werden, wenn ein ungeregelter Brexit Panik an den Märkten verursacht, wenn ein Handelskrieg angezettelt wird oder wenn der Nahe Osten so explodiert, daß die Ölpreise verrücktspielen.

Mit Aktien kurzfristige Gewinne zu erzielen ist Kleinstinvestoren nicht möglich.
Ich sollte einen langen Atem von mindestens zehn Jahren haben und nur Geld investieren, daß ich aktuell nicht brauche.
Aha! Von den paar Millionen Euro, die ich vielleicht noch in einer Sofaritze finde, sollte ich also nur die Hälfte dem Deutsche-Bank-Berater „zum Spielen“ geben.
A propos, eine Vermögensberatung bei der Deutschen Bank, die alle Märkte im Blick hat und einen Mix anbietet, der bis zu 100% Aktien beinhalten kann, wird angeboten ab EUR 250.000!

Statt auf diese nebensächliche Petitesse einzugehen („nein, ich habe nicht gerade zufällig eine Viertelmillion Euro rumliegen, die ich gar nicht brauche“), blieb ich tumb sitzen und ließ mir noch mehr Zahlen zeigen. Wenn man schon mal da ist…


Graphik 1 zeigt, daß praktisch weltweit jeder Mensch im Jahr 2018 Geld mit Aktien verloren hat. Es ging überall bergab. Hauptsächlich wegen politischer Irritationen und nicht aufgrund mieser Geschäfte.

Ich gab mich immer noch als potentieller Millionär und verkündete, das wäre aber nicht gerade eine Werbung dafür ebenfalls in Aktien zu machen.
„Doch, doch!“, denn die zehn Jahre davor wäre es schließlich immer bergauf gegangen und gerade weil nun alles nach unten zeige, wäre es besonders günstig einzusteigen.
Aha, so denken also Banker, die mit dem Geld anderer Leute spekulieren.

Außerdem könne ich ein aktiveres Modell wählen, bei dem ich selbst jedes einzelne Investment bestimmte. Das müsse ich sogar tun, da in der DB-Vermögungsberatung keine ESG-Kriterien berücksichtigt werden. Wenn ich also nicht in Amazon oder Rheinmetall investieren wolle, müsste ich schon jeden einzelnen Deal selbst anschieben.
Das immerhin, könne sich lohnen, da die DAX-Mitglieder ganz unterschiedlich „performten“.


Aha, der mit Abstand schlechteste Performer, mit über 50% MINUS im letzten Jahr ist übrigens die Deutsche Bank.
Da war ich ja offenbar bei genau dem richtigen Institut gelandet.

Als der gute Mann immer mehr mit eingedeutschten Englisch um sich warf und begann sich selbst zu übersetzen, griff ich noch mal kurz ein.
„Ich bin übrigens US-Amerikaner, Sie brauchen nicht ins Deutsche zu übersetzen.“

-      Ach, das hört man ja gar nicht, haben Sie zwei Pässe?
-      Nein, nur den US-Pass
-      Dann können wir nichts für Sie tun.

Kein deutsches Geldinstitut darf für US-Staatsbürger aktiv werden. Danke Trump. Da ich aber nur über solche Institute überhaupt Geldmarktprodukte erwerben kann, hat sich das Thema „Anlagen“ grundsätzlich erledigt.
Das ist für mich rechtlich nicht möglich.

Da wurde die Gesichter sehr lang, nun blieben nur noch „Einlagen“.
Während ich noch an orthopädische Schuhe dachte, erklärte die freundliche Dame, ihr Institut zahle 0,01% Zinsen auf Geldeinlagen.
Es gäbe aber kurzfristige Zinsgeschäfte, die ich über das Onlinebanking ansehen könne. Da bekäme ich für bestimmte Zeiträume auch mal 0,5% Garantie-Zinsen.

Nun bin ich zum zweiten Mal leider nicht Kapitalist geworden.

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