Montag, 19. Juni 2017

Weil ich ein Hamburger bin.

Hamburg ist reich an Migranten. Deshalb ist Hamburg kulturell und finanziell reich.
Als Hamburger reagiert man nicht verängstigt auf Dunkelhäutige und andere Idiome wie die Dresdner, sondern man fühlt sich bereichert.
Stolz und Protz sind dem Hamburger nicht so wichtig, daß er es übermäßig zur Schau stellt. Und weil Hamburger in die Welt hinausgehen, überhöhen sie sich nicht selbst, verschließen nicht die Augen vor den eigenen Schwächen, wissen um die Arschloch-Quote unter ihnen.

Eine Stadt mit einer derartig multikulturellen Bevölkerung weiß aber durchaus zu definieren was eigentlich ein echter Hamburger ist.
Dabei gilt es vier Typen streng zu unterscheiden.

Quiddjes sind zugezogene Hamburger wie Olaf Scholz, der zwar in Hamburg aufwuchs und über 50 Jahre in Hamburg lebt, aber in Osnabrück geboren wurde.

Gebürtige Hamburger ist man durch Geburt in der Hansestadt.

Geborener Hamburger darf man sich nur nennen, wenn bereits alle Großeltern in Hamburg lebten und somit beide Elternteile gebürtige Hamburger sind.

Hanseaten blicken auf Vorfahren zurück, die seit Jahrhunderten geborene Hamburger sind und sich ehrbar für ihr Hamburg einsetzten.

Leider bringe ich es nur zum „gebürtigen Hamburger“, obwohl meine Mutter sogar geborene Hamburgerin war, da mein Vater bloß ein Quiddje war.

Ein Fremder wie Alexander Smoltczyk (* 1958 in Berlin) weiß diese Dinge nicht so genau und so ist es wohl zu erklären, daß ihm eine derart misslungene Titelgeschichte im aktuellen SPIEGEL unterlief.

Hauptstadt Hamburg. Einschlag ins Kontor
G-20-Gipfel, Olympia-Debakel, Schifffahrtskrise, aber zum Trost die über allem strahlende Elbphilharmonie: wie Hamburg voller Stolz mit seiner neuen Rolle im Mittelpunkt fremdelt. […..]
(Alexander Smoltczyk, 17.06.2017)

Ich ahnte gar nicht wie hanseatisch ich denke bis ich diese unsinnige SPIEGEL-Titelgeschichte las. Nun wird mir aber klar, daß man wohl erst mit Jahrzehntelanger Erfahrung versteht was eigentlich Hamburg ausmacht.
Nicht jedenfalls das, was Smoltczyk sieht.

[…..] „Hamburg schaut verzückt auf die Spiegelfläche der Elbphilharmonie und entdeckt sich als Kulturstadt“, heißt es da. Worin nun aber, außer Elphi und G20-Gipfel, das „neue Hamburg“ bestünde, wird nicht so ganz klar. Der Stadt wird „eine stille Sehnsucht, groß rauszukommen“ attestiert. Der Feinstaub aus den Schiffsdieseln wird moniert und der neue Handelskammer-Chef gefeiert.
Die „Rote Flora“ wird als „Kirche des Antikapitalismus“ gepriesen, die Schanze als Zentrum einer „hippiesken Anarchie“ bewundert. Heinz Strunk, der kürzlich ein recht teures Restaurant vor Ort eröffnete, erklärt, dass es in der Schanze gar keine Gentrifizierung gebe („Schaut euch mal die ganzen Penner hier an!“). [….]

Eine bizarre Themenauswahl, um Hamburg zu charakterisieren.

Quiddjes befragen Quiddjes. Der Berliner Smoltczyk zitiert den Heilbronner Rainer Moritz vom Literaturhaus und den Langquaider (zwischen Regensburg und Landshut) Tobias Bergmann von der Handelskammer.
Ein Schwabe und ein Bayer erklären wie Hamburger denken?

[….] Ham­burg schaut ver­zückt auf die Spie­gel­flä­che der Elb­phil­har­mo­nie und ent­deckt sich als Kul­tur­stadt. Rai­ner Mo­ritz, der Lei­ter des Li­te­ra­tur­hau­ses, hat da so sei­ne Zwei­fel. Nicht nur, weil er ge­bür­ti­ger Schwa­be ist. „Ham­burg war dop­pelt ge­de­mü­tigt, durch die Kos­ten­ver­schlep­pung und durch die ab­ge­schmet­ter­te Olym­pia­be­wer­bung. Jetzt ist al­les ver­ges­sen, und man kann sich selbst fei­ern“, sagt Mo­ritz. „Denn die Stadt hat, bei al­ler gern zur Schau ge­stell­ten Zu­rück­hal­tung, eine stil­le Sehn­sucht, ganz groß raus­zu­kom­men.“

Ob die El­phi-Be­geis­te­rung Wel­len zieht und sich auf an­de­re Kul­tur­be­rei­che aus­wirkt, das wer­de man ab­war­ten müs­sen: „Die Elb­phil­har­mo­nie ist bis­her eine At­trak­ti­on des Or­tes. Und Ham­burg ist nicht über Nacht zu ei­ner Stadt der Mu­sik­con­nais­seu­re ge­wor­den, die jahr­zehn­te­lang un­ter­drückt wor­den sind.“ [……]
(DER SPIEGEL, 17.06.2017)


Nein, Herr Moritz, Hamburger kompensieren keine Minderwertigkeitskomplexe, weil sie eben nicht wie Dresden, Detroit oder Berlin vergangenem Ganz hinterhertrauern und/oder zeitweilig unter Bedeutungsverlust leiden.
Hamburg war nie Residenzstadt, wir sind die größte Stadt Europas, die nie Hauptstadt war. Hier regierte nie ein Fürst oder König.

Für Hamburger ist es Teil der Identität sich nicht auf andere zu verlassen und selbst zu machen.
So wurden wir sehr reich und erfolgreich.

Die Kostenverschleppung bei der Elbphilharmonie konnte daher auch niemand demütigen. Sie war ärgerlich und lächerlich. Es gab auch einen Schuldigen, nämlich den unfähigen Beust-Senat.
Schon gar nicht wurden wir durch die gescheiterte Olympiabewerbung gedemütigt, sondern ganz im Gegenteil. Wir waren mehrheitlich sehr erfreut durch das Votum wider die Olympischen Spiele.
Die Spiele in Hamburg abzuhalten war eine Idee von außen, die geborenen und gebürtigen Hamburgern eben nicht behagte.

Man muß wohl auch aus dem kleinen Heilbronn kommen, um „eine stille Sehnsucht groß rauszukommen“ in die Hamburger zu projizieren.
Das wollen wir gerade NICHT. Das ist der Kern des Hanseatischen Understatements, daß wir nicht anderen sagen wollen wo es lang geht, daß wir uns nicht überhöhen.
Und seit wann wurde die Musik in Hamburg unterdrückt?
Es gibt große Orchester in Hamburg, eine stets ausverkaufte Laeiszhalle, die Hamburger Symphoniker, das NDR Sinfonieorchester und die vielen live-Bühnen in der Hamburger Pop/Rock/Punk/Alternative-Szene sind legendär.

Die Indie-Rock, Punk, Grunge, Pop-Diskurspop-Szene in Hamburg ist so fruchtbar und erfolgreich, daß sich der Begriff „Hamburger Schule“ eingebürgert hat.
Jochen Distelmeyer, Blumfeld, Kante, Tocotronic, Deichkind, Beginner, Fjarill, Ruben Cossani, Niels Frevert, Michel van Dyke, Sono, Selig, Schiller, Felix de Luxe, Michy Reincke, Sterne, Fettes Brot, …

Nein, hier wurde die Musik nicht Jahrzehntelang unterdrückt.