Freitag, 26. Januar 2018

Eide

Zugegeben; oft fühle ich mich alt. Und zwar alt in dem Sinne, daß mir Dinge wichtig sind, die nachfolgende Generationen gar nicht mehr interessieren.
Immer öfter taucht beispielsweise der verächtlichen Ausdruck „Bildungstapete“ für Bücherwände auf. Die brauche doch heute keiner mehr.
Dabei ist das Lesen auf Papier die beste Möglichkeit Informationen zu erlangen.
Andererseits sind mir viele Dinge, die für Jugendliche unverzichtbar sind, herzlich egal. Ich lebe ohne Klugtelefon, ohne Digitalkamera, ohne Instagram-Account und ohne Whatsapp. Ich habe noch nie ein Computerspiel gespielt und habe nicht die geringste Ahnung was „Gamer“, die „online zocken“ eigentlich tun.

Es gibt aber auch bestimmte Dinge, bei denen ich mich nach wie vor als sehr modern empfinde und nur staunen kann wie altmodisch „der Mainstream“ denkt.
Religion halte ich für mittelalterlich. Nach der Aufklärung, also vor über 200 Jahren, sollten wir diese unsinnige Konstrukt aus den Zeiten, als vortechnologische Menschen in einer primitiven Hirtenkultur über Sklavenhalterei und das Ermorden von Erstgeborenen schwadronierten, längst hinter uns gelassen haben.
Ich staune auch über im Jahr 2018 praktizierte Geschlechterrollen.
Trump übergibt alle wichtigen Posten ausschließlich an weißhaarige Männer und bewertet Frauen mit einer optischen 1-10-Skala, weitgehend nach ihrer Busengröße.
In Deutschland verdienen Frauen 20 Prozent weniger als Männer und wenn britische Konservative zu einer Spendengala laden, sind die Gäste 100% männlich und lassen sich von tief dekolletierten Mädels im Minirock bedienen.

[….] Schon das Konzept der Spendengala hat es in sich: Eingeladen sind nur Männer. In diesem Jahr waren es rund 360 Honoratioren, wie die "Financial Times" anhand der Tischordnung ermittelte: Investment-Banker und Immobilien-Besitzer ebenso wie hohe Politikfunktionäre und Prominenz aus der Unterhaltungsbranche. Die Kleiderordnung war konservativ - schwarzer Anzug und Krawatte sind selbstverständlich.
Frauen, die in den Top-Etagen der britischen Gesellschaft durchaus ihren Platz haben, waren nicht geladen. Frauen hatten die Initiatoren eine andere Rolle zugedacht. Sie sollten dafür sorgen, dass es den Gästen an nichts fehlt. Und natürlich galt auch für sie eine strenge Kleiderordnung: High Heels, extrem kurzer Rock und eine knapp geschnittene Bluse mit tiefem Ausschnitt.
Die für die Auswahl der 130 jungen Hostessen zuständige Agentur machte sogar dezidierte Angaben zur Farbe der Unterwäsche (schwarz). Bei den Bewerbungsrunden kamen zudem nur Frauen zum Zug, die den gängigen Schönheitsidealen (von Männern) entsprechen: schlank, groß und hübsch anzusehen. [….]

In welchem Jahrhundert leben wir noch mal?
Frauen dürfen nicht katholische Priesterinnen werden, dürfen nicht selbstständig über ihren Uterus entscheiden. Verrückt.

Wieso gibt es im Jahr 2018 auch in seriösen Zeitungen Tageshoroskope?
Wie kommen Teens und Twens des 21. Jahrhunderts auf die Idee sich mit Sternzeichen und Astrologie zu beschäftigen?
Dabei ist der komplette Unsinn schon seit Jahrhunderten debunked.

Warum schneiden Millionen Menschen ihren neugeborenen Kindern Teile der Genitalien ab? Und wieso erlaubt der deutsche Bundestag das ausdrücklich?

Ich verstehe auch nicht den antiquierten Ehebegriff nicht, rätsele schon seit 30 Jahren was vernünftige Menschen dazu bringt altbackene Hochzeitsrituale mit Brautstraußwerfen und abstrusen Dresscodes nach zu inszenieren.
Wozu sollte man sich coram Publico Monogamie versprechen und weshalb sollte eine Ehe zu zweit moralisch wertvoller als eine Dreier- oder Viererbeziehung sein? Wieso müssen solche Konstrukte heterogeschlechtlich sein und nachdem sie das nun in Deutschland glücklicherweise nicht mehr sein müssen, sage ich den Schwulen: Schön, daß ihr heiraten dürft, aber warum zum Teufel wollt Ihr überhaupt dieses Spießermodell nachmachen?

Außerdem empfinde ich es als Selbstverständlichkeit öffentlich die Wahrheit zu sagen.
Was ist das für ein Quatsch sich durch Schwüre, Eide, Erklärungen und Hand auf die Bibel legen, Spezialsituationen zu erschaffen, in denen man angeblich nun wirklich nicht mehr lügt?

Als Uwe Barschel im September 1987 öffentlich sein EHRENWORT gab, empfand ich es schon als doppelt-absurd.
Wer greift überhaupt zu so einer pathetischen altbackenen Methode und wer glaubt, daß die schon vorher allzu offensichtlichen Lügen dadurch wie von Zauberhand glaubwürdiger und wahrer würden?


Seit über 30 Jahren ist also diese Form der öffentlichen Ehrenbezeugung überholt und dennoch schwören Politiker immer wieder voller Pathos “so wahr mir Gott helfe” – einen sinnlosen Nachsatz.
Kriminelle Lügner mit diesem mittelalterlichen Firlefanz einzuschüchtern ist für mich der Inbegriff von „altmodisch“.

In Amerika wird nun ernsthaft diskutiert, ob Donald Trump „under oath“ bei Ermittler Mueller aussagt.


Das ist ernsthaft eine Meldung.
Trump log nach aktuellem Stand während seiner Präsidentschaft bereits 2.140 mal.

[….] One year after taking the oath of office, President Trump has made 2,140 false or misleading claims, according to The Fact Checker’s database that analyzes, categorizes and tracks every suspect statement uttered by the president. That’s an average of nearly 5.9 claims a day. [….]

Erst kürzlich fanden die Feierlichkeiten zum “Lie Two K”-Milestone statt und noch immer ermüdet der US-Präsident nicht.


Wer kann nur so altmodisch sein zu glauben, unter Eid würde dieser Liar in Chief nun schlagartig die Wahrheit sagen?

[….] US-Präsident Donald Trump hat vor Journalisten im Weißen Haus angekündigt, dass er bereit sei, sich in den Ermittlungen zur sogenannten Russlandaffäre unter Eid vernehmen zu lassen. "Ich freue mich darauf", sagte Trump. [….]
(SPON, 25.01.2018)

Ich bin eindeutig zu modern eingestellt, um einen Funken Hoffnung zu haben „under oath“ könne Trump veranlassen nicht mehr zu lügen.

Dazu müßte er zumindest strafrechtliche Konsequenzen fürchten und er sollte überhaupt wissen was eine Lüge ist.
Er glaubt aber über dem Gesetz zu stehen und lügt pathologisch, auch wenn er sich damit noch so offensichtlich selbst widerspricht.