Sonntag, 28. August 2016

Falsche Weichenstellung – Teil II

"Ist das richtig?" fragt der Klempner, "in dieser Wohnung soll ein Rohrbruch sein?"
"Bei uns ist alles in Ordnung!" antwortet die Hausfrau.
"Merkwürdig! Wohnen denn hier nicht Kunzes?"
"Kunzes? Die sind doch schon vor einem halben Jahr umgezogen!"
"War ja wieder einmal klar! Erst bestellen sie die Handwerker, und dann ziehen sie Hals über Kopf aus!"


Da natürlich auch in Hamburg alle drei Meter eine Baustelle ist, können sich Handwerker aussuchen wo und zu welchen Bedingungen sie arbeiten möchten.
Das betrifft aber auch verwandte Berufszweige wie beispielsweise Architekten.
Vermutlich wäre es einfach jemand zu finden, der einem das Außenalster-Palais für 100 Millionen Euro entwirft, aber ohne jetzt zu viel Persönliches von mir preiszugeben: Solche Aufträge entsprechen nicht ganz meinem Bankkonto.
Letztes Jahr brauchte ich aber einen Architekten für ein professionelles Aufmaß einer 2-Zi-Wohnung. Wohnflächen- und Grundflächenberechnung. Ein Job, der eine gute Stunde Ausmessen und dann noch mal zwei Stunden Berechnungen erfordert.
Es dauerte Wochen bis ich jemand für so einen Mini-Job fand. Kein Architekt wollte sich für sowas hergeben. Am Ende schickte mir ein Architekturbüro seine Azubis, die allerdings so  viele Fenster und Türen vergaßen, daß sie insgesamt drei Mal wiederkommen und nachbessern mußten. Kostenpunkt 870 Euro brutto.
870 Euro, um am Ende einen Din-A-4-Zettel mit einem Wohnungsgrundriss zu haben.
Schlimmer war, daß ich auch noch für den Austausch eines Dachfensters zu sorgen hatte.
Ein nahezu aussichtsloses Unternehmen.
Am Anfang war ich noch so naiv, daß ich die Firma anrief, die das betreffende Fenster einst eingebaut hatte. Eine große bekannte Hamburger Firma mit über 100 angestellten Tischlern.
Über sechs Monate wurde ich immer wieder versetzt, nicht zurückgerufen, in Warteschleifen verbannt, bis mir schließlich eine entnervte Person in deren Büro mitteilte, sie hätten schließlich über 100 Mitarbeiter, da könne ich nicht erwarten, daß ich mit nur einem Fenster oben auf der Prioritätenliste stünde.
Nun ja, daß ich nicht „ganz oben“ stand, hatte ich mir angesichts der verstrichenen sechs Monate schon selbst ausgerechnet.
Aber inwiefern hängt die Erledigung meines Auftrages mit der Mitarbeiteranzahl zusammen?
Und vor Allem: Wenn ich so ein kleiner Fisch bin, daß der Auftrag ohnehin nicht übernommen wird, wieso werde ich dann so lange hingehalten?
Hätte man mir nicht bei der ersten Kontaktaufnahme schon sagen können, daß ich mich nach einer anderen Fenstertischlerei umsehen solle?
Das erinnert an diese Arztpraxen, in denen man sowieso immer mindestens drei Stunden warten muß, weil die Halbgötter in Weiß vor lauter Panik mal zwei Minuten keinen Patienten zu haben und damit auch nicht maximal zu verdienen, den Terminplan vierfach vollfüllen? Und nein, das liegt offenbar nicht in der Natur der Sache. Es gibt sogar Orthopäden und Zahnärzte, also Fachrichtungen, die akute Fälle einschieben, die ihre Praxen so führen, daß man nicht warten muß.

Klar ist den Handwerkern aufgrund der derzeitigen Auftragslage egal, ob irgendwelche Kleinkunden vergrätzt werden.
Außer der Hinhaltepraxis gibt es noch die Methode sich Kunden mit grotesken Kostenvoranschlägen vom Hals zu schaffen.
So wie der Münchener, der in seinem Badezimmer insgesamt 10 Quadratmeter Fläche neu gefliest haben wollte und dafür laut KVA 21.000 Euro zahlen sollte.

Hat man als Auftraggeber keine Ausweichmöglichkeit, weil es beispielsweise um Elektrik am Haus-Hauptsicherungskasten geht, an die man selbst bei entsprechenden Knowhow gar nicht rankäme, muß man sich eben weiter weg umsehen.
Die in der Stadt beheimaten Gewerke haben es nicht nötig.
Während ich mich einfach nur ärgere, wird der Handwerkermangel für professionelle Bauherren zunehmend zum Problem.

Viele Handwerksbetriebe wollen sich für Kleinaufträge wie den von Franz Schermer nicht mehr die Hände schmutzig machen, weil sie gerade viel größere Räder drehen können. Der Bau- und Modernisierungsboom hat die Branche wählerisch gemacht. [….]
Auch die Wohnungsbauunternehmen berichten, dass die Suche nach Handwerkern schwieriger wird. "Da die Auftragsbücher beim Wohnungsbau vielerorts voll sind, finden gerade mittlere und kleinere Wohnungsunternehmen - darunter auch viele Wohnungsgenossenschaften - entweder keine oder häufig nur teure Handwerker-Angebote", sagt Axel Gedaschko, Präsident des Bundesverbands deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen.

Wer ist schuld?
Konservative Politiker, wie so oft.
FDP/CDU/CSU setzen sich immer noch hartnäckig für Meisterzwang und Innungswesen ein.
Das schafft den Gewerken die Konkurrenz vom Hals und ermöglicht Preise von 60 Euro exklusive Mehrwertsteuer für die Malerstunde.
Wer den Mindestlohn von EUR 8,50 verdient, muß also länger arbeiten, um sich eine Stunde Malermeister für EUR 71,40 PLUS Anfahrt PLUS Material leisten zu können.

Wer ist  - nach Ansicht der Handwerker – schuld?
Die Auftraggeber. War ja klar.

Die heutige Generation der Erben habe höhere Ansprüche, sagt der Chef einer Malerfirma
Dieses Strukturproblem gibt Franz-Xaver Peteranderl auch unumwunden zu. Der Präsident der Bayerischen Baugewerbeverbände moniert jedoch auch, dass die Verbraucher falsche Vorstellungen entwickelt hätten. "Man kann nicht erwarten, dass der Handwerker einen Tag nach der Auftragserteilung zu arbeiten beginnt." Das gleiche sagt auch Carl-Heiner Schmid, der von Reutlingen aus Deutschlands größten Malerbetrieb führt. "Ich stelle fest, dass wir es gerade mit einer Generation der Erben zu tun haben, deren Ansprüche gestiegen sind. Deshalb werden die Renovierungszyklen immer kürzer."

Ich sage es ja schon länger: Kapitalismus kaputt.
Diejenigen, die von Aufträgen leben, beschweren sich darüber zu viele Aufträge zu bekommen.
Schmeißt mich bald auch mein Gemüsemann aus dem Laden, mit der Begründung er habe mir doch erst letzte Woche Kartoffeln und Tomaten verkauft?

Hieß es nicht immer bei Christian Lindners Neoliberalen der Markt regele das? Das freie Unternehmertum passe sich der Nachfrage an?


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