Sonntag, 1. November 2015

Impudenz des Monats Oktober 2015

Und schon wieder einmal zeigt der Kalender eine „1“ - hohe Zeit für mich den Blödmann des Monats zu küren.

Den Titel bekommt im Oktober die Ideologie der Grenze.


Immer mehr Europäer glauben 30 Jahre nach „Schengen I“ an die Wiedererrichtung von Grenzanlagen, mit NATO-Draht bewehrten Zäunen und menschenundurchlässigen Sperren als Allheilmittel.

Die zugrundeliegende Idee des Grenzwahns ist die Fiktion man könne alles Fremde aussperren und dann in einer homogenen Umgebung leben.
Wir kennen das Prinzip als amerikanischen „gated communities“, in denen ein dahergelaufener Schwarzer schon mal erschossen wird, weil er dort fremd ist.
Nicht anders ist die zunehmende innerstädtische Abschottung zu verstehen. In Hamburg werden Luxuswohnhäuser mit „Concierge“ geplant, so daß Fremde nicht hereingelassen werden.

Die Methode kann schon deswegen nicht funktionieren, weil die Definition des Fremden subjektiv ist.
Da ich über keine nationalen oder patriotischen Gefühle verfüge, ist mein Maßstab am ehesten die Stadt Hamburg, die mir so vertraut ist wie kein anderer Ort.
Aber auch hier empfinde ich vieles als im negativen Sinne „fremd.“

Dazu gehören beispielsweise die vielen Bälger, die gestern in billigen REWE-Kostümen hier klingelten, weil es irgendwelchen Marketingstrategen geschafft haben zur Konsumankupplung den amerikanischen Halloween-Wahn nach Deutschland zu bringen.
Fremd sind mir auch grölende Fußballfans oder Teenager-Kohorten, die wie Zombis auf ihre Smartphone-Displays starrend durch die Straßen wanken.
Das sind für mich fremde Einflüsse, die ich nicht mag, aber selbstverständlich akzeptiere.


Hamburg ist andererseits die Stadt mit den zweitmeisten Konsulaten der Welt; durch den Hafen gibt es hier eine Jahrhundertealte Multikulti-Geschichte. 40% der Hamburger haben einen „Migrationshintergrund“ – um da widerliche Wort zu benutzen.
Ladeninhaber, Architekten oder Kardiologen im UKE-Herzzentrum sind hierzulande sehr oft relativ dunkelhäutig und mit komplizierten Nachnamen versehen. Das ist für mich sehr vertraut und im positivsten Sinne fremd.
Björn Höcke, Horst Seehofer und Lutz Bachmann sehen das sicher anders.
Was der eine als fremd und ausgrenzungswürdig empfindet, ist für den nächsten ein Wohlfühlfaktor. Ich finde es super, daß mein Blumenhändler und sein Ehemann keine Spießer sind, daß meine Gemüseverkäuferin Litauerin ist und mir viel aus dem Baltikum erzählt.
Grenzen zu ziehen muß schon deswegen misslingen, weil man sich gar nicht darüber einig werden kann, wen man eigentlich ausgrenzen möchte.
Säße ich mit den Transitzonen-Adepten Seehofer, de Maizière und Spahn zusammen, würde ich dafür plädieren Syrer, Iraner und Iraker einzugemeinden und dafür Sachsen und Bayern auszusperren.


Paula Wessely und Attila Hörbiger waren bis zu ihrem Lebensende die unumstrittenen Stars des Wiener Burgtheaters.
Als sie im Jahr 2000 im Alter von 93 Jahren starb, wurde ich von einer österreichischen Freundin fast erschlagen, weil ich ihre NS-Propaganda-Vergangenheit erwähnte.
In dem anti-polnischer Superkassenschlager-Propagandafilm „Heimkehr“ von Gustav Ucicky aus dem Jahr 1941 spielt Wessely zu Goebbels Freude eine der perfidesten NS-Rollen aller Zeiten. Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek hält „Heimkehr“ daher für den übelsten Film überhaupt und widmete ihm ihr weltberühmtes Theaterstück „Burgtheater“.
Wesselys ultraberühmter Monolog, als sie im Gefängnis von deutscher Homogenität phantasiert, stellt für mich den ultimativen Alptraum dar.
Ich möchte den Youtube-Link (1:41 Minuten) ungern verlinken, weil es sich dabei um einen immer noch verbotenen Film handelt.
Aber wenn man „Paula Wessely in "Heimkehr" 1941“ bei Youtube eingibt, bekommt man den Ausschnitt sofort.

Vermutlich ist das Verbot sogar gerechtfertigt, wenn man sich vorstellt, wie Höcke, Marcus Pretzell, Festerling und Co mit genau diesem Denken reüssieren.

"... Ja da möcht ich drauf schwör'n, daß das so sein wird Leute. Heimkommen werden wir bestimmt, ganz bestimmt. Irgendwie werden wir heimkehren. Warum soll denn das nicht sein ?–, es ist doch alles möglich. Und das ist nicht nur möglich, das ist gewiß. Zuhause in Deutschland, da sind sie ja jetzt nicht mehr schwach und den Leuten dort ist es nicht egal wie's uns geht, im Gegenteil, ach das hat mir Fritz immer gesagt, sie interessieren sich sehr für uns und warum sollten wir da nicht heimkehren dürfen? –, wenn wir nur wollen!
Denkt doch bloß Leute, wie das sein wird, denkt doch bloß, wenn so um uns rum lauter Deutsche sein werden, und nicht wenn du in einen Laden rein kommst, daß da einer jiddisch redet oder polnisch, sondern deutsch. Und nicht nur das ganze Dorf wird deutsch sein, sondern ringsum rundherum wird alles deutsch sein. Und wir, wir werden so mitten im Herzen sein von Deutschland. Denkt doch bloß Leute, wie das sein wird. Und warum soll das nicht sein.
Auf der guten alten warmen Erde Deutschlands werden wir wieder wohnen, daheim und zuhause. Und in der Nacht, in unseren Betten, wenn wir da aufwachen aus dem Schlaf, da wird das Herz in seinem süßen Schreck plötzlich wissen, wir schlafen ja mitten in Deutschland. Daheim und zuhause.
Und ringsum ist die tröstliche Nacht, und ringsum da schlagen Millionen deutsche Herzen und pochen in einem fort leise; daheim bist du Mensch, daheim bei den Deinen. Und uns wird ganz wunderlich sein ums Herz, daß die Krume des Ackers und das Stück Lehm und der Feldstein und das Zittergrass und der schwankende Halm der Haselnußstaude, die Bäume, daß das alles deutsch ist, die ja alle zugehörig sind zu uns, weil's ja gewachsen ist auf den Millionen Herzen der Deutschen die eingegangen sind in die Erde und zur deutschen Erde geworden sind. Denn, wir leben nicht nur ein deutsches Leben, sondern wir sterben auch einen deutschen Tod.
Und tot bleiben wir auch deutsch und sind ein ganzes Stück von Deutschland, eine Krume des Ackers für das Korn der Enkel. Und aus unseren Herzen da wächst der Rebstock empor in die Sonne. Und ringsum singen die Vögel und alles ist deutsch, alles, Kinder, wie unser Lied. Woll'n wir's nicht singen grade jetzt, unser Lied, weil wir es grade spüren, so wie wir es in der Schule gelernt haben, hm?“
(Monolog der Marie Thomas im Gefängnis)

Das ist die Apotheose eines eingegrenzten Landes, in dem völkische Homogenität herrscht.
Und wir wissen alle wie das endete.

Und heute träumen CDU und CSU von Transitzonen, die nichts anderes als Internierungslager für alles Fremde sind und eine Totaleinzäunung Deutschlands bedeuten.

Nach dem gescheiterten Flüchtlingsgipfel hat der stellvertretende SPD-Vorsitzende Ralf Stegner der Union vorgeworfen, mit „Schäbigkeitswettbewerben“ nur Rechtsextremisten zu nützen. „Die CSU will immer noch exterritoriale Transitzonen, die, egal wie man das verbrämt, Internierungslager sind“, sagte Stegner am Sonntag.

Immerhin muß man heute Sigmar Gabriel dankbar sein Seehofer und Merkel ein klares „Nein“ zu dem Plan entgegen geschleudert zu haben.

Neben der Schwierigkeit sich zu einigen was genau man aus- und eingrenzen soll und will, bleibt bei dem Thema ein gerüttelt Maß an Heuchelei.
Denn diese Grenzen, von denen CDU, CSU, AfD und NPD träumen sollen ja nur für andere Menschen gelten.

Sich selbst wollen die Grenzbesessenen ausnehmen und weiterhin reisen, ohne irgendwo in einem Zwischenlager interniert zu werden.

Und schon gar nicht sollen diese neuen Grenzen für all die Methoden gelten, mit denen wir Deutschen anderen Länder ausbeuten und die Gründe zu fliehen exportieren.


Warum können Produktionsstätten, Finanzströme und Märkte alle Grenzen überwinden, nur Menschen und Arbeitskräfte nicht?

Und selbst das Menschen-Aufhalten klappt in der modernen Zeit nicht mehr.
Wir treiben damit Unschuldige, Darbende und Versehrte ins Meer und sehen zu wie sie ersaufen.
Oder aber wir machen Schlepper reich, die für genügend Geld Papiere und Flugtickets besorgen.

Was also spricht, jenseits des Notstands, für offene Grenzen? Seit den Achtzigerjahren wird die Idee in drei Versionen diskutiert und propagiert, in einer radikalen, einer wirtschaftlichen und einer ethisch-politischen Version. Die radikale Auffassung, um mit ihr zu beginnen, verlangt schlicht, die Grenzen vollständig aufzuheben.
Die Gründe: Migration sei nie zu verhindern, egal welche Zäune und Mauern man errichtet. Mit dem Wegfall der Kontrolle müsste keiner mehr die Flucht mit dem Leben bezahlen. Zugleich entfalle das kriminelle Schlepperunwesen und auch jede inländische Grauzone der Illegalität. Die befürchtete Masseninvasion sei eine Einbildung - historische Beispiele (Wegfall der deutschen Mauer, Öffnung der Grenze zwischen Indien und Nepal, europäische Freizügigkeit) zeigten, dass nach einem erstem Ansturm der Strom abebbt. Offene Grenzen erlaubten Migranten, problemlos zwischen Zielland und Heimatland zu reisen, sie müssten sich also nicht mehr an das einmal erreichte Zielland klammern.

Es sind praktische, technische und ökonomische Gründe, die gegen die Errichtung von Grenzen sprechen. Auch die Sozialethik verbietet es uns das zu tun, was die ganze CSU so vehement fordert: Ausgehungerten Frauen und weinenden frierenden Kinder die Tür vor der Nase zuzuschlagen.
Dahinter steckt eine höchst fragwürdige Moral, die aus der christlichen Religion stammt: Eine „Wir sind besser als die“-Ideologie, die mit größter Selbstverständlichkeit davon ausgeht, daß einem selbst etwas zusteht, das einem Bedürftigen auch mit Gewalt zu verweigern ist.
Einziges Kriterium dafür ist offenbar der Zufall der Geburt.


Weil Horst Seehofer mit weißer Haut in Ingolstadt geboren wurde, nimmt er sich das Recht die damit verbundenen Vorzüge einem anderen Menschen, der zufällig mit dunklerem Teint in Aleppo geboren wurde zu verweigern.
Dabei ist Seehofers Verdienst an seinem Geburtsort genauso wenig vorhanden wie sein Anteil an seiner Augenfarbe oder Heterosexualität.

Am unnachgiebigsten argumentieren jene, die allein auf die Universalität der fundamentalen Moral- und Rechtsgrundsätze pochen. Exemplarisch ist die berühmte Abhandlung von Joseph H. Carens aus dem Jahr 1987 unter dem Titel "Aliens and Citizens: The Case for Open Borders", auf die sich heute viele beziehen: Ethisch gesehen, gebe es keinen Unterschied zwischen "Fremden" und "Bürgern". Das Bürgerschaftsrecht, das man in westlichen Demokratien mit der Geburt erwerbe, sei das moderne Äquivalent zum feudalen Geburtsprivileg - und ebenso wenig zu rechtfertigen.

Für mich sind das bei weitem ausreichende Gründe auf Grenzschutzanlagen zu verzichten – auch wenn dafür schwere ökonomische Verwerfungen drohen.

Tatsächlich ist aber wohl eher das Gegenteil der Fall.
Zuwanderung, Migration, kulturelle Vermischung sind ein ökonomischer Segen.
Wäre man gläubig, sollte man Gott für die vielen Menschen danken, die zu uns kommen wollen.



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