Donnerstag, 11. Januar 2018

Ein Zuschauer – Teil II

Der klassische politische Fernsehjournalismus funktioniert nicht mehr.
60 Jahre lang funktionierte es so, daß TV-Journalisten über Länder/Umstände/Themen berichteten, von denen die meisten Zuschauer nichts wußten. Sie lieferten Hintergrundinformationen, Erklärungen, persönliche Einschätzungen und befragten andere Fachkundige nach deren Einschätzungen.
So lernte der Zuschauer und konnte sich ein immer besseres Bild machen.

Schon vor dem Internetzeitalter und den unseligen sozialen Netzwerken, begann die Unsitte immer öfter nicht den Experten und Betroffenen das Wort zu geben, sondern Studiopublikum einzuladen und die Deppen im Publikum auch zu befragen.
Der nächste Schritt war die in Frühstücksfernsehen und Boulevardsendungen so beliebte Straßenumfrage.
Jede Boulevardzeitung macht das inzwischen.
Statt selbst zu recherchieren und gut bezahlte Journalisten und Dokumentare zu bezahlen, können die Sender/Zeitungschefs nun eine Menge Geld sparen und viel Content erzeugen. Man schicke den unbezahlten Redaktionspraktikanten mit einer Kamera in die nächste Fußgängerzone und lasse ihn inhaltslose O-Töne einsammeln, in denen die Befragten in der Regel tumb ins Rotlicht grinsend erklären nichts zu wissen.
Heute lief in meiner Bankfiliale NTV während ich am Schalter wartete. Es ging um Bitcoins. Der Studiomoderator schickte seine Reporterkollegin los, die in Geschäften, auf der Straße jeden fragte was ein „Bitcoin“ sei. Niemand wußte es, einige wenige konnten immerhin sagen „virtuelle Währung“.
So vergingen die Minuten und ich war anschließend kein bißchen schlauer.
Aber es war schön billig produziert und es wirkt vermutlich so angenehm authentisch auf den Zuschauer, der nicht belehrt werden mag. Guck mal da – die sind alle genauso blöd wie ich!

Nach Twitter, Facebook und Instagram ist politischer Fernsehjournalismus noch viel merkwürdiger geworden.
Einerseits gibt es nun technische Möglichkeiten, die Journalisten immer schneller, kompetenter und besser machen, andererseits ist ihre Glaubwürdigkeit dahin, weil jeder, der googlen kann ganz schnell in seiner eigenen Filterblase ist und es besser zu wissen meint.

 Der Zuschauer wartet nicht mehr darauf was ihm die TV-Journalisten sagen, sondern weiß schon vorher, ob er ihnen glauben wird oder nicht, weil seine Meinung unabhängig von der Realität schon feststeht.

Ein Trump-Fan „weiß“, daß MSNBC, die Washington Post, die New York Times und CNN lügen, weil dort in der Regel so über Trump berichtet wird, wie es nicht der eigenen inzestuösen Blasensicht entspricht.

Das geht soweit, daß die täglich in den CNN-panels anwesenden Trump-Fans täglich beklagen, die „biased liberal media“ (zu denen sie freilich auch CNN zählen) ließen Trumpisten nie zu Wort kommen, berichteten nicht.
Trump beklagte bei seiner legendären Pöbel-Ansprache in Phoenix, CNN übertrage ihn nie, würde die Kameras abschalten, wenn er spräche, - LIVE übertragen auf CNN.
Absurder geht es kaum.
Aber von Fox und Breitbart mit Scheiße gefütterte Trumpgläubige negieren auch die offensichtlichsten Fakten und so kann Trump täglich auf’s Neue so dreist lügen, daß es kaum noch mit regulären journalistischen Mitteln zu behandeln ist.


Warum gehen Trumpster überhaupt noch zu CNN?
Die kleineren Lichter wie Jason Miller oder Rick Santorum steigern damit ihren Marktwert und werden natürlich auch gut bezahlt.

Die höheren Tiere, die direkt für Trump arbeiten und kein Geld für ihre Auftritte erhalten, rechnen natürlich auch nicht damit durch ihre abstrusen Lügen und Unverschämtheiten typische CNN-viewer auf ihre Seite zu ziehen.
Für sie ist es aber umso wichtiger von ihrem Chef gesehen zu werden.
Der eine Zuschauer zählt. Wer Trump in quasi feindlicher Umgebung bis zur absoluten Selbstaufgabe lobt und adoriert, ist sich seines Wohlwollens sicher.

(….) Heute erschien er beim CNN-Star Jake Tapper in seiner Sonntagssendung „State Of The Union“.
Ihn erwarteten eine Menge Fragen zu seinem Chef, da in Wolffs Buch eine Fülle von Zitaten enger Trump-Mitarbeiter auftauchen, die unisono der Meinung sind, Trump habe nicht alle Tassen im Schrank und sei geistig retardiert.
Eine eigentlich nicht zu lösende Aufgabe, da die Indizien für Trumps Verblödung überwältigend sind.

[…..] Im Oval Office sitzt ein „Schwachkopf, ein Idiot“ – da sind sich nach Informationen des „Fire and Fury“-Autors Michael Wolff alle Trump-Mitarbeiter im Weißen Haus einig. [….]

Miller tat das aus seiner Sicht einzig Richtige: Er versuchte gar nicht erst inhaltlich auf die Fragen einzugehen, wich allen konkreten Themen aus und feuerte statt dessen einen Schwall Beleidigungen und Unterstellungen ab.

Die Zuschauer Tappers, die Antworten erwarteten, wurden also bitter enttäuscht.
Aber da hätte Miller ohnehin nicht gewinnen können.
Wie immer sah sich aber Trump den Auftritt live im TV an und bestätigte direkt nach der Sendung das, was Tapper mehrfach Miller konstatierte – er spreche nur für seinen einen Zuschauer – Trump.
Indem er untertänig und schleimspurziehend Trump immer wieder als „Genie“ bezeichne, bringe er diesen dazu ihn zu loben.
Und genau das geschah auch prompt. (….)

Ein Musterbeispiel für so einen „modernen Journalismus“ spielte sich gestern erneut ab.
Trumps engste politische Verbündete, die kategorische und gewohnheitsmäßige Lügnerin Kellyanne Conway, die sich selbst rühmte „alternative Fakten“ zur Realität zu nennen und als „Beweis“ für das angebliche Ignorieren des islamischen Terrors durch CNN das völlig frei erfundene „Bowling Green Massacre“ nannte, war zu Gast bei Chris Cuomo.

Cuomo, 47, promovierter New Yorker Anwalt ist Sohn des früheren Gouverneurs Mario Cuomo und Bruder des gegenwärtigen Gouverneurs Andrew Cuomo.
Bester italo-katholischer demokratischer New Yorker Intellektuellen-Adel, also das Feindbild des protzigen ungebildeten Proleten Trump.
Chris Cuomo arbeitete als Journalist für CNBC, MSNBC und bekam nun bei CNN seine erste eigene Prime-Time-Show.
Er ist natürlich viel zu erfahren und zu gebildet, um Conway ihre dreisten Lügen durchgehen zu lassen.
Es entwickelten sich daraus 24 Minuten, die man hoffentlich in Journalistenschulen genau analysieren will.

Cuomo tat alles, um Conway zu fassen zu bekommen, wies ihr nach zu lügen, unterbrach sie, wenn sie auswich, beharrte auf seinen Fragen. Er machte alles richtig, zeigte wie Profi-Journalismus geht. Anders als die stets desinteressierten deutschen Politbefrager Will, Illner und Maischberger, presste er, ließ sich nicht hinhalten, ließ sich nicht einschüchtern und fand sich nicht devot damit ab, wenn seine Fragen nicht beantwortet wurden. Er setzte Trumps Top-Frau massiv zu – und all das ohne persönlich oder unfreundlich zu werden.
Eine Glanzleistung. Was könnte ein Journalist besser machen?


Unglücklicherweise ist der Erkenntnisgewinn dennoch gleich Null, weil Conway auch konsequent bei ihrer Linie blieb. Sie vermied jede Antwort, wich wieselartig aus, indem sie unablässig neue Themen ins Gespräch warf. Während sie all die Nebelkerzen schleuderte, tat sie ihr Bestes, um den Spieß umzudrehen, unterstellte ihrerseits CNN und Cuomo zu lügen, Fakten zu ignorieren, nicht zu berichten, so daß Chris Cuomo genötigt wurde zu reagieren und das zurückzuweisen.
Damit hatte sie aber erreicht was sie wollte; ihn auf ihr Terrain gezogen und verhindert, daß er erneut danach fragte, was sie nicht beantworten wollte.
Sie appellierte an ihre Basis, schmiss all die Trigger, die verblendete Rechte hören wollen: Drogen, Kriminelle, Islamisten schwappen über die Grenzen in die USA, Trump unterbinde dies, aber die „liberal media“ hinderten ihn daran.
Wer die Realität kennt, durchschaut Conways Spiel.
Aber das macht nichts, weil so einer auch vorher nicht Trump wählte.
Die ultrakonservativen Verschwörer hingegen erfreuten sich daran wie sie auf CNN einschlug und sich nicht packen ließ.

Das Wichtigste dürfte für sie war aber der Zuschauer Trump, der süchtig nach Schmeicheleien Conway noch mehr dafür lieben wird ihn gelobt zu haben.

Natürlich übernahm er auf Twitter sofort Conways Worte.


Januar 2018