Mittwoch, 13. Dezember 2017

Lauter glückliche Menschen

Das war was letzte Nacht.
Der konservative CNN-Analyst Matt Lewis, den ich seit Jahren nur kontrolliert, ruhig und nicht eine Miene verziehend kenne, kann nicht nur lächeln, sondern richtig lachen. Da hatte einer richtig gute Laune. Seine Kollegin Ana Navarro, die als „traditional republican“ durchaus für ihre emotionalen Reden bekannt ist, ging einen Schritt weiter, indem sie gleich in der ehrwürdigen Diskussionsrunde anfing zu singen und zu tanzen – „Oh happy day.
Moderator Don Lemon, der als schwuler und schwarzer Mann in Birmingham, Alabama aufgewachsen ist, vermochte es ebenfalls nicht seine überbordende Freude zu verbergen.
Bakari Sellers, demokratischer Wahlkämpfer für den zukünftigen US-Senator Doug Jones, war so aus dem Häuschen vor Begeisterung, daß ihm fast die Tränen flossen.
NBA-Superstar Charles Barkley (*1963 in Alabama), 1993 zum Most Valuable Player gewählte Power Forward, platze fast vor Stolz auf seinen Heimatstaat. Sein leidenschaftlicher Aufruf – “I am begging and urging everybody to get out, call all your friends. We gotta, at some point, we gotta stop looking like idiots to the nation” – war erhört worden.
Noch glücklicher waren vermutlich nur die Top-Senatoren der GOP at capitol hill, als sie ahnten der Mühlstein Roy Moore werde ihnen erspart. Man konnte die tonnenschweren Steine, die ihnen von Herzen fielen, im ganzen Land aufschlagen hören. Sie werden also nicht zukünftig von einem pädophilen Widerling abhängig sein und bei jeder Wahlkampfveranstaltung entgegengeschleudert bekommen, welchen Abschaum sie in ihren Reihen dulden.
Der konservative GOP-Chef im Senat, Mitch McConnell steht ebenfalls als großer Sieger da; immerhin hatte er seit Wochen intensiv auf Trump eingeredet, er möge bloß nicht Roy Moore unterstützen – und nun Recht behalten.

Was ist also passiert, daß ganz Amerika so ungeheuer glücklich ist?

Im „redest of the red states“, dem ultrakonservativen Alabama, der den nahezu rechtsradikalen Jeff Sessions 1996, 2002, 2008 und 2014 mit klarer Mehrheit zum US-Senator wählte – zuletzt ohne Gegenkandidaten mit 97% - war nichts weniger als eine Revolution passiert.

Und dabei hatte sich Donald Trump alles so schön ausgedacht.
Jeff Sessions, 70, zum Justizminister zu machen, hatte aus seiner Sicht viele Vorteile.

Sessions ist rechts, weiß, alt und reich wie er.
Sessions sympathisiert mit dem KuKuxKlan.
Sessions ist so radikal konservativ, daß er deswegen schon als Bundesrichter abgelehnt wurde.
Sessions ist bedingungslos Trump-treu.
Sessions ist in einem Staat gewählt worden, der garantiert wieder einen rechten GOPer in den Senat schickt, wenn durch seinen Wechsel ins Justizministerium eine Nachwahl notwendig wird.

Das letzte mal wurde vor einem Vierteljahrhundert ein Demokrat in Alabama gewählt – und der wechselte nach zwei Jahren über zu den Republikanern.
Angeblich holte das DNC letztes Jahr die fünf besten Wahlkampfstrategen der USA zu einem Brainstorming zusammen, um sie einen Weg ausbrüten zu lassen, wie Demokraten in Alabama gewinnen können.
Die fünf Megastrategen kamen zu dem Schluss, es wäre unmöglich für die Demokraten auf Staatsebene in Alabama zu gewinnen.

Aber wie es scheint haben Steve Bannon und Roy Moore doch einen Weg gefunden.
Großartige Leistung!

[….] Nun hat das Volk tatsächlich gesprochen - und Trump eine bittere Niederlage beschert. Die Republikaner verlieren ausgerechnet in ihrer alten Hochburg Alabama bei der wichtigen Senatsnachwahl gegen die Demokraten. Der stramm konservative Ex-Richter Roy Moore, Trumps Kandidat, scheitert spektakulär, auch wenn er sich zunächst weigerte, die Niederlage anzuerkennen.
Zum ersten Mal seit 25 Jahren wird wohl ein Demokrat für Alabama in den Senat in Washington einziehen, der frühere Staatsanwalt Doug Jones. Letzte Hochrechnungen sehen ihn mit 49,9 zu 48,4 Prozent vor Moore. [….]

Damit komme ich zu den gestern wenig hörbaren Amerikanern, die sich nicht in den Freudentaumel einreihten.

Roy Moore selbst, ging nicht wie üblich nach Jones‘ Siegerrede vor die Presse, um zu verkünden, er habe dem Sieger gratuliert.
In einem groteskten Auftritt erklärte er, nun habe das GOTT das Wort und GOTT habe ihn noch nie enttäuscht. Gott entscheide über den nächsten US-Senator aus Alabama – sprachs, sagte einige Bibelverse auf uns wankte von dannen.
No concession, nirgends.

[….] “We know God is still in control, and we’re going to give him the credit for how this turns out, because he has been with us every step of the way,” Moore campaign chairman Bill Armistead told disappointed Moore fans at his campaign party. [….]

Armistead und Moore selbst reihten sich damit ein in das Trio der komplett Verblödeten, das sein Sprecher Ted Crockett am Tag vorher eröffnet hatte, als er bei Jake Tapper in völliger Unkenntnis der US-Verfassung behauptete, nur Christen, die auf die Bibel schwörten, könnten in ein politisches Amt übernehmen.


Crockett ist zwar sehr gutes Comedy-Material, aber man muss sich schon wundern, daß in den USA Typen wie Roy Moore nicht nur Jura studierten, sondern auch hohe Richter und Staatsanwälte werden können, obwohl sie nicht mal die banalsten Grundlagen der US-Verfassung kennen.
Ein bißchen irritierend ist es schon, wenn juristische Laien auf anderen Kontinenten, die noch nie in Amerika waren, besser über die US-Verfassung Bescheid wissen, als in Alabama studierte Richter.

Und dann ist da Dotard Trump, der einmal mehr nicht auf seine Berater hörte – noch nicht mal auf Ivanka – weil er absolut sicher ist, selbst die Wähler besser als jeder andere einschätzen zu können.
Die Trump-Vampire-Theory (He needs to leave the bat cave (WH) for sustenance (rally cries) every few weeks) at work. Bei seinen Gröl-Festspielen vor Hardcore-Fans schafft er sich seine eigene Realität, in der ihn alle lieben.

Trumps Endorsements verlieren 2017 allerdings drastisch an Börsenwert.

Ed Gillespie als Gouverneur von Virginia

[….] Trump did in fact endorse Gillespie via Twitter on Oct. 5:
Ralph Northam, who is running for Governor of Virginia, is fighting for the violent MS-13 killer gangs & sanctuary cities. Vote Ed Gillespie!
On Oct. 26, Trump added another dose of racially coded rhetoric:
Ed Gillespie will turn the really bad Virginia economy #’s around, and fast. Strong on crime, he might even save our great statues/heritage! [….]

Luther Strange als Senats-Kandidat von Alabama bei den GOP-Vorwahlen

[…..] The defeat of Sen. Luther Strange, R-Ala., in a Sept. 26 runoff election was a blow for President Donald Trump, who had endorsed Strange over his Republican rival Roy Moore. Strange’s loss even led Trump to delete several of his pro-Strange tweets shortly after the election. […..]

Roy Moore als US-Senator in Alabama.

[….] On Monday morning, President Donald Trump removed any doubt: He's 100% behind Roy Moore's Senate campaign.
"Democrats refusal to give even one vote for massive Tax Cuts is why we need Republican Roy Moore to win in Alabama. We need his vote on stopping crime, illegal immigration, Border Wall, Military, Pro Life, V.A., Judges 2nd Amendment and more. No to Jones, a Pelosi/Schumer Puppet!"
Trump followed that tweet up with a call to the embattled Alabama Republican that reportedly ended with the President urging, "Go get 'em, Roy!" [….]

Drei Trump-Wahlempfehlungen in konservativen Bundesstaaten, dreimal der Stinkefinger von den Wählern.

Und einen dicken Stinkefinger von „USA TODAY“:


[….]
A president who would all but call Sen. Kirsten Gillibrand a whore is not fit to clean the toilets in the Barack Obama Presidential Library or to shine the shoes of George W. Bush. 
This isn’t about the policy differences we have with all presidents or our disappointment in some of their decisions. Obama and Bush both failed in many ways. They broke promises and told untruths, but the basic decency of each man was never in doubt. 
Donald Trump, the man, on the other hand, is uniquely awful. His sickening behavior is corrosive to the enterprise of a shared governance based on common values and the consent of the governed.
It should surprise no one how low he went with Gillibrand. When accused during the campaign of sexually harassing or molesting women in the past, Trump’s response was to belittle the looks of his accusers. Last October, Trump suggested that he never would have groped Jessica Leeds on an airplane decades ago: “Believe me, she would not be my first choice, that I can tell you.” Trump mocked another accuser, former People reporter Natasha Stoynoff, “Check out her Facebook, you’ll understand.”  Other celebrities and politicians have denied accusations, but none has stooped as low as suggesting that their accusers weren’t attractive enough to be honored with their gropes.
If recent history is any guide, the unique awfulness of the Trump era in U.S. politics is only going to get worse. Trump’s utter lack of morality, ethics and simple humanity has been underscored during his 11 months in office. Let us count the ways: [….] [….]

Das wird nicht unbedingt dazu beitragen Trumps Vertrauen in die Presse zu stärken, aber wenn nun Presse und Aktivisten, Promis und ganze Stadtviertel gegen Trump aufstehen – der „black belt“ in Alabama hatte mit einer nie dagewesenen Wahlbeteiligung Roy Moore erledigt, weil 97% der schwarzen Frauen für Doug Jones stimmten – könnte es theoretisch sein, daß irgendwann auch die Demokraten aufwachen und nicht mehr einfach schmollend dasitzen, annehmen, sie würden ohnehin irgendwie wieder an die Macht kommen, weil „poor“ and „african americans“ sie sowieso wählten.