Montag, 13. März 2017

Nationale Befindlichkeit.

Mehrere Volksstämme zeichnen sich durch starke nationale Traumata aus.
Sie fühlen sich von der Geschichte betrogen, generell ungerecht behandelt.
Das kompensieren sie mit verbaler Großmannssucht und einer sprungbereiten Fähigkeit augenblicklich zutiefst beleidigt zu sein.
Solche Länder kompensieren eingebildete oder tatsächliche schmachvolle historische Ereignisse über Jahrhunderte.

Das Königreich Bayern, erst Anfang des 19. Jahrhunderts im Zuge der napoleonischen Neuordnung gegründet, trat 1871 dem deutschen Reich bei. Nun wurden die Wittelsbacher nach Belieben von den Preußen dominiert.
Umso lauter brüllen heutige bayerische Regenten ihren Weltmachtanspruch aus der Münchner Staatskanzlei. Mir san mir und alle sollen sich an Bayern ein Vorbild nehmen.

Extreme nationale Komplexe weist auch die sächsische Volksseele auf. Das Königreich Sachsen wurde ebenfalls 1871 Teil des deutschen Reiches. Die Wettiner Nachfolger des legendären August, des Starken (*1670, †1733, Kurfürst, Herzog von Sachsen, sowie ab 1697 König von Polen-Litauen) mußten ganz kleine Brötchen backen, während die Hohenzollern den Kaiser stellten.

Nationale Traumata überkompensieren müssen auch die immer wieder hin und her verschobenen Polen, die in ihrer Geschichte von den Hohenzollern, den Habsburgern, den Wettinern und den Russen regiert wurde.

Die Türken, Österreicher, Spanier, Portugiesen und Engländer verloren sogar Weltreiche.
Während Spanier und Portugiesen dies aber gut verkrafteten, wird der k.u.k.-Monarchie, dem osmanischen Reich und dem britischen Empire auch heute noch intensiv nachgetrauert.

Für mich bleibt es weiterhin vollkommen rätselhaft wie man sich als Individuum persönlich beleidigt fühlen kann, wenn nationale Gefühle verletzt werden.
Natürlich kann man meinen Nationalstolz nicht verletzen, weil ich keinen Nationalstolz für irgendeine Nation empfinde.


Dennoch fühle ich mich einigen Nationen subjektiv mehr verbunden als anderen.
Aber auch diese „Gefühle“ werden natürlich nicht tangiert, wenn andere auf diese Länder, respektive deren Regierung eindreschen.

(…..) In den letzten Monaten fällt mir aber eine Eigenschaft an „den Muslimen“ türkischer Abstammung auf, die mich rätseln läßt.
Kann es sein, daß es religiös bedingt ist, daß gerade Menschen türkischer Abstammung dazu neigen sehr schnell persönlich beleidigt zu sein, sich angegriffen fühlen und um ihre Ehre fürchten?
Oder ist das ein psychologisches Phänomen aller Menschengruppen, die wie die ehemaligen türkischen Gastarbeiter seit 50 Jahren diskriminiert und nicht voll anerkannt werden?
Vielleicht muß man etwas durch besonderen Stolz und Pflege seiner angestammten Kultur überkompensieren, wenn man in Schule und Beruf immer abfällig behandelt wird.

Was auch immer die Ursachen sind: Es ist mir schon sehr fremd, daß sich offenbar sogar eine große Mehrheit der in Deutschland lebenden Türken persönlich verletzt fühlt durch die Armenien-Resolution oder das Böhmermanngedicht.
Wer Erdogan beleidigt, beleidigt damit alle Türken?
Wer die Massaker an den türkischen Armeniern im Jahre 1915 Völkermord nennt, beleidigt im Jahr 2016 in Deutschland lebende Türken?

Um das klar zu stellen: Als im Exil lebender Amerikaner habe ich nicht das allergeringste dagegen, wenn amerikanische Präsidenten geschmäht und beleidigt werden, es stört mich auch nicht im Geringsten, wenn amerikanische Massaker wie in Vietnam oder auf den Philippinen, wie der Landraub an den „Native Americans“ oder die rassistische Internierung aller Japanisch stämmigen Amerikaner im zweiten Weltkrieg, wenn die Sklaverei mit den härtesten Worten verurteilt wird.

Ich fühle mich sogar immer noch partiell verantwortlich für diese Verbrechen – und zwar in dem Sinne, daß man sie eben nicht vergessen sollte.
Aber nichts davon könnte mich persönlich beleidigen.(….)

Im Falle der USA erlebe ich tagtäglich radikal-negative Äußerungen seit Trump gewählt wurde.
 Aber so what? Erstens kann ich das aus sozialen, politischen und kulturellen Gründen bestens nachvollziehen und zweitens hat Amerika keinerlei Bezug zu meinem Charakter.

Wenn einer türkischer Präsident Nazi-Vergleiche über Deutschland anstellt, finde ich das historisch und sachlich betrachtet absurd. Zudem ist es außerordentlich dreist, wenn ausgerechnet derjenige, der in der Türkei den Rechtsstaat aushöhlt, angebliche Rechtsstaatsbeschränkungen in Deutschland mit der Nazi-Keule traktiert.
Aber auch das ist selbstverständlich keine persönliche Beleidigung.
Recep Tayyip Erdoğan kann mich gar nicht beleidigen.

Viele Türken empfinden in dieser Hinsicht offenbar ganz anders und fühlen sich persönlich auf den Schlips getreten, wenn der Deutsche Bundestag ein 100 Jahre zurückliegendes Ereignis, das also 99,9999% der Menschen nicht mehr erlebt haben, politisch bewertet. Wie kann man darüber nur so in Wallung geraten? Das ist Politik auf Schwanzvergleichniveau.

Inzwischen radikalisiert sich der türkische Präsident täglich weiter.
Er bedroht direkt elf deutsche Bundestagsabgeordnete, die nun unter Polizeischutz stehen und vom Auswärtigen Amt die Anweisung erhielten nicht mehr in die Türkei zu reisen.
Merkel ließ dazu nur müde von Seibert erklären sie habe kein „Verständnis“ dafür.

Frau Kanzlerin, so geht es nicht!
Längst wären ein paar Machtworte fällig gewesen wider des sich zum Despoten entwickelnden Erdoğans.
Wenn dieser Mensch deutsche Parlamentarier und ihre Familien bedroht, muß sich die Kanzlerin unmissverständlich mit ihrer ganzen Autorität vor diese stellen.

[…] Elf türkischstämmige Abgeordnete des deutschen Bundestages werden seit der Armenien-Resolution massiv angefeindet. Nun hat das Auswärtige Amt Präsident Erdogan scharf kritisiert.
Das Auswärtige Amt hat sich mit einem Schreiben an die elf türkischstämmigen Abgeordneten gewandt, die nach der Armenien-Resolution des Bundestags massiv angefeindet werden.
Die "Kritik, Schmähungen, ja Bedrohungen" gegen die Abgeordneten seien "inakzeptabel", so das Ministerium. Man habe dem Geschäftsträger der türkischen Botschaft in Berlin "das Unverständnis der Bundesregierung über die verbalen Angriffe des türkischen Staatspräsidenten ausgedrückt", heißt es in dem Schreiben. […]

Ich weiß nicht sicher was Erdoğan antreibt, ich vermute er ist tatsächlich ein Fall für den Psychiater.
Er leidet offensichtlich unter Morbus Westerwellitis in verschärfter Form, changiert also nur noch zwischen beleidigen und beleidigt sein.

An psychologischen Erklärungen mangelt es nicht.
Gerade türkischstämmige Menschen in Deutschland sind anfällig für vermeidliche Beleidigungen aller Art, weil sie zu Recht über Jahrzehnte das Gefühl haben, hier nicht voll akzeptiert zu sein.

Merkel kennt die hysterischen Empfindlichkeiten der AKP-Türken und ihres Präsidenten. Daher verbiegt sie sich bis zur Unkenntlichkeit.
Die Herzfrequenz des Präsidenten in Ankara ist sinkt allerdings trotzdem nicht auf unter 200.

[…..] Ei­ner Er­he­bung im Auf­trag der Uni Müns­ter zu­fol­ge füh­len sich zwar im­mer­hin 87 Pro­zent der tür­kisch­stäm­mi­gen Bür­ger mit Deutsch­land eng ver­bun­den. Mehr als die Hälf­te der 1200 vor ei­nem Jahr Be­frag­ten gab al­ler­dings auch an, dass sie sich we­gen ih­rer Her­kunft als Bür­ger zwei­ter Klas­se füh­len. 83 Pro­zent wür­den dem Satz zu­stim­men, dass es sie wü­tend ma­che, wenn nach ei­nem Ter­ror­an­schlag als Ers­tes die Mus­li­me in Ver­dacht stün­den. […..]
(DER SPIEGEL, 11.03.2017)

Eine große Gruppe der Bevölkerung nachhaltig so schlecht zu behandeln, daß sie kollektiv an Minderwertigkeitskomplexen leidet und danach strebt diese Komplexe überzukompensieren, ist eine ganz schlechte Politik.

Gelegentlich ist das Volk auch mal irritiert, wenn die begnadete Kontorsionistin Merkel zeigt wozu sie ob ihres entfernten Rückgrates fähig ist.

Der Kotau vor Erdogan ist ein ungeheuerlicher Skandal: Dass sich die Bundesregierung de facto von der Armenien-Resolution des Bundestages distanziert und damit auf die Erpressung von Erdogan hin bereit ist, die feststehende Tatsache zu leugnen, dass es vor 100 Jahren in der Türkei einen Völkermord an den Armenierinnen und Armeniern gab, ist ein ungeheuerlicher Skandal. Eine Regierung, die sich von den USA zu Sanktionen gegen Russland, zum Wegsehen gegenüber dem Ausspähen ihrer Bürgerinnen und Bürger durch einen amerikanischen Geheimdienst und nun auch von Erdogan erpressen lässt, gibt ihre Eigenständigkeit und Souveränität in beachtlichem Umfang auf. Und wozu das Ganze? Weil Erdogan anderenfalls nicht erlaubt, dass Bundestagsabgeordnete die auf einem türkischen Militärstützpunkt stationierten Bundeswehrsoldaten besuchen. Es gibt auch eine souveräne Reaktion auf Erdogans Erpressung: Die Stationierung wird beendet. Im Übrigen ist dieses Verhalten der Bundesregierung gegenüber dem Bundestag grundgesetzwidrig. Der Bundestag steht über der Bundesregierung, sie ist ihm rechenschaftspflichtig und wird von ihm kontrolliert. Sie hat nicht das Recht, ihn zu negieren, zu missachten.

Ich wundere mich, daß sich die aufgebrachten Linken und Grünen jetzt so wundern.
Wer hat denn ernsthaft erwartet, daß Merkel gegenüber der Türkei auf einmal knallhart und konsequent wird? Einknicken kann sie wie keine Zweite.
„Abhören unter Freunden geht gar nicht“ und dann nahm sie achselzuckend weiter das Treiben der NSA hin, will den Fall noch nicht mal aufklären lassen, weil sonst Washington verstimmt sein könnte. Daher hält sie die Selektorenliste unter Verschluss und wagt es nicht Ed Snowden einzuladen.
Erdogan hat zudem mit 2,5 Millionen Flüchtlingen das ultimative Druckmittel in der Hand. Selbstverständlich wirft sie sich also vor ihm in den Staub und küsst ihm so lange die Füße bis er zufrieden ist. (….)

Was also tun?
Merkel kann den Unterwürfigkeitslimbo gegen Erdoğan nicht gewinnen.

Das ist insbesondere dann ein Problem, wenn in Deutschland drei Millionen Türkischstämmige wohnen, von denen ein erheblicher Teil (60%??? Keiner kennt genaue Zahen) mit großem Enthusiasmus Erdoğan unterstützt.
Besser wäre es, wenn die hier lebenden Menschen keine Komplexe kompensieren müssten, weil sie eben nicht bei Wohnungsgesuchen oder Lehrstellen immer aufgrund ihres Nachnamens übergangen werden.
Der Türkische Präsident ist nicht zur Raison zu bringen, aber wenn endlich „unsere türkischen Mitbürger“ umarmt und aktiv gefördert würden, könnte man sie als Alliierte im Kampf um die türkische Demokratie einsetzen.
Es müssen viel mehr Türken in öffentlich sichtbare Vorbildfunktionen. Sie sollen deutsche Minister, Generäle, Popstars, Künstler, Influencer werden.
Immerhin einen anatolisch-stämmigen deutschen Parteichef gibt es schon.

CDU und CSU tun aber wieder einmal das Gegenteil des Richtigen; setzen auf mehr Ausgrenzung und Zurückweisung.
Nur so kann man Norbert Röttgens katastrophale und infame Forderungen zur Doppelstaatsbürgerschaft verstehen.

 [……] Röttgen? Erinnert sich jemand? [……] Jetzt meldet er sich mit der Forderung zurück, die doppelte Staatsangehörigkeit abzuschaffen. Der Ärger um Auftritte türkischer Politiker in Deutschland zeige, wie schlecht "in Deutschland lebende Türken" integriert seien im Land. Wirklich?
Röttgen tut so, als fühlten Einwandererkinder sich eher zu Hause in Deutschland, wenn sie sich zwischen dem deutschen Pass und dem der Eltern entscheiden müssten. Natürlich ist das Unfug. Das Entweder-oder nationaler Zugehörigkeit fördert bei jungen Leuten oft eher den trotzigen Rückzug aufs Fremdsein. […..]


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